Rückblende auf ein legendäres Gastspiel: Was von Liverpool bleiben wird

Woge der Glückseligkeit: Die Fans des FC Augsburg waren zufrieden - wenn nicht mit dem Ergebnis, dann doch mit sich selbst, mit Anfield, mit den Ordnern, die mit "auf die Knie" gegangen waren und mit ihrer Mannschaft, die sie auch eine Viertelstunde nach Abpfiff noch feierten. Foto: Martin Augsburger
Das Gros der Augsburger Schlachtenbummler ist aus Nordengland zurückgekehrt. Und mit ihm unzählige Anekdoten, Erinnerungen und kleine Geschichten, die wie Mosaiksteinchen zusammengefügt ein großes Bild ergeben. Eines, das zeigt, dass im Fußball nicht immer das nackte Ergebnis zählt und dass sich Scheitern manchmal sogar richtig anfühlen kann. Eine Rückbetrachtung des Augsburger Gastspiels beim FC Liverpool.

Alle Wege führen nach Liverpool


Über Paris, Amsterdam, London oder Dublin. Mit Flugzeug, Bus oder Zug. In sämtlichen Verkehrsmitteln, die sich irgendwie gen England bewegten, konnte man in den Tagen vor dem Spiel rot-grün-weiße Farbtupfer erkennen. Ein Augsburger war wohl immer irgendwo mit an Bord.

Alle hatten freilich nur ein Ziel: Liverpool. Dort würde ein Fußballmatch ausgetragen werden, dass - obwohl es bereits ein gleichlautendes Hinspiel gegeben hatte - durch seine bloße Ansetzung immer noch die Vorstellungskraft vieler der zahlreichen fahrenden Farbtupfer sprengte: Liverpool FC gegen FC Augsburg, Europapokal, Runde der letzten 32, der FCA nach dem ersten Messen der beiden tatsächlich mit Hoffnungen aufs Vorrücken ins Achtelfinale und vor allen Dingen: Anfield.

Dieser Fußballtempel, der sich über die zahllosen, teils heruntergekommenen Backsteinbauten in den meist grauen britischen Himmel schraubt und eine derartige Anziehung auf die schwäbischen Schlachtenbummler ausübte, dass manche so knapp anreisten, dass sie wegen Verspätungen schließlich nur mehr die zweite Halbzeit sahen. Dass in den Sparkassen Augsburgs gar die Pfund ausgingen. Und dass man in der Liverpooler Innenstadt stetig „Du auch hier?“ oder „Dich hab‘ ich ja schon ewig nicht gesehen“ hörte und sich lange vergessene Freunde in die Arme fielen.


Schwäbischer Rock'n'Roll in Liverpools Straßen


Bauarbeiter auf dem Dach des Theaters, Kellner vor der Tür ihres Restaurants, Geschäftsleute an den Fenstern ihrer Bürogebäude, fassungslose Fahrer in den Taxis: Das Leben in Liverpool stand still. Gezwungenermaßen, flutete doch ein gewaltiger Strom die Gassen der Stadt. Bärtige Männer mit merkwürdigen mittelalterlichen Kopfbedeckungen, Familienväter, die kleine Kinder auf den Schultern trugen, Halbstarke, die sich gegeneinanderspringend mit Bier bespritzten.

Der Gesang dieser rund 1500 Menschen, die längst zu einem einzigen gewaltigen, sich schlängelnden Wesen verschmolzen, hallte von den Prachtbauten der Innenstadt wieder. Diejenigen, an denen dieser wilde Strom vorbeifloss, zückten umgehend die Smartphones, wohl um sich später davon zu überzeugen, dass sie dieses irre Schauspiel nicht geträumt haben. Augschburger Rock'n'Roll in den Straßen, auf denen einst die Beatles wandelten.

Augsburger im Kop


Manche der Schlachtenbummler hatten nicht das Glück, eine der wenigen Karten für den Gästeblock zugelost bekommen zu haben. So auch Horst. Der Frührentner würde das Spiel von gegenüber aus sehen; vom Kop aus, der Fankurve der Reds. Die Tribüne, um die sich mehr Legenden ranken, als Efeu entlang der Häuser der Fuggerei. Ganz wohl war Horst bei dem Gedanken daran nicht, suchte er doch bereits im Duty-Free-Bereich des Stuttgarter Flughafens nach etwas Rot-Weißem. Im Nachhinein war es dann aber stressiger, in der Rush-Hour mit dem Bus zum Stadion zu gelangen. Es habe keine Kontrollen gegeben, auch seien sie friedlich gewesen, die Menschen auf dem Kop. Nur gesungen „haben sie für meinen Geschmack zu selten“, sagt Horst.

Jörg, ein weiterer Augsburger auf dem Kop, hat - musste er nicht gerade wieder ein weiteres Torhütertausch-Angebot eines Engländers ablehnen - dafür etwas anderes wahrgenommen: „Wenn sie singen, dann kommt das von ganz unten raus“, erzählt er zu später Stunde in der Hotelbar und führt dabei die flache Hand an seinem Bauch entlang Richtung Brust.

Ebendies verpasste einem jeden Zuhörer die Ganzkörpergänsehaut, als vor und zum Ende des Spiels Anfield „You’ll Never Walk Alone“ schmetterte. So innbrünstig, dass sich einem mit jedem Wort die Liebe der Menschen zu ihrem Verein durch den Körper Bahn brach und einen sprachlos in den uralten Holzsitz sinken ließ.

Gezeichnet vom Leben in der Stadt aus Backstein


Nicht nur die inoffizielle Vereinshymne ist etwas, das viele der Schlachtenbummler nicht mehr vergessen werden. Es sind die Bewohner dieser Stadt. Frauen, denen Vorderzähne fehlen wie vielen der brüchigen Bauten Backsteine in den Wänden. Männer, die aus den Mündern ihrer vom Leben gezeichneten Gesichter nuscheln, dass man sie kaum verstehen kann - aber immer ein Lächeln hinterherschieben. Halbstarke, die im Bus lautstark Adele trällern, ehe sie von Bord hüpfen, um zwischen den schmutzigen Häuserwänden Fußball zu spielen. Die Fassaden der Scouser sind offen, im Gegensatz zu denen der vielen aufgegebenen Geschäfte, mit den heruntergelassenen Rollläden.

So begegnet man dem Taxler Paul, der sich die überteuerten Tickets für die Spiele seiner Reds nicht mehr leisten kann und wehmütig über früher sinniert. Man trifft John, der zwischen den herzerweichenden Backsteinbauten rund um Anfield Schals verkauft und von einer 2:5-Niederlage Liverpools gegen Augsburg geträumt haben will. Und Sue und Chris, die zwei rührigen Ladies, die in Anfield seit 26 Jahren in ihren orangenen Westen für Ordnung sorgen. Oder den Wirt des „Bierkeller“, der jeden Augsburger Gast mit einem Freibier begrüßte. Wegen solcher Begegnungen wird er fehlen, der Europapokal.

Bittersüße Symphonie: Die Schönheit des Scheiterns


Doch bei allem Wehklagen, bei allem Groll gegen Schiedsrichter Clement Turpin, bei allem Hadern, warum dieses eine, gottverdammte Tor nicht mehr hat fallen wollen: Irgendwie fühlte sich das am späten Abend in Anfield auf eine seltsame Weise alles richtig an. Der FC Augsburg war ausgeschieden, freilich schmerzte das.

Doch so bittersüß es schmecken mag: Ein schöneres Scheitern ist kaum erdenklich. Man blicke auf das ebenfalls wacker kämpfende Midtjylland, das nach seinem Hinspielsieg mit 1:5 von Manchester United aus dem Old Trafford gefegt wurde. Oder auf Rapid Wien, das in Summe 0:10 gegen Valencia unterlag. Oder auf Schalke, das in der eigenen Arena hochkant von Donezk aus dem Wettbewerb geworfen wurde.

Für den FC Augsburg hingegen endete der Europapokal denkbar knapp in einem der aufregendsten Stadien der Welt. Zu „Hey Jude“ verließ die Mannschaft den Platz, um danach erneut vor den Anhang zu treten, dessen Trauergesang durch das sonst leere Stadion gehallt war und nun in frenetischen Jubel umschwang – der Moment, in dem eine Legende zwischen den roten Sitzen von Anfield entwuchs.

Wie diejenigen, die 1973 das sagenumwobene Spiel der 100.000 – oder waren es doch nur 80.000? - zwischen 1860 und dem FC Augsburg im Münchner Olympiastadion mit eigenen Augen gesehen haben, werden nun die rund 3000 Schlachtenbummler ihren Kindern und Enkeln davon erzählen, dass sie dabei waren, als der FCA Liverpool eroberte – was zählt da schon ein Ergebnis.
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