Der FC Augsburg gegen Liverpool: Eine Hommage an ein Fußballspiel

Unglaubliche Stimmung: Augsburg feiert gegen Liverpool seinen Verein - und sich selbst. Foto: Alexander Heinle

Der FC Augsburg trotzt dem großen FC Liverpool ein 0:0 ab. Torloses Remis: Klingt nach Langeweile. Doch wer nach diesem Abend zaudert, hadert oder schimpft, war entweder nicht dabei oder hat kein Herz für den Fußball. Eine Hommage an ein Europapokalspiel.

Freilich muss man den Zeigefinger mahnend heben und daran erinnern, dass am Sonntag das weit wichtigere Spiel wartet. Natürlich kann man die vielen harmlosen halbhohen Flanken des FC Augsburg kritisieren oder den FC Liverpool, der in der ersten Halbzeit so bieder spielte wie zwei britische Adelsdamen eine Partie Backgammon. Sicher wird man nach Raul Bobadillas Verletzung auch auf die Mehrfachbelastung schimpfen. Wer meckern will über diesen Europapokalabend in Augsburg, der wird seine Gründe dafür finden - sollte aber hier keinesfalls weiterlesen.

Ein Spiel, vollgepumpt mit Erwartungen


Wochenlang hatte eine ganze Stadt dieses Spiel herbeigesehnt. Der FC Liverpool würde in der Augsburger Arena gastieren. Li-ver-pool. Wochenlang hatte sich eine Spannung aufgebaut, die sich an diesem Donnerstag komplett entlud. Aufregung und Begeisterung flossen gleichermaßen aus jedem der zahllosen Posts, die von Augsburg aus gesendet die sozialen Netzwerke fluteten. Dass Dortmund, Schalke und Leverkusen an diesem Tag auch noch gegen hochkarätige Gegner antraten, ging beinahe komplett unter in der Keine-Sau-Liverpool-Klopp-Euphorie.

Kann ein Fußballspiel, die in es gesteckten Erwartungen überhaupt erfüllen? Ist es bei all dem Enthusiasmus nicht dazu verdammt, zu enttäuschen?


Kohr-Grätschen und Abwehr-Kolosse: Ein intensives Duell


Wenn es das jemals gewesen sein sollte, dann entriss es sich mit jedem wuchtigen Zweikampf seines Verlaufs aus dieser Verdammnis, kämpfte mit jeder weiteren irren Grätsche, mit der Dominik Kohr durchs Mittelfeld pflügte, gegen diesen Fluch an. Sprengte mit jedem die Erde erschütternden Zusammenprall, wenn Augsburgs vorderste Reihe gegen die stiernackigen und doch ungemein athletischen Innenverteidiger-Kolosse Kolo Touré und Mamadou Sakho anrannte, diese Ketten.

Nach dem eher mauen Auftritt gegen den FC Bayern musste man staunen über die Leidensbereitschaft und Intensität, mit denen der FC Augsburg diese Begegnung anging, die für manchen beinahe wie eine der dritten Art wirken musste, bedenkt man, dass der Verein vor 15 Jahren für Ligaspiele noch Sand und Ismaning bereiste. Man durfte sich mitreißen lassen von der Augsburger Hingabe, die dieses Europapokalspiel im Schein des Arena-Flutlichts zu einem dieser Erlebnisse werden ließ, wenn der Kleine sich furchtlos mit dem Großen anlegt.


Das Augsburger Publikum atmet das Spiel


Angetrieben von einem Publikum, das bereits vor dem Anpfiff die kalte Februarluft in der Arena knistern ließ. Das dieses Spiel tatsächlich zu atmen schien, jeden Augsburger Schuss mit einem von all seiner Hoffnung gespeisten Aufschrei ankündigte. Das gebannt den Atem anhielt, wenn Liverpool dem Augsburger Tor für seinen Geschmack zu nahe kam, und so das Stadion in eine fast beängstigende Stille tauchte - um dann wieder einen Lautstärkepegel zu erzeugen, der einen zweifeln ließ, ob sich wirklich nur 25.000 Menschen im Betonkasten an der B17 befanden.

Die Arena feierte das Spiel, feierte sich selbst, feierte seine Helden. Darunter der lange verletzte Tobias Werner und der lange nicht mehr berücksichtigte Halil Altintop. Trainer Markus Weinzierl hatte den beiden, die maßgeblich zu der sensationellen Entwicklung des Klubs beigetragen haben, dieses Erlebnis geschenkt. Noch so eine Geschichte, die dieser Europa League-Abend schrieb.


Der Europapokal kommt doch noch in Augsburg an


Das Sechzehntelfinale jenes Wettbewerbs, der in Augsburg eher mit Skepsis aufgenommen worden war. Der manchmal wirkte, wie ein grellrosa Plüschbär, den man auf dem Plärrer als Belohnung für 100 Treffer am Schießstand bekommt, obwohl man ihn eigentlich gar nicht braucht.

Freilich blieben die großartigen Bilder der fröhlichen Augsburger Schlachtenbummler in Bilbao hängen und die prächtigen Choreografien. Aber auch die nicht ausverkaufte heimische Arena, die Zusatzbelastung für die Mannschaft, die dann doch nicht so hammermäßigen Lose für die Gruppenphase und die Heimniederlage gegen Belgrad. Musste das wirklich alles sein?

Doch seit dem Wunder im Auswärtsspiel bei Partizan, seit dem Los Liverpool und seit diesem Donnerstagabend hat sich das alles gelohnt. Klar mag es für jene, die kein Herz für Underdog-Fußball haben, ein schnödes 0:0 gewesen sein. Freilich steht dieses Match in der epochalen Geschichte der Liverpooler Europapokalauftritte nicht direkt neben dem 5:4-Sieg im Finale von Dortmund gegen Alaves oder gar dem Triumph von Istanbul, als man Milan nach einem 0:3-Pausenrückstand noch im Elfmeterschießen bezwang.

Eine Choreografie - während des laufenden Spiels


Zumindest für Augsburg wird dieses Spiel jedoch unvergessen bleiben. Der Abend, an dem Liverpool zu Gast war. An dem man den (derzeit nicht ganz so) ruhmreichen Reds ein 0:0 abtrotzte. An dem in Minute 80 die Zuseher die roten, grünen und weißen Fahnen der beeindruckenden Choreografie zwischen den Knien und unter den Schalensitzen hervorkramten, sie schwenkten und sich das flatternde Geräusch der Flaggen mit dem "Viva Augusta" der Kurve zu einer gänsehauterzeugenden Stadion-Symphonie vermischte.

Nach dem Rausch wartet Hannover


Man fragt sich, ob die Arena dem Jubel überhaupt standgehalten hätte, wenn der Schuss von Dong-Won Ji kurz vor dem Ende die andere Seite des Pfostens getroffen hätte und von dort ins Tor gesprungen wäre. Und man fragt sich, ob die Spieler nach diesem berauschten Abend und dem bevorstehenden Duell an der Anfield Road - in dem ein Weiterkommen nicht mehr unmöglich erscheint - die Partie in Hannover überhaupt wahrnehmen werden.

Nun wird also doch noch der Zeigefinger gehoben und sammeresk gemahnt: Wer schillernde Europacup-Nächte zelebrieren kann, muss mit derselben Leidenschaft den grauen Bundesliga-Alltag bewältigen können. Wenn es nur so leicht wäre. . . Ach Hannover, hießest du doch Liverpool.
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6 Kommentare
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Rene T. aus Augsburg - Haunstetten | 19.02.2016 | 10:39  
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Emil Augsburg aus Bobingen | 19.02.2016 | 12:51  
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Max Kaiser aus Augsburg - City | 19.02.2016 | 14:54  
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Markus Stadler aus Friedberg | 21.02.2016 | 13:11  
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Markus Stadler aus Friedberg | 21.02.2016 | 13:25  
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Max Kaiser aus Augsburg - City | 21.02.2016 | 14:55  
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