FCA bei den Bayern: Bittersüße Rückkehr für Abwehr-Eiche Callsen-Bracker

Datschi gegen Weißwurst, Puppenkiste gegen Staatstheater, Überraschungs-Europaligist gegen Champions-League im Abo: Der FC Augsburg unterliegt im Derby dem FC Bayern München 1:2. Das lag nicht an der kurzfristig umbesetzten Abwehr, in der Rückkehrer Callsen-Bracker die Bayern zum Verzweifeln brachte.

In der Schlussminute winkte Jan-Ingwer Callsen-Bracker ab. Seine Geste mit der rechten Hand galt der Jubeltraube des FC Bayern unmittelbar neben ihm. Den Männern in Rot, die ein Elfmetertor von Thomas Müller feierten. Eines, das nicht hätte fallen dürfen - weil Münchens Costa gefallen war. Einfach so, gegen die Brust von Markus Feulner. Und weil Linienrichter Robert Kemper daraufhin seine Fahne gehoben hatte.

Eisiges Wasser: Bibbern ist nicht Callsen-Brackers Ding
Aber der Reihe nach. Während Augsburgs Schlachtenbummler ihre Mannschaft bereits vor dem Anpfiff mit Europapokal-Gesängen feierten, erhielt FCA-Trainer Markus Weinzierl in der Kabine schlechte Nachrichten. Jeong-Ho Hong musste verletzt passen. Kein Derby also für den Südkoreaner, der bisher an seine starken Auftritte in der Endphase der Vorsaison angeknüpft hatte, der einer der Lichtblicke während des Fehlstarts des FC Augsburg war.

Somit musste einer ins kalte Wasser springen, der seit dem 21. März nicht mehr in der Startelf des FC Augsburg stand: Callsen-Bracker. Der 1,88-Abwehrschrank reihte sich ein neben den Dauerbrennern Paul Verhaegh und seinem sonst gewohnten Innenverteidiger-Partner Ragnar Klavan. Auf der linken Seite ersetzte Markus Feulner den wegen muskulären Problemen fehlenden Philipp Max.

Klavan und Callsen-Bracker: Wie Lukas und Jim Knopf
Kaltes Wasser also für Callsen-Bracker, vielmehr eisiges Wasser gegen die derzeit vor Mia-san-Mia-Mentalität nur so strotzenden Bayern. Doch mit seinen 30 Jahren und 158 Bundesligaspielen kennt der Innenverteidiger kein Bibbern. Klavan und Callsen-Bracker, das ist wie Rathaus und Perlach, wie Wertach und Lech oder wie Jim Knopf und Lukas - sie gehören zusammen. Und so reihte sich der Hüne aus Schleswig-Holstein problemlos wieder ein in die Vier-Mann-Abwehrkette des FC Augsburg.

Rasanter ging's allerdings neben den beiden zu: Verhaegh mit humorloser Grätsche gegen Costa, Feulner einige Male als Zuseher, wenn Bayern-Rechtsverteidiger Philipp Lahm hinterlief. Doch dann standen sie da, die Türme. Reihten Kopfball an Kopfball, Ausputzer an Ausputzer. Der Fun-Faktor für Thomas Müller und Robert Lewandowski dürfte sich gen Null bewegt haben. Die beste Gelegenheit hatte dann Thiago, der zwischen Klavan und Feulner frei zum Kopfball kam und Marwin Hitz per Kopf zu einer flinken Parade zwang (20. Minute).

Augenkontakt und kleine Gesten
Das wichtigste Element in der Chemie Callsen-Brackers und Klavans: der Augenkontakt. Daraufhin folgen kleine Gesten: Stückchen vor, etwas tiefer, enger dran. Viertelstündlich wechselt das Duo den Kommandoposten in der Abwehrkette. Und das lief gegen die Münchner einwandfrei.

Auch weil Callsen-Bracker seine Aversion gegen überschüssige Finesse zeigte. So zestörte er in Minute 35 humorlos die Magie eines Zauber-Passes von Xabi Alonso und knallte direkt darauf einen Hacken-Schupfer von Thomas Müller aus dem Fünfer. Und weil die Münchner nicht wie Entfesslungs-Magier Harry Houdini Wege fanden, den engmaschigen Defensivknoten um Callsen-Bracker und Klavan zu lösen, passierte das, was im Fußball eben passiert.

Die Abwehrkanten feiern abseits des Rampenlichts
Dann trifft der bislang ungefährlichste Angriff der Liga eben in München das Tor. Während die Zuschauer auf der sonnengefluteten Gegengerade vor Schreck das Fächern einstellten und vorne die Kollegen Alexander Esswein zu seinem grob geschätzt 400 km/h-Geschoss ins Bayern-Netz gratulierten, feierten abseits des Rampenlichts die beiden Abwehrkanten per hoher Zehn. Gelassen, genüsslich, gemeinsam.

Gut gelaunt kehrten die beiden dann auch aus der Bodenluke neben dem Münchner Spielfeld von der Kabinenansprache zurück. Klavan, der nach formschwachem Ligastart von der Anwesenheit seines Verteidigerkumpels zu profitieren schien, strahlte über das gesamte bärtige Gesicht, während sein Nebenmann mit Verhaegh letzte Details abklärte.

Callsen-Bracker: Wie eine Eiche aus dem Siebentischwald
Vielleicht hatte Callsen-Bracker dem Kapitän von seinem Vorhaben berichtet, Lewandowski endgültig den sonnigen Samstagnachmittag zu ruinieren. Zweimal ließ er den Polen auflaufen. Auch wenn Partner Klavan den Stürmer einmal entkommen ließ - der Abschluss kam direkt auf Hitz - hatte der FCA alles im Griff.

Und wenn er mal locker ließ, stand da eben Callsen-Bracker wie eine alte Eiche im Siebentischwald. Block gegen den freien Müller (63.) und den einschussbereiten Lewandowski (65.) sowie nach 73 Minuten per Grätsche gegen Müller: Der Mann, dessen blonder Haarschopf während jeder Aktion über den Hinterkopf tänzelte räumte ab.

Als Lewandowski abstaubt, muss Callsen-Bracker hilflos zusehen
Bis zu Minute 77. Als Daniel Baier Lewandowski im Mittelfeld nicht stellen konnte und der mit mächtig Tempo am danebengrätschenden Callsen-Bracker vorbeizog und der Comebacker hilflos mit ansehen musste, wie ausgerechnet der Stürmer, den er an den Rande der Verzweiflung geackert hatte, zum Ausgleich für die Bayern einschob.

Beinahe erlebte Callsen-Bracker acht Minuten später in Déjà-vu, das Hitz mit abermals großer Tat, dieses Mal gegen Lewandowski, verhinderte. Dann begann die 89. Minute - und Costa fiel in Feulner.
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