"Es gibt Schlimmeres als eine Niederlage"

Der FC Augsburg hat sein Bundesligaspiel gegen die TSG Hoffenheim 1:3 verloren - trotz einer ordentlichen Partie, in der die Weinzierl-Elf lange den Ton angegeben hatte. Das Resultat wurde in der Augsburger Arena jedoch zur Nebensache.

Ein Nebel der Trauer umhüllte die Atmosphäre rund um die Bundesliga-Partie des FC Augsburg gegen die TSG Hoffenheim. Die Fans und der Verein trauern um zwei junge FCA-Anhänger, die auf der Heimfahrt vom Auswärtsspiel in Mönchengladbach mit dem Auto tödlich verunglückt waren. Hunderte legten Blumen vor der Nordkurve nieder, zündeten Kerzen an oder hielten einfach einen Moment lang inne. Im Stadion lief während beide Mannschaften das Aufwärmprogramm absolvierten Claptons "Tears in Heaven".

Von beklemmend bis Gänsehaut-verursachend wirkte die Stimmung in der Augsburger Arena. Zweiteres vor allem, als kurz vor und während des Einlaufens der Teams das Publikum die Schals und später Genesungswünsche für die drei weiteren, verletzten Unfallopfer auf weißen Zetteln über die Köpfe hielt und wie ein Trauerchor auf die Melodie von "Amazing Grace" den FCA besang. "Das ging unter die Haut", sagte später auch Hoffenheims Trainer Markus Gisdol.

Koo: "Wollten für die Fans Vollgas geben"
Die Mannschaft zeigte sich zunächst unbeeindruckt von der ungewöhnlichen Kulisse. "Nicht angenehm", sei es zwar gewesen, gab Ja-Cheol Koo nach der Partie zu. "Aber wir wollten Vollgas geben. Für die Fans. Für alle." Das gelang dem FCA zunächst. Dominik Kohr zielte nach sieben Minuten aus 20 Metern drüber, eine Minute später versuchte sich Raul Bobadilla an einem Seitfallschuss; nur ein Hoffenheimer Fuß verhinderte den Einschlag. Die darauffolgende Ecke brachte Bobadilla scharf in die Mitte - und dann lief alles ganz schnell.

Zu schnell für die aufgerückte Augsburger Defensive. "Wenn der Ball beim Gegner landet, muss jeder sofort einen Stromschlag kriegen und zurücklaufen", analysierte Torhüter Marwin Hitz nach der Partie das zu langsame Umschalten seiner Vorderleute. Konstantinos Stafylidis und Ragnar Klavan schafften es daher nicht, Kevin Volland am rechten Sechzehnereck zu stellen. Der bedankte sich für den Freiraum und lötete den Ball ins kurze Eck: 0:1 aus Augsburger Sicht.
Augsburg wackelt kurz, fängt sich und trifft die Latte
Nun brachen die rund 200 Gästefans - die kleine Gruppe hatte mit einem Transparent und Gesangsverzicht ihre Anteilnahme gezeigt - ihr Schweigen. Fünf Minuten später feuerte auch Augsburgs Nordkurve erstmals ihre Elf an. Die wackelte jetzt nämlich. "Klar, dass wir nach den 20 Minuten in Gladbach verunsichert waren", sagte Hitz im Bauch der Arena. Er bezog sich sicher auch auf die 19. Minute, als Dominik Kohr und Paul Verhaegh ineinanderrasselten und Glück hatten, dass Hoffenheim den Freiraum nicht ausnutzte und den Angriff mäßig zu Ende spielte, so dass Eduardo Vargas aus 18 Metern abziehen musste und Hitz den Ball aus dem Eck tauchen konnte.

Der FCA fing sich nun aber wieder. Alexander Esswein suchte halbrechts in der Hoffenheimer Box den Abschluss. TSG-Schlussmann Oliver Baumann drehte das Geschoss jedoch um den Pfosten, Halil Altintop köpfte nach präziser Flanke des emsigen Esswein nur an die Latte.

Koos Treffer löst kurz Normalität aus
Der formstarke Außenspieler bediente kurz darauf Ja-Cheol Koo, der den Ball per Kopf in Richtung Tor lenkte, jedoch nicht platziert genug (36.). "Wir nutzen unsere Chancen einfach nicht", konstatierte nach der Partie Piotr Trochowski. Augenblicke nach dem Koo-Kopfball aber ergriff der FC Augsburg eine seiner zahlreichen Möglichkeiten: Baumann ließ eine flache Stafylidis-Hereingabe passieren - Koo staubte zum 1:1 ab. Kurz herrschte Normalität in der Arena. Jubel und Tormusik - alles wie immer.

Doch wiederum Sekunden später, während der Augsburger Feierlichkeiten, musste Hong eine überragende Rettungstat leisten und im letzten Moment dem enteilten Vargas den Ball vom Fuß grätschen.

Bobadilla dreht auf, der FCA macht Druck
Der FC Augsburg kehrte nach der Pause dennoch selbstbewusst zurück auf den Rasen. Bobadilla warf sich wuchtig ins Kopfballduell mit zwei Hoffenheimern, schnibbelte den anschließenden Freistoß aus 20 Metern vor dem Hoffenheimer Tor selbst drüber. Nach einem stark vorgetragenen Angriff über Rechts war der bullige Angreifer per Kopf zur Stelle, drückte den Ball aufs rechte untere Eck, doch dorthin tauchte auch Baumann rechtzeitig ab und parierte.

Das Publikum reagierte auf diese Drangphase des FC Augsburg mit den ersten stehenden Ovationen während der Partie. Und Bobadilla sprengte nun jegliche Ketten: Einem explosiven Antritt ließ der Argentinier einen strammen Schuss folgen, den Baumann sehenswert über die Latte lenkte. Augsburgs Stürmer eilte umgehend zur Ecken-Ausführung. Keine Zeit verlieren, nur nicht das Tempo und den Druck rausnehmen.

Augsburgs Defensive patzt - Hoffenheim eiskalt
Denn Augsburg wirbelte die Hoffenheimer nun kräftig durcheinander. "Nicht überragend, aber gut", urteilte Hitz. Auf jeden Fall genug, um "die bessere Mannschaft zu sein". Niklas Süle konnte den flinken Esswein nur per regelwidriger Grätsche bremsen. Der Freistoß wurde freilich wieder zur Sache für Bobadilla. Und einen, der gerade mit aller Kraft ein Fußballspiel gewinnen will, schreckt kein noch so spitzer Winkel ab. Der Schlenzer von links außen wurde jedoch von der Mauer über das Tor abgefälscht.

"65 Minuten habe ich ein gutes Spiel meiner Mannschaft gesehen", attestierte Trainer Markus Weinzierl. 65 Minuten, weil just in diese beste Phase des FC Augsburg hinein, ein langer Ball in Richtung Eduardo Vargas segelte. Jeong-Ho Hong verschätzte sich zunächst, eilte hinterher und legte den Chilenen plump - Elfmeter, Volland, 1:2 (65.). Die Defensive des FCA begann nun zu bröckeln. Volland vollführte ungehindert einen herrlichen Pass auf Jonathan Schmid, der frei vor Hitz das 3:1 ins Netz zimmerte. Kurz darauf verschätzte sich Klavan fürchterlich bei einem hohen Pass auf Vargas, der den Fehler des Esten zu einem unwiderstehlichen Knaller an die Latte nutzte.

Das letzte Aufbäumen wird nicht belohnt
Auch Bobadillas Akku leuchtete nun endgültig rot, Tim Matavz ersetzte ihn. Wesentlich bemerkenswerter geriet jedoch der Einstand von Trochowski. Sein erster Ballkontakt durfte gleich ein Freistoß aus bester Lage sein. Jedoch verhinderte abermals Baumann einen weiteren Augsburger Treffer. Bei einem flachen Schuss von Koo konnte der Schlussmann nur mehr hinterher blicken - der Ball trudelte aber am langen Pfosten vorbei. Und auch eine einen Tick zu kompliziert durchgeführte Augsburger Kombination, an deren Ende Trochowski verzog, brachte nicht den Anschlusstreffer.

Über das Stadion hatte sich da schon lange wieder ein Teppich des Schweigens gelegt. Kein Antreiben zur Aufholjagd, kaum Gesänge. Eine solch ungewöhnliche Atmosphäre dürfe jedoch "keine Ausrede sein", meinte später Trochowski. Auf dem Platz habe man ohnehin "Scheuklappen auf", ergänzte er.

Reuter: "Schlimmeres als eine Niederlage"
Der FC Augsburg hat nun vier Punkte aus sieben Spielen auf dem Konto, die Lage sei "schwierig", kommentierte Sportchef Stefan Reuter zweisilbig. "Die Mannschaft weiß aber, wie man aus einer solchen Situation rauskommt", schob Reuter hinterher. Und außerdem, nahm Reuter Bezug auf die beiden verunglückten Fans, "gibt es Schlimmeres, als eine Niederlage".

Als dann die Tür zwischen Spielfeld und Katakomben aufschwang, schwappte kurz der erneute Trauergesang der Fans in die Interviewzone. Fußball geriet an diesem Tag in der Augsburger Arena tatsächlich zur Nebensache.
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