Tim-Wiese-Hype in Augsburg: Der Torwart, der aus dem Wrestling-Ring stieg, um in Dillingen Kreisliga zu spielen

Gut gelaunt in Augsburg: Tim Wiese vor dem Wandbild Che Guevaras.
 
Der Hype um Tim Wiese nimmt beinahe absurde Züge an. Zur Pressekonferenz nach Augsburg-Haunstetten kamen zahlreiche Medienvertreter. Der Spielertrainer des TSV Haunsheim, René Günzel (am rechten Bildrand) verfolgt skeptisch das Geschehen.
 
Freilich läuft Tim Wiese auch beim SSV Dillingen in einem rosa Trikot auf.

Tim Wiese kehrt im Dress des SSV Dillingen für ein Spiel auf den Fußballplatz zurück. Sein Auftritt auf der eigens einberufenen Pressekonferenz in Augsburg stellt selbst die Spieltags-PK des FC Augsburg vor der Partie gegen den FC Bayern in den Schatten. Was ist der Reiz am Comeback des früheren Profis, der nun versucht, im Wrestling-Geschäft Fuß zu fassen?

Tim Wiese hält die Zigarette eingeklemmt zwischen Daumen und Zeigefinger. Ein letzter Zug, noch einmal posen für ein Foto, weg die Kippe und ab ins Rampenlicht. „Che Guevara“, murmelt Wiese als er drinnen angekommen das Podium betritt und das Wandbild hinter dem Tisch mit den zahllosen Mikrofonen bemerkt. Das Konterfei des kubanischen Revolutionärs blickt streng auf die Szenerie hinab, die sich in der Gaststätte im Stadtteil Haunstetten abspielt.

Wiese trägt verwaschene Jeans, Sneaker und ein weißes, Flatter-Oberteil, das an seinem massigen Körper jedoch wenig flattert, sondern beinahe hauteng anliegt. 120 Kilo wiegt der Mann mittlerweile, der einst Nationaltorhüter war und Champions League spielte.

Ein paar Hundert Meter entfernt sprechen Baum und Finnbogason über die Bayern

Ein paar Hundert Meter Luftlinie entfernt dreht sich diese Welt ohne Wiese weiter. In der Augsburger Arena geben zeitgleich Manuel Baum, Trainer des FC Augsburg, und der wiedergenesene Stürmer Alfred Finnbogason Auskunft Auskunft über ihren Gastauftritt bei Bayern München.

Mehr los ist in der Kneipe. Völlig absurd, handelt die Pressekonferenz hier doch von einem Achtligaspiel. SSV Dillingen gegen TSV Haunsheim, samstags um 17.30 Uhr, Fünfter gegen Dreizehnter der Kreisliga Nord.

Riesiges Medienaufgebot für Tim Wiese: "Keine Spaßveranstaltung"

Doch unter zu Lampen umfunktionierten Wagenrädern aus Holz sitzt eben Tim Wiese, der Koloss, an dessen Hals und Armen sich Tätowierungen entspinnen. Das Licht der beiden eigens aufgestellten Schweinwerfer glänzt auf Wieses kastanienbraungebrannter Haut. Acht Fernsehkameras sind auf ihn gerichtet, noch mehr Fotoapparate lösen aus, wenn er seine weißen Zähne blitzen lässt und Blicke aus seinen wachen grünen Augen über den Raum fliegen, in dem sonst Pizza und Burger serviert werden. Ein Dutzend Reporter notiert jedes seiner Worte.

„Das ist keine Spaßveranstaltung“, diktiert er ihnen in die Blöcke. Der SSV steckt schließlich mitten im Abstiegskampf. Doch, er erlebe „ein weit höheres Niveau als ich erwartet habe“, attestiert er seinen neuen Kurzzeitkollegen. Wiese wird eben nur dieses eine Spiel machen – und damit seinem Kumpel, dem SSV-Präsidenten Christoph Nowak, einen Gefallen tun. Nowak sei schließlich während seiner Karriere „immer zur Stelle gewesen“, habe ihm „dies und das besorgt“. Nun, dreieinhalb Jahre und 30 Kilo Gewichtszunahme später, ist es für Wiese an der Zeit, sich zu revanchieren.

Countdown und Livestream: Der Hype ist riesig

Nowak sitzt zu Wieses Rechten und kontrastiert mit dem schillernden Star. Er trägt ein graues Poloshirt und hat ein rundes, freundliches Gesicht. Nowak spricht freilich von der „Riesensache für den Verein“. Ob er und Wiese jedoch geahnt haben, was sie da mit ihrem Freundschaftsdienst tatsächlich lostreten würden?

Manch skeptischer Blick lässt erahnen, dass das alles selbst dem extrovertierten Kraftprotz nicht ganz geheuer ist. 2000 Zuseher erwartet Dillingen am Samstag, Sport- und Nachrichtensender berichten bundesweit, auf einer Internetseite läuft ein Countdown bis zum Anpfiff, der Bayerische Fußballverband überträgt im Livestream, sogar ausländische Medien haben sich angekündigt.

Aber warum das alles?

Nach Typen wie ihm sehnen sich nun einmal nicht Wenige im Fußballgeschäft der immer gleicher werdenden Muster-Profis. Und Wiese polarisiert seit jeher. Die Haare akkurat gegelt, die Haut sagte Solarium, das Trikot leuchtete Rosa. Garniert mit einer großen Klappe und so manchem Harakiri-Lauf über die Strafraumgrenze hinaus, entwickelte er sich zu einer der meistdiskutierten Figuren des deutschen Fußballs.

Lamborghini und Modellhubschrauber: Seine Extravaganz wurde Wiese zum Verhängnis

Das wurde ihm zum Verhängnis, als er als Nationaltorhüter von Bremen nach Hoffenheim wechselte. Es lief nicht bei der TSG, Wiese rutschten plötzlich Bälle durch – und so wurde der, den viele für einen überbezahlten und extravaganten Proll mit dem Lamborghini hielten, der seinen Rasen auch mal mit einem Modellhubschrauber mähte, zum vordersten Sündenbock.

Wiese wurde schießlich in die Trainingsgruppe zwei degradiert. Eine Zwischenstufe zwischen Profikader und zweiter Mannschaft. Er sitze seinen hochdotierten Vertrag nun aus, verkündete er damals. Das legten ihm manche als ehrlich aus, viele andere als gierige Söldnermentalität. Danach verschwand Wiese von der Bildfläche, um als 120-Kilo-Version des einstigen Weltklassetorwarts in München in den Wrestling-Ring zu steigen. Doch auch um den Showkämpfer Wiese ist es mittlerweile ruhig geworden.

Triple H will Wiese zum Profi-Wrestler ausbilden lassen

„Tim meint das ernst, er hat da richtig Bock drauf“, versichert sein Manager hernach an einem der Stehtische noch eilig, nachdem sein Schützling oben vollmundig hinausposaunt hatte, er würde es auch mit dem Oberwrestler der WWE (World Wrestling Entertainment) namens Triple H. aufnehmen. Derzeit warte man auf eine Antwort aus den Staaten. Wiese habe nämlich – bisher aber eben nur lax – das Angebot, sich in Orlando zum Profiwrestler ausbilden zu lassen.

Wieses Kurzzeittrainer spielte mit Thomas Tuchel für den FC Augsburg

Aber jetzt ist eh erst einmal Kreisliga Nord und laut Wiese „ein wichtiges Spiel“. 100 Zaungäste sahen sein erstes Training mit der Mannschaft, Wiese sei „mit Feuereifer“ dabei gewesen und seine Reflexe erst, schwärmt Andreas Mayer.

Der Dillinger Spielertrainer kickte früher selber professionell. Mit Thomas Tuchel in der A-Jugend des FC Augsburg, später unter Jupp Heynckes bei den Bayern, in St. Pauli und mit Trondheim in der Champions League. Nach der zweistündigen Einheit, berichtet Mayer, sei man mit Wiese gemeinsam essen gewesen, bis ein Uhr nachts zusammengesessen.

Vielleicht will Wiese ja einfach nur spielen

Und dann erzählt Mayer davon, wie er Wiese den Spaß daran angesehen habe, wieder inmitten einer Mannschaft zu sein. Auf dem Rasen zu stehen, Bällen hinterherzuhechten oder Spielern, die alleine auf ihn zuliefen, mit einem lauten „Buh“ vom Abschluss abzuhalten.

Vielleicht geht es diesem muskelbepackten Kerl mit den Tattoos und der auffälligen Undercut-Frisur tatsächlich darum, einfach mal wieder Fußball zu spielen. So hoffnungsvoll fußballromantisch wie abstrus sich das bei einem derart bunten Vogel wie Wiese auch anhören mag.

Rosa Trikot und After-Game-Party: Wiese gibt's nicht ohne Glamour

Tim Wiese ist eben Tim Wiese. Und das geht halt nur mit einer gewissen Portion Glamour – und vielleicht auch ganz bewusst mit einer Prise Überspitztheit. Freilich spielt er auch am Samstag in Rosa und trägt auf dem Rücken die 99 (zwei der Leibchen werden für gute Zwecke versteigert). Und freilich muss später eine After-Game-Party in einer Augsburger Diskothek steigen.

Dorthin sind auch die Haunsheimer eingeladen. Deren Spielertrainer René Günzel sitzt ebenfalls mit Wiese im Scheinwerferlicht, ganz außen am Tisch. Als die Fragerunde beendet ist, klopft er auf den Tisch – wie man das eben so macht, wenn Ansprachen im Kreisligafußball beendet sind. Wiese stimmt nicht mit ein. Er posiert da bereits für die nächsten Fotos.
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