Endet Trochowskis Leidensweg beim FC Augsburg?

Piotr Trochowski absolviert seit Donnerstag ein zweitägiges Schautraining beim FC Augsburg. Es könnte das Ende einer zwei Jahre andauernden Leidenszeit sein. Trainer Markus Weinzierl stellt "Troche" gar einen ersten Einsatz in Aussicht. Der Ex-Nationalspieler wäre ein typischer FCA-Zugang.

Barfuß, die Jeans hochgekrempelt, lässt Piotr Trochowski am Elbstrand Steine übers Wasser flippern. Dabei lächelt er wie ein Schulbub. "Troche" nennen sie ihn, den Jungen aus Hamburg, der 2005 in die große Fußballwelt aufbrach. Die Lockerheit ist allerdings nur auf einem Foto auf seiner Homepage zun sehen, neben dem als nächste Partie das Europa League-Match seines FC Sevilla gegen den SC Freiburg am 3. Oktober 2013 angekündigt ist.

Die Karriere des Ex-Nationalmannschaftsspielers ist in den vergangenen zwei Jahren alles andere gewesen als lässiges Abhängen an der Elbe. Der arbeitslose Trochowski ist fußballerisches Treibgut, das nun beim FC Augsburg angespült wurde.

Er will endlich wieder Boden unter den Füßen spüren. Genauer gesagt: Rasen. "Einige würden nach 35 Länderspielen vielleicht sagen, ich muss mir das nicht mehr antun, ich mache kein Probetraining. Aber ich bin gerne dazu bereit, weil ich nichts mehr will, als weiter Fußball zu spielen", sagt Trochowski. Und genau das tut er nun bei Markus Weinzierl und seiner Mannschaft.

Champions League und WM-Halbfinale: Eine Vita, von der viele träumen


35 Mal Nationalelf - eine Hausnummer, aber auch eine Zahl, die einen mit dem Kopf schütteln lässt, wenn man bedenkt, was mit "Troche" geschehen ist. Seine Vita liest sich wie eine Traumkarriere: Mit 15 Jahren zog es ihn aus der Jugend des FC St. Pauli nach München in die U 17 des FC Bayern. Vier Jahre später gehörte er dem Profikader an, absolvierte in seiner zweiten Spielzeit bereits 13 Einsätze - auch damals kein Selbstverständnis in der Münchner Startruppe.

Dennoch zog es ihn 2005 zurück an den Elbstrand. Im Dress des Hamburger SV startete der Deutsch-Pole richtig durch. Brachte es auf 193 Bundesliga-Spiele inklusive 21 Toren und 36 Vorlagen, spielte mit dem HSV in der Champions League und steigerte seinen Marktwert auf zwischenzeitlich zehn Millionen Euro. Während der WM 2010 lief Trochowski viermal für Jogi Löw auf - im Halbfinale ersetzte er für etwas mehr als eine Stunde den gesperrten Thomas Müller.

Zwölf Minuten nach dem Tor gegen Barca geht die Karriere den Bach runter



In das Land des damaligen Gegners zog es Trochowski 2011: Spanien, Sevilla, internationale Erfahrung sammeln. 35 Mal lief er in La Liga auf, meist im defensiven Mittelfeld, spielte eine solide Saison. In der nächsten Runde agierte der 1,69-Meter-Mann, der links wie rechts feinfüßig abgeben, aber auch knallhart abziehen kann, offensiver. Ein Treffer, ein Assist in den ersten fünf Begegnungen. Dann kam der 29. September 2012 - der Tag ab dem die Laufbahn des Jungen von der Elbe den Bach runtergehen sollte.

Dabei begann alles so vielversprechend. Trochowski traf nach 25 Minuten per Linksschuss zum 1:0 für Sevilla gegen das Post-Pep-Barcelona unter Trainer Tito Villanova. Nur zwölf Minuten später musste "Troche" verletzt raus. Knorpelschaden im Knie, Saisonaus in Runde sechs. "Obwohl ich das genaue Ausmaß der Verletzung zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht absehen konnte, überkam mich der Gedanke an das unvermeidliche Ende meiner Fußballkarriere. Ich spürte Trauer, Wut, Enttäuschung sowie Resignation und dachte: Piotr, das war’s!", schrieb der Mittelfeldspieler später in einem Essay in der Zeit.

Trochowski: "Zwangspause war beste Erfahrung meines bisherigen Lebens"



In der Folgesaison kämpfte sich Trochowski dennoch zurück - nach einem Jahr Fußballabstinenz. "Mit der wachsenden Gewissheit, dass ich früher oder später wieder einen Ball am Fuß haben werde, wurde die Reha zu einer schönen Zeit für mich. Um es provokant zu formulieren: Die beinahe zwölfmonatige Zwangspause war vielleicht die beste Erfahrung meines bisherigen Lebens", erinnert er sich. Er absolvierte daraufhin 18 La-Liga-Partien.

Doch dann begann die wohl seltsamste Erfahrung seines Lebens. Sevilla will den bis 2015 gültigen Vertrag auflösen. Einfach so. "Eine richtige Begründung kenne ich bis heute nicht", schrieb der heute 31-Jährige in der Zeit. Die schriftliche Kündigung erhält er einen Tag vor Schließung des Transferfensters im August 2014.

Physios sind angewiesen: Behandelt Trochowski nicht mehr


Die Physiotherapeuten des Vereins verweigerten am nächsten Tag gar die Behandlung. "Sie hatten vom Verein die Ansage bekommen, mich nicht zu behandeln. Ihnen tat das leid, sie wussten ja, was ich nach meiner Verletzung alles investiert hatte, um wieder dabei zu sein", erzählte Trochowski der Süddeutschen Zeitung.

Der ehemalige Nationalspieler hielt sich daraufhin auf eigene Kosten in Andalusien fit. Der Rechtsstreit mit dem Verein läuft noch immer. Eine Fortsetzung gibt's im September dieses Jahres.

Runden neben Markus Feulner, Lob von Weinzierl


Nun also Augsburg. Neben Markus Feulner drehte Trochowski am Donnerstag seine ersten Runden über den Trainingsplatz an der Augsburger Arena. Ein alter Weggefährte, noch aus Bayernzeiten. Irgendwie ist er äußerlich kaum gealtert. Manchmal, wenn er lächelte, blitzen die Bilder von dem talentierten Jungen auf, den man von früher aus der Bundesliga kennt. Meistens blickte er aber ernst, angespannt - gezeichnet von der langen Leidenszeit, die nun endlich enden soll. Ein Wechselbad - wie seine Karriere.

"Er ist ein guter Spieler mit einer guten Vergangenheit. Er ist vielseitig, man kann Piotr Trochowski nicht auf eine Position festlegen", urteilte Trainer Markus Weinzierl nach der Einheit gegenüber dem kicker. "Vielseitige Spieler sind immer gut, wenn du viele Spiele vor dir hast", fügte er an.

Ein typischer FC-Augsburg-Transfer


Trochowski wäre irgendwie ein typischer Augsburger Transfer. Ein Spieler, der den Gipfel seines Schaffens mutmaßlich lange überschritten hat oder eigentlich nirgends mehr wirklich gewollt ist, aber in Augsburg unter Weinzierl zu neuen Höhen findet. Raul Bobadilla, Halil Altintop, mit Abstrichen auch Alexander Esswein sind solche Beispiele. Verlieren kann der FCA mit einer Trochowski-Verpflichtung jedenfalls nicht.

Der beidfüßige Mittelfeldzwerg, der sich in den Spielformen auf Linksaußen vor allem stark am Ball zeigte, würde Weinzierl mehr Spielraum geben, um zu rotieren. Der Weißheit letzter Schluss dürfte "Troche" in Sachen Transfers aber dennoch nicht sein. Auch wenn Weinzierl einräumte, man tue sich schwer, passende und bezahlbare Spieler zu finden.

Am Freitag im Tornado-Opfer-Benefizspiel in Aindling könnte Trochowski jedenfalls im Leibchen des FC Augsburg zu sehen sein. "Wir werden uns darüber unterhalten, ob das in seinem Sinne ist", kündigte Weinzierl an. Trochowski selbst verweigerte Interviews. Vielleicht aber lässt er bald Steine über den Lech flippern. Ganz locker, lächelnd. So wie früher am Elbstrand.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.