Länderspiel in Augsburg: Eine Fußball-Event-Kritik

Historischer Moment für Augsburg: 31 Jahre nach dem vormals letzten Länderspiel ertönt wieder die deutsche Nationalhymne vor einer Partie der Nationalmannschaft in der Fuggerstadt.
 
Augsburger Wasserspiele: Wer kein Regencape dabei hatte flüchtete in der Halbzeit unter die Tribüne.

Champagner mit Felix Magath, Ohrenschmerz wegen Olli Pocher und högschde Sturmwarnung für Jogi Löws Frisur. Zum ersten Mal seit über 30 Jahren trat die Nationalelf in Augsburg an. Seitdem hat sich viel verändert – ein Länderspiel ist ein Event geworden. Für einen Fußballromantiker ist das schwer zu ertragen. Trotz alledem ließ sich in Augsburg eine angenehm unaufgeregte Fußballatmosphäre beobachten. Und dann war da ja noch der Regen.

Beinahe wäre Augsburg in die Länderspiel-Annalen gespült worden. Das lag weniger an der 1:3-Pleite der deutschen Auswahl gegen die Slowakei. Passenderweise hätte die Stadt, die sich mit ihrer historischen Wasserwirtschaft um den Welterbe-Titel der Unesco bewirbt, in jedem Fußball-Almanach als jene gestanden, in der eine Partie der Nationalelf wegen Regen und Gewitter abgebrochen werden musste.

So kommt es zwar nicht, der Fußballabend in der Arena wird dennoch in Erinnerung bleiben. Etwa weil bereits die Fahrt zum Stadion äußerst angenehm gerät, hat man in der Tram doch soviel Platz, dass man gar sein Radl mit zum Stadion nehmen könnte. Wenn es denn erlaubt wäre.

Keine pseudopatriotismus-schwangere Public-Viewing-Aufregung


Weder in den Straßenbahnen noch in der Stadt ist viel los. Darauf, dass heute tatsächlich Fußball in Augsburg gespielt wird, deuten lediglich ein paar schwarz-rot-goldene Blumenketten, einige Deutschland- und auch ein Jahn-Regensburg-Trikotträger hin. Schminke, „Schland“-Rufe und pseudopatriotismus-schwangere Public-Viewing-Aufregung jedoch: Fehlanzeige. Alles ganz entspannt. Naja, ist ja auch nur ein Testspiel.

Vor der Arena spürt man dann doch den Event-Charakter, den so ein Auftritt des Teams, das wegen der in Frankreich anstehenden EM franco-plump „La Mannschaft“ genannt wird, spätestens seit dem sogenannten Sommermärchen mit sich bringt.

Aus einem Doppeldecker-Bus schallt Pop-Gedudel im Wechsel mit Fußball-Gassenhauern, eine Bank lädt zum Torwandschießen und ein Stand bietet Deutschland-Utensilien aller Art feil. Es herrscht dennoch auch hier eine unerwartet unaufgeregte Atmosphäre.


Magath lehnt am Tresen, der Champagner steht kalt


Die findet man auch im „Presseclub“, der eigens vom Autosponsor der Nationalelf eingerichtet wurde. Werden sonst im Bauch der Arena Wienerle und Thermoskannenkaffee kredenzt, wird hier die Tragweite eines Länderspiels auf Silbertabletts serviert. Felix Magath lehnt lässig am Tresen, daneben ragen aus einer Meisterschalen-großen Schüssel die Champagner-Flaschen, sanfte Jazz-Musik untermalt die Szene.

Im Stadion selbst wartet die für die Partie bestuhlte Nordkurve – dort, wo sonst die FCA-Fans stehen – den Mannschaften mit einer schwarz-weißen Choreo auf. Und endlich: die ersten „Schland“-Rufe ertönen. Die berüchtigten Klatschpappen aber fehlen erstaunlicherweise. Die braucht das Publikum in Augsburg jedoch nicht. Es zelebriert in den ersten Minuten erwartungsfroh den Auftritt der Nationalelf in seiner Stadt, auf den es seit nunmehr 31 Jahren hat warten müssen.

Nur ein Tor für Deutschland: Die Ohren danken


Die Mannschaft belohnt die Zuschauer mit dem 1:0. Statt der „Insel mit zwei Bergen“ aus der Puppenkiste donnert Pochers „Schwarz und Weiß“ aus den Boxen. Zumindest die Ohren danken, dass es das einzige deutsche Tor an diesem Abend bleiben sollte.

Für das Fußballherz erwärmende Stimmung sorgt der gut gefüllte slowakische Block. Während das Haupttribünen-Publikum sich mittlerweile auf Selfies mit Magath konzentriert und ein Mann über der deutschen Bank sich auf Jogi-Fotos fokussiert – das übrigens über zwei Drittel des Spiels hinweg –, hüpfen, singen und frohlocken die Gästefans; und das bereits bevor ihre Elf das Spiel dreht.

Jogis Haare sind zerzaust: Högschde Sturmwarnung in Augsburg


Dann herrscht Weltuntergangsstimmung in Augsburg. Das hat weniger damit zu tun, dass die Nationalelf baden geht und die Abwehr schwimmt. Es gewittert – und wie. Das Gros der 22.110 Zuseher flüchtet sich hinter die Tribünen. Wer die Zeichen noch nicht erkannt hat, sieht auf den Stadionbildschirmen Jogi Löw im Kabinengang – selbst seine Frisur ist zerzaust: Das bedeutet tatsächlich högschde Sturmwarnung.

Unterdessen avanciert das Augsburger Publikum zum leidensfähigsten der jüngeren Länderspielgeschichte. Während „Singing In The Rain“ und „Die Wanne ist voll“ durch den Gewitter-Krach klingen, wartet es hartnäckig auf den Wiederbeginn und feiert sich kurzerhand selbst. Zur Belohnung dürfen die Wasserschlachtenbummler bei jedem spritzigen Zweikampf johlen.

Nur für angestimmte FCA-Fangesänge sind sie nicht zu begeistern; genausowenig wie für die Laola-Welle der slowakischen Fans. Vielleicht war’s ja eh schon nass genug in der Weltwasserstadt Augsburg.
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