Der FC Augsburg in Ingolstadt: Auf der Suche nach dem Derby

Riecht nach Diskonebel, schmeckt nach Derby: Die Fans des FC Augsburg zünden kurz nach der Pause Rauchkörper. Foto: privat
 
Gezeichnet vom hart errungenen Auswärtssieg: Dominik Kohr, Raul Bobadilla und Daniel Baier. (Foto: Klaus Rainer Krieger)
Ingolstadt: Audi Sportpark |

Der FC Augsburg gewinnt in Ingolstadt das bayerische – ja was eigentlich? Verdient das Duell zwischen dem FCA und dem FCI wirklich das Prädikat „Derby“? Eine Spurensuche im Sportpark des FC Ingolstadt.

Ein Mann mit hellem Fünftage-Bart und rot-grün-weißer Häkelmütze dreht sich nach links. Zwei mattgraue Metallzäune, dazwischen eine zwei Meter breite Treppe voller Ordner, trennen den FCA-Fan vom Gros der Augsburger Schlachtenbummler. "Derbysieger, Derbysieger", schreit der Bärtige hinüber. Auf ein Echo wartet er vergebens.

Ein hart errungener "Auswärtssieg", wie ihn die gut 1500 Augsburger stattdessen skandieren, ist das verdiente 2:0 des FC Augsburg über den FC Ingolstadt sowieso. Aber ist er mehr als das? "Enorm wichtig" sei die Partie gewesen, betonte etwa Paul Verhaegh noch nach dem Schlusspfiff. Aber ein besonderes Gefühl, nein, das verspüre der FCA-Kapitän nicht. "Es sind auch nur drei Punkte."

Nackte Zahlen also nach einer Partie, die doch mit "Bayerisches Derby" überschrieben worden war. Derby, ein Wort, das Fans automatisch von den großen Duellen des Weltfußballs sinnieren lässt. Celtic gegen die Rangers, Boca gegen River Plate, Dortmund gegen Schalke. Rivalitäten, über Jahre gereift, teilweise gar übergegoren. Ob man jemals einen Dortmunder nach einem Sieg gegen "Herne West" von einfach "nur drei Punkten" sprechen hört? Dann aber existiert noch eine zweite Derby-Gattung. Die mediengemachten Pseudo-Derbys. Dazu gehört etwa das Nord-Süd-Derby, das der FC Bayern wahlweise gegen Werder Bremen oder mit dem Hamburger SV bestreitet.


FCI gegen FCA: Kein Grund, Tage vorher die Fingernägel zu malträtieren


Wo aber ist denn nun Augsburg gegen Ingolstadt anzusiedeln? Reicht die geografische Nähe schon aus, um ein Derby zu sein?

Dass einen Vorfreude und Anspannung vor dem irgendwo zwischen Abstiegskampf und Tabellenmittelfeld-Tristesse anzusiedelnden Kick an Spieltag zehn tagelang nervös die Fingernägel malträtieren ließen oder einen gar um den Schlaf gebracht hätten, war wohl kaum der Fall.

Ein paar Chaoten machen noch kein Derby


Dass jedoch eine gewisse Grundrivalität zwischen den Bayerisch-Schwaben und den Oberbayern besteht, wenn es um den Sport geht, zeigten alleine die unschönen Szenen in der Ingolstädter Innenstadt vor sowie nach der Partie am Augsburger Hauptbahnhof. Aber: Ein paar Chaoten machen noch lange kein Derby - und sollten auch kein Kriterium dafür sein. Für die Kategorie Derby sprechen schon eher die Gesichter der Augsburger Spieler, von denen man sie nach eineinhalb Stunden Abnutzungskampf mit den Schanzern ablesen kann, all die Geschichten von Erschöpfung und Erleichterung.

Am Sportpark selbst jedenfalls wirken die vor dem Anpfiff im Kreis angeordneten Grüppchen der Bereitschaftspolizei vor der Partie eher seltsam deplatziert inmitten der sich zwischen Café einer Fastfoodkette und Fanshop tummelnden Anhänger beider Lager und flanierenden Familien. Ein paar FCA-Fans um die 50 necken eine Gruppe gleichaltriger Ingolstädter. Einer der Polizisten schaut hinüber - eingreifen, nicht nötig.


Alkoholfreies Bier und FCI-Fans zwischen den Augsburg-Anhängern


Allerdings wird im Stadion, aus dem bereits Gesänge des Augsburger Anhangs auf den Vorplatz hallen, nur alkoholfreies Bier ausgeschenkt. Ein Indiz dafür, dass das Spiel von offizieller Seite doch kein x-beliebiger Bundesliga-Kick ist. Andererseits: Etwas mehr als 15.000 Zuschauer sind gekommen, einige der roten Sitze aber bleiben leer.

Immerhin zeigt die Heimkurve eine Choreografie, was eine Fußballplatz-Länge entfernt ein paar Halbstarke dazu animiert, den Zaun vor dem Gästeblock zu besteigen, drohend die Faust zu recken und am Ballnetz zu wackeln.

Ingolstadt wenig bundesligatauglich: Derby ist von Block I bis G


Der Auswärtssektor ist heute jedenfalls voll, was beim Pokalauftritt des FC Augsburg in München gegen die Bayern - ja auch ein bayerisches Derby - nicht der Fall war. Während im rappelvollen Gästeblock die FCA-Fans zwischen zwei Metallzäune gezwängt stehen, geht es auf den Stehplätzen auf der anderen Seite des Zauns lockerer zu - auch atmosphärisch. So weilen einige Zuseher mit rot-schwarzem Fanschal unbehelligt unter den schwäbischen Schlachtenbummlern.

Die Gesänge der heimischen Kurve verhallen jedoch irgendwo an der Mittellinie. Der kleine Rest, der drüben ankommt, wird vom beinahe pausenlosen Support der Augsburger Anhänger verschluckt. Derby ist irgendwie nur zwischen Block I und G, was aber vielleicht auch an der zumeist wenig bundesligawürdigen Leistung der Gastgeber liegt.

Zwischen Kiss-Cam und Rauchkörpern


Zumindest die Stadionsprecherin - die sich mit einem männlichen Kollegen die Bälle zuspielt, was dann ein bisschen nach Privatradio klingt - lobt die "tolle Unterstützung". Auf die Kiss-Cam, die Paare von der Tribüne auf die Stadionleinwand bringt, die sich dann freilich busserln müssen, folgen ACDCs "Thunder" - und rot-grün-weißer Rauch im Block des FC Augsburg.

Das riecht nicht nur nach Diskonebel, sondern schmeckt auch nach Derby. Die aufkommende Atmosphäre verfliegt jedoch, weil sie unnötigen Schmähgesängen gegen Polizisten im Gästebereich weichen muss. Schnell richtet sich die Aufmerksamkeit der Schlachtenbummler wieder dem Rasen. Dort legt der FCA nun noch einmal zu, ackert sich immer wieder gefährlich vors Ingolstädter Tor. Und dann entlädt sich binnen fünf Minuten sämtliche angestaute Spannung. Raul Bobadilla, Halil Altintop, Rot für Levels, eine Zwei-Mann-Laola mit Bobadilla und Daniel Baier - und ein Bärtiger, der "Derbysieger" schreit.

Die Partie hat Derbypotenzial, der große FCA-Rivale trägt aber weiter Blau


Aber trotz aller Dramatik: Bis zu einem Fußball-Klassiker fehlt FCA-gegen-FCI dann doch noch einiges. Dennoch ist es ein schöneres Nachbarschaftsduell als jenes zwischen dem FCA und den Bayern. Beide Mannschaften kommen über den Kampf, beide sind auf Augenhöhe. Das Potenzial ist da, zumindest regional ein bedeutsames Derby zu werden. Schließlich gab es die Begegnung ja erst drei Mal. Voraussetzung ist jedoch, dass beide die Klasse halten und dass man in Ingolstadt zumindest gegen den FC Augsburg die Kuss-Kamera abstellt.

Bis dahin kommen Augsburgs schärfste Rivalen weiter aus München - und tragen Blau. Dieses Derby wird es angesichts der derzeitigen Lage der Löwen wohl in naher Zukunft allenfalls im DFB-Pokal geben.
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George Stadler aus Augsburg - City | 10.11.2016 | 20:33  
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