Tobi Werner verlässt den FC Augsburg: Wechsel einer anderen Dimension

 
Ein Karrierehöhepunkt: Tobias Werner spielt mit dem FC Augsburg ein Europapokal-Endrundenspiel an der Anfield Road in Liverpool. Foto: Martin Augsburger

Tobi Werner kehrt dem FC Augsburg den Rücken. Mit ihm verschwindet ein Relikt aus dem Kader. Er war der Stehplatz-Nachbar auf dem Rasen und ein Spieler, der die Werte des Vereins wie kein anderer auf sich vereinte.

Am Ende sind es nicht die geldgewaltigsten Spielerwechsel, die einen am meisten bewegen. Auch nicht in diesem Transfersommer der Absurditäten, in dem etwa Gonzalo Higuain für 90 Millionen Euro nach Turin zieht und sein ehemaliger Klub, der SSC Neapel, für den früheren Augsburger Leiharbeiter Arek Milik um die 35 Millionen Euro hinblättert.

Wie viele Anhänger des FC Augsburg wegen des vielen Kopfschüttelns ernsthafte Schwindelanfälle zu beklagen hatten, lässt sich freilich schwer feststellen. Es dürften angesichts der Leistungen des Polen zu seinen FCA-Zeiten nicht wenige gewesen sein.


Wie Schweinsteiger oder Raul: Eine lebende Vereinslegende geht


Auf einer anderen Ebene spielt sich der Wechsel von Tobias Werner zum VfB Stuttgart ab. Es ist ein Vereinswechsel in einer selten gewordenen Kategorie. Einer, den man in Zeiten, in denen immer weniger Verträge erfüllt werden, nur mehr in Amateurklassen findet: Eine lebende Vereinslegende kehrt ihrem Klub unter Tränen den Rücken.

Acht Jahre lang atmete Werner den FC Augsburg. Nun verlässt er den FCA: Weil er sportlich eine wohl eher ungewisse Zukunft hat. Der Wechsel erinnert deshalb etwa an jenen von Bastian Schweinsteiger vom FC Bayern zu Manchester United. Oder an den von Raul, der Real Madrid gen Schalke 04 verließ. Auch sie waren Gesichter ihres Vereins, auch sie verloren fußballerisch an Bedeutung.

Der beliebteste Glatzkopf Augsburgs


Tobi Werner, das steht in Augsburg für Arbeiter-Fußball, für Nahbarkeit und für Rosenaustadion. Kaum vorstellbar, dass er das Leibchen mit der Zirbelnuss nicht mehr über die wohl beliebteste Glatze der Stadt streifen wird. 208 Mal hat Werner, der 2008 aus Jena kam, das Augsburger Trikot getragen. 38 Tore hat er geschossen, 39 vorgelegt.

Eine Transferdimension fernab von Ablösesummen und Leistungsdaten


Doch wie bereits geschrieben: Dieser Wechsel erreicht eine andere Transfer-Dimension – fernab von Zahlen, Leistungsdaten, Ablösesummen. Werner war mehr als das. Er war für alle einfach „der Tobi“. Der Tobi, von dem viele – wohl auch er selbst – kaum geglaubt hätten, dass er einmal Teil einer der gefährlichsten Flügelzangen der Bundesliga sein würde: 2014/15 mit André Hahn.

Oder dass er mit Augsburg an der Liverpooler Anfield Road ein Europapokalmatch spielen würde. Aber eben das strahlte Werner stets aus. Die ehrliche Bescheidenheit, die Bodenhaftung, das Wissen, dass es ohne Fleiß keinen Ertrag gibt – Attribute, die für den gesamten Verein stehen, gebündelt in einer Person.

Die Fan-Dependance auf dem Rasen: Kumpel, Stehtribünen-Nachbar, Arbeitskollege


Kein Problem, wenn Werner dann doch mal wieder eine klare Chance verdaddelte. Der Tobi reißt sich immerhin den Allerwertesten auf, wenn’s sein muss gar mit dickem Kopfverband.

Der Flügelflitzer wurde so zu einem dieser Spieler, die den Fans einfach das Gefühl geben, dass unten auf dem Rasen einer von ihnen stünde. Ein Kumpel, ein Stehtribünen-Nachbar, ein Arbeitskollege: Die Dependance des Anhangs im Profikader.

Sportlich ergibt der Werner-Wechsel Sinn


Dass Werner weiterzieht, ist aus sportlicher Hinsicht jedoch absolut nachvollziehbar. Die Konkurrenten heißen Caiuby, Alexander Esswein, Takashi Usami oder je nach taktischer Ausrichtung gar Raul Bobadilla.

Zumal der 31-Jährige zuletzt von Verletzungen zurückgeworfen wurde, ergibt der Schritt zu einem Topteam der zweiten Liga, noch dazu in regionaler Nähe und mit Jos Luhukay als ehemaligem Weggefährten, Sinn.


Werner-Werte hochhalten: Auch auf Koreanisch und Japanisch


Mit Tobi Werner verschwindet jedoch auch ein weiteres der wenigen Relikte des FCA-Aufschwungs aus dem Kader. Jan-Ingwer Callsen-Bracker, Daniel Baier und Paul Verhaegh sind somit die letzten Vertreter, die bereits in der zweiten Liga für den FC Augsburg kickten.

Der Werner-Wechsel zeigt auch: Der FCA ist ein etablierter Bundesligaverein geworden. Seit der vergangenen Woche betreut er gar einen koreanischen und einen japanischen Twitterkanal. Wichtig ist nur, dass der Klub dennoch weiter die Werner-Werte hochhält. Auch wenn der Tobi selbst nicht mehr die Zirbelnuss auf der Brust trägt.

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