Ein Fremdkörper im Eiskanal

Ein Fremdkörper im Eiskanal Ein Redakteur geht baden: Fabian Dörfler (hinten) bringt mir das Wasser des Eiskanals näher. Foto: Martin Augsburger/David Libossek

Schleuse, Waschmaschine, Eskimorolle: Der Augsburger Eiskanal ist eine rasante Kanustrecke - vor allem für einen Wildwasser-unerprobten Zeitungsredakteur. Ein Selbstversuch.

Überall um mich herum ist Wasser. Doch es lauert noch etwas anderes hier unten. Etwas weit beklemmenderes: Stille. Sie vermengt sich mit dem kühlen Wasser zu einem unheimlichen Gemisch. Und in dem hänge ich fest. Denn mein Kanu liegt so auf dem Wasser, wie es eigentlich nicht auf dem Wasser liegen sollte. Mit dem Bauch nach oben - und mit mir kopfüber ins Wasser hängend. Eine Stimme durchbricht die Stille. Es ist meine eigene. "Die Leine, die Leine", klingt es in meinem Kopf. Also taste ich mich mit der rechten Hand nach vorne. Alles läuft wie in einem Zeitraffer. Meine Finger umschließen die Schlaufe. Ich reiße daran und schieße nach oben.

Luft. Endlich wieder Luft. Wie ein Fisch japse ich nach ihr und sauge kräftig die wiedergewonnene Freiheit ein. Mit der Stille ist es auch vorbei. Sie ist dem Rauschen des Eiskanals gewichen - das vom Lachen von Fabian Dörfler noch übertönt wird. Der Schwabenkanute ist heute mein Fahrlehrer. Und die fränkische Frohnatur amüsiert sich lauthals über den abgesoffenen Redakteur. "Nur wer fällt, kann wieder aufstehen", floskelt er. Ein schwacher Trost. Dabei hatte der Tag so angenehm begonnen.

Elf Uhr am Klubheim des Vereins Kanu Schwaben. Keine Spur von Dörfler. "Zu spät kommen ist normal bei den Kanuten", witzelt ein Mann, der vorbeiradelt. "Der kommt schon gleich." Und tatsächlich, eine Viertelstunde später stapft ein gut gelaunter Dörfler um die Ecke. Baseballcap, blaue Adiletten und ein verschmitztes Grinsen. Er schleppt zwei Paddel und - Gott sei dank, denke ich bei mir - je zwei Helme und Schwimmwesten. "Ich wollte nicht zu spät kommen", entschuldigt sich der Kanute und tut das, was er irgendwie ununterbrochen tut: Er lacht.

Die erste Hürde, die ich nehmen muss, ist der Spritzschutz. Eine Neoprenschürze, die später dafür sorgt, dass kein Wasser ins Boot läuft, und in die ich mich mit Ach und Krach hineinzwänge. Gut, dass ich nicht gefrühstückt habe. Schwimmweste und Helm nehme ich dankend entgegen. In voller Montur watscheln wir zum Bootsschuppen und Dörfler zieht einen knallgelben Zweisitzer heraus. Gemeinsam hieven wir ihn an den Rand der Nebenstrecke des Eiskanals.

Bange ist mir nicht. Schließlich habe ich gleich einen Experten in meinem Rücken sitzen. Fabian Dörfler begann im Alter von acht Jahren in Bayreuth mit dem Kanusport. 2003 zog er nach Augsburg - des Eiskanals wegen. Das zahlte sich zwei Jahre später aus, als Dörfler seinen größten Einzelerfolg feierte; den Weltmeistertitel im Einer-Kajak. Aktuell hat der 32-Jährige seinen Master in Materialwissenschaften abgeschlossen - und den Leistungssport gegen Wildwassertouren getauscht.

Heute hat er extremen Ballast an Bord - mich. Dörfler löst die Herausforderung routiniert. "Gleich scheppert es ein bisschen", kündigt er an und lässt unser Gefährt von der Betonkante ins Wasser plumpsen. Ich paddle einfach mal fleißig drauf los - und tatsächlich: Die etwas seltsam anmutenden Trocken-Paddel-Übungen zuvor zeigen Wirkung. "Das schaut doch schon gut aus", lobt mich der Kanute.

Mit meiner Performance ist er offenbar derart zufrieden, dass wir uns wenig später durch eine mattgrüne Metallschleuse in die Fluten der Olympiastrecke stürzen. Ich schließe kurz die Augen und den Mund, denn das kalte Wasser der ersten Stromschnelle klatscht mir ins Gesicht. Welch wunderbare Abkühlung bei mehr als 30 Grad. Galant steuert Dörfler unser Boot durch den Kanal. Mal zieht er druckvoll am Paddel, mal durchschneidet er sanft das Wasser. Er lässt "die Strömung für uns arbeiten", erklärt er.

Zuckerstangen und Schweinshaxen

Und während wir geschmeidig zwischen wie übergroßen Zuckerstangen herabbaumelnden Hindernisstangen hindurchgleiten, bereitet mich Dörfler auf die Waschmaschine vor - den Abschnitt mit der stärksten Strömung, auf dem man "einfach gut nass wird". Den Kanuten, der kommende Woche nach Russland aufbricht, um dort durchs Wildwasser zu paddeln, lässt das derart kalt, dass er mit einem Kollegen im Boot neben uns noch über die Schweinshaxen fabuliert, die er tags zuvor gegessen hat.

"Wir sind hier wie eine große Familie", merkt Dörfler an, dann steckt er uns bereits in die Waschmaschine. Ich bin froh, dass mir keine Haxe schwer im Magen liegt. Das Wasser peitscht mir um die Ohren. Mit der Menge, die ich da schlucke, sollte wohl auch mein Flüssigkeitsbedarf für diesen Tag gedeckt sein. Ans Paddeln denke ich schon lange nicht mehr. Nach wenigen Sekunden als lebendes Hemd, das gleichzeitig gespült und geschleudert wird, tauchen wir aus der weißen Gischt auf.

Spätestens jetzt bin ich angefixt und fordere von Dörfler die Eskimorolle, eine 360-Grad-Drehung unter Wasser. Wenige Augenblicke später steht die Welt Kopf. Mein Himmel ist nun der algenbewachsene Betonboden, um mich herum nur trübes Kanalwasser. Plötzlich drückt mir etwas an den Hinterkopf, dann tauche ich unbeholfen zwischen Kanu und Wasseroberfläche auf.

Orientierungslos bei der gratis Nasendusche

"Ich musste deinen Kopf nach vorne schieben", sagt Dörfler und schiebt sein Lachen hinterher. "Sonst hätte ich dich mit dem Paddel erwischt." Vor lauter Orientierungslosigkeit hatte ich vergessen, mich klein zu machen, wie Dörfler es mir aufgetragen hatte. Dafür hatte der Kanute es verpasst, mir mitzuteilen, meine Nase zu blockieren, was mir eine gratis Spülung eingebracht hat.

Noch etwas daneben, dafür mit freier Nase watscheln wir zur Übungsstrecke. Jetzt soll ich alleine los. Besser gesagt, soll ich Dörfler gegen die Strömung folgen. Der frühere Weltmeister bewegt sich, als wäre er ein Teil des Wassers - ich mich wie ein Fremdkörper. Ich paddle um mein Leben, bewege mich jedoch nicht einen Zentimeter vorwärts. Dann drifte ich nach links.

Plötzlich ist alles still. Bis auf die Stimme im Kopf, die ruft: "Die Leine, die Leine."
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