Keine Blumen, keine Pfiffe: Markus Weinzierls bemerkenswert unspektakuläre Rückkehr zum FC Augsburg

Zurück in der Augsburger Arena: Markus Weinzierl.

Markus Weinzierl mit dem FC Schalke beim FC Augsburg: Freilich ist die Rückkehr von einem Trainer, der vier Jahre lang für einen Verein tätig war, etwas Besonderes. Weinzierl erlebte das emotionale, nach Traumtoren 1:1 seiner neuen gegen seine alte Mannschaft zunächst gelassen, später jedoch verärgert über seine jetzige Elf. Einen Augsburger ignorierte er beharrlich.

Auf der letzten Stufe der Treppe, von deren Ende aus ein kurzes Stück Tunnel auf das Spielfeld der Augsburger Arena führt, hält Markus Weinzierl einen kurzen Moment inne. Er blickt in Richtung Rasen, als wüsste er selbst nicht, was ihn erwartet, lächelt kurz, dann tritt er ins gleißende Flutlicht. Als wirklich Letzter des königsblauen Trosses.

Viel war über diesen Augenblick spekuliert, viel geredet und geschrieben worden. Als er am Samstagnachmittag um 14.42 Uhr eintritt, passiert im Stadion an der B17: nichts. Keine Pfiffe, keine Gesänge, nicht einmal ein zartes Raunen - und wie angekündigt keine Blumen. Es ist wohl eben das, was Marwin Hitz vor dem Spiel gemutmaßt hat. Eine tolle, eine spezielle Sache sei das mit der Rückkehr von Markus Weinzierl in die Augsburger Arena - "für euch Medien".

Während der FCA-Anhang seine Banner, etwa das fragwürdige "Winterpause nutzen, Georg Teigl abschieben", lieber dem wegen seines Gangs vor die Leipziger Fankurve in Ungnade gefallenen Außenverteidiger widmet, obliegt der Weinzierl-Bohai den Kamerateams und Fotografen. Umzingelt von deren glänzenden Linsen spricht Weinzierl bereits um 14.43 Uhr ins erste Mikrofon.

Augenzwinkern und Umarmungen: Reuter lässt er rechts liegen


Ansonsten: Ein Augenzwinkern hier, ein Händedruck und eine Umarmung dort - an der Schalker Bank, an der sich seit geraumer Zeit Augsburgs Sportchef Stefan Reuter aufhält, geht er jedoch den Blick aufs Spielfeld gerichtet vorbei. "Bis jetzt hat er mich ignoriert", wird Reuter, der unter der Woche noch einmal seiner Enttäuschung über Weinzierls Abgang im Sommer Luft gemacht hatte, gar lange nach dem Schlusspfiff des 1:1-Remis des FC Augsburg gegen den FC Schalke sagen.

Nachdem er Reuter rechts liegen ließ, steht Weinzierl dort, wo er auch in seinen vier Jahren FC Augsburg vor den Partien stand: am Rand des Aufwärmprogramms seiner Mannschaft - oder, ein kleiner Unterschied, sogar mittendrin.

Schimpftiraden von Reuter: Weinzierl ignoriert's


Im ersten Durchgang ruht Weinzierl - Jeans, helles Hemd, Sako und Sneaker - meist an der Ecke seiner Coaching Zone, tingelt ab und an kurz zur Bank, um dann doch wieder nach vorne zu treten. Nach etwas mehr als zwanzig Minuten tigert der Schalker Trainer mit den Händen in den Hosentaschen, gesenktem Kopf und in Falten gelegter Stirn durch seine Coaching-Zone. Er muss Breel-Donald Embolo ersetzen, der nach einem Foul von Konstantinos Stafylidis, bei dem sich der Grieche laut Trainer Dirk Schuster "dämlich anstellte", mit Sprunggelenkbruch vom Platz muss.

Und weil jetzt Hektik aufkommt, wie bei einer Schulhofrauferei, in der Johannes Geis Dong-Won Ji per Grätsche den nächsten Tiefschlag versetzt, muss sich Weinzierl in seinem Rücken wüste Schimpftiraden von dort anhören, wo er einst saß. Von der Augsburger Bank - allen voran von Sportchef Reuter. Den Niederbayer aber lassen die fränkischen Beschwerden kalt. Breitbeiniger, fester Stand, ein ruhiges Zwiegespräch mit Schiedsrichter Tobias Stieler - keine Scharmützel, nicht heute.

Augsburgs Sechserkette lässt Weinzierls Mimik verhärten


Eben weil Weinzierl zunächst alles so stoisch zur Kenntnis nimmt, kann der Betrachter alleine an seiner Mimik ablesen, welchen Verlauf die Partie in den letzten 15 Minuten der ersten Halbzeit nimmt. Angespannte Kiefermuskulatur, die Augenbrauen streng, steil nach unten gerichtet: Die Elf seines Nachfolgers Dirk Schuster, der bei all den Verletzten, die er ohnehin schon ersetzen muss, auch noch auf Alfred Finnbogason und Markus Feulner verzichten musste, schirmt teils in einer Sechserkette das eigene Tor ab.

Weinzierls Schalker finden wenige Mittel, die Gesichtszüge des Trainers verhärten sich von Minute zu Minute stärker. Kurz vor der Pause entlädt sich der angestaute Frust in Richtung Augsburger Mannschaft: Die hatte es versäumt, das Spiel zu unterbrechen, während Eric-Maxim Choupo-Moting auf dem Boden lag. Weinzierl schreit, giftet, wedelt mit den Armen - als der Ball bereits längst im Seitenaus liegt.

Die Faust nach oben: Weinzierl feiert Schalkes 1:0


Weinzierl, als Erster in der Kabine und als Letzter wieder zurück, verharrt wenig später wieder an der Trainer-Limit-Linie. Die Faust geballt, nach oben Richtung wolkenverhangenem Frühherbst-Himmel gestreckt. Das 1:0 für seine neue Mannschaft gegen seine alte. Lange wird es nicht halten. Weil Weinzierls Schalker das zweite Tor nicht machen und dann eben das missachten, wovor ihr Trainer vor der Partie eindringlich warnte: die Augsburger Tugenden nicht zu unterschätzen.

Und der FCA zeigt eben jene Leidenschaft, legt noch einmal zu, wie man es aus besten Weinzierl-Zeiten kennt. So sehr, dass sich Weinzierls Mimik von Szene zu Szene weiter anspannt.

Nur einen würdigt Weinzierl keines Blickes


"Die Jungs haben alles reingeworfen", wird Daniel Baier hernach seine Kollegen für den Schlussspurt loben. Jener Baier, der dem ehemaligen Übungsleiter letztlich die Rückkehr nach Augsburg vermasselt - mit einem Tor "wie man es selten - aber heute gleich zweimal - sieht". Weinzierls Elf bleibt auch danach vieles schuldig.

Dennoch durchläuft der Trainer nach dem 1:1 äußerlich entspannt den Interview-Marathon. Nur einen würdigt er selbst in der engen Mixed-Zone weiter keines Blickes: Stefan Reuter. Daran ändert auch nichts, dass Augsburgs Sportchef sich versöhnlich gab: "Wir sollten an die guten Zeiten denken, die wir miteinander erlebt haben."
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