Brunsterkennung 4.0: Hightech für den Kuhstall aus Augsburg

"Wir bringen Hightech und Big Data in den Kuhstall", fasst Dr. Oliver Dietrich zusammen, worum es sich bei seinem Start-Up "Cattle Data" dreht. 2009 hat der Tierarzt ein neues Verfahren entwickelt, mit dem Fruchtbarkeits- und Gesundheitsanalysen bei Rindern durchgeführt werden können. Mit dieser Idee hat sich der Tierarzt selbstständig gemacht.

Die Idee für das neuartige Verfahren zur Brunsterkennung sei ihm gekommen, als eine Kollegin von einem Artikel berichtete, in dem geschildert wurde, wie man die Brunstzeit am Gesicht des Rindes ablesen kann, erzählt Dietrich. Es habe im Laufe der Zeit viele weitere Ideen gegeben, wie Aufnahmen von Brunstschreien oder den Einsatz von Hunden, die Brunst riechen könnten. "Ich habe überlegt, wie man das besser machen kann", sagt der Tiermediziner und Geschäftsführer von Cattle Data. So hat er ein optisches System entwickelt, mit dem er messen kann, wie viel, wo und mit wem Kühe laufen. "Wir setzen einen Transponder ein. Den kann man sich ungefähr vorstellen, wie eine Diebstahlsicherung im Laden." Im Gegensatz zu anderen Systemen mit teuren Halsbändern braucht dieser keine Batterie und muss nicht regelmäßig ersetzt werden. Der Transponder wird am Ohr der Kuh befestigt und zeichnet deren Bewegungen auf.

"Eine Kuh in Brunst läuft sehr viel. Bei unserem Verfahren wird aber auch deutlich, mit wem das Rind unterwegs ist. Man kann sagen: Eine Kuh in Brunst hat immer Freundinnen dabei. Das konnte man bisher nicht erfassen, aber bei uns geht das", sagt Dietrich.

Zu viel Antibiotika

Auch die Gesundheit der Rinder lässt sich mit dem Verfahren bestimmen, das mittlerweile seit eineinhalb Jahren auf dem Markt ist. Denn kranke Kühe laufen und fressen weniger. Damit kann der Landwirt schon vor einer schweren Erkrankung erkennen, dass das Tier nicht fit ist, und entsprechend reagieren. So könnte auf Dauer auch der immer wieder kritisierte Einsatz von zu viel Antibiotika bei Rindern reduziert werden.

Was der Landwirt früher selber im Stall beobachtet hat, erledigt jetzt sein "digitaler Helfer". Dadurch könne er seine Zeit in andere Aufgaben investieren und habe trotzdem einen Überblick über einzelne Tiere und die gesamte Herde, so Dietrich. Auf Wunsch gibt es als "zusätzliches Gimmick" eine Kamera, mit der der Bauer sich im Zeitraffer anschauen kann, was bei den Rindern los war. "So kann er auch unterscheiden, ob eine Kuh sich viel bewegt, weil sie brünstig ist, oder ob etwas im Stall für Unruhe gesorgt hat", schildert Dietrich.

Entscheidender Wirtschaftsfaktor

Aber warum ist es eigentlich entscheidend für die Landwirte, die Brunstzeit der Kühe zu erkennen? "Die Brunsterkennung ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Bauern", erklärt Dietrich. "Alle 21 Tage wird eine Kuh brünstig, dann kann sie besamt werden, dann bekommt sie ein Kalb und nur dann gibt sie auch Milch. Durch übersehene Brunsten machen die Landwirte enorme Verluste." Eine unerkannte Brunst kostet 100 Euro, rechnet Dietrich vor. Ein guter Landwirt erkenne ohne das Verfahren nur 40 Prozent der Brünste. "Das macht auf 100 Kühe gerechnet pro Jahr einen Verlust von 20 000 bis 30 000 Euro." Dietrich ist überzeugt, dass sich sein Verfahren für die Bauern rechnet. Die Landwirte seien dennoch zögerlich. "Die niedrigen Milchpreise sind für uns ein Hemmnis. Bei 34 Cent pro Liter Milch nehmen die Bauern zu wenig ein, um sich an Investitionen heran zu trauen."

Für die Zukunft kann sich der Cattle-Data-Chef auch andere Nutzungsmöglichkeiten für die Analysen vorstellen. "In Form einer Metaanalyse können wir auch mehrere Ställe miteinander vergleichen oder Auffälligkeiten ganzer Rassen analysieren. Das könnte für Molkereien, Universitäten oder Zuchtverbände interessant sein", berichtet Dietrich. Das Verfahren ist mittlerweile in den meisten europäischen Ländern patentiert. "Noch konzentrieren wir uns aber vor allem auf Deutschland. Hier befinden sich 40 Prozent aller Milchkühe in Europa", weiß der Tierarzt. Mit weiteren 30 Prozent sei künftig auch Frankreich interessant.


Das Start-Up-Unternehmen ist im Augsburger Technologie- und Gründerzentrum zu finden. Weitere Informationen gibt es unter www.cattledata.de.

Von Kristin Deibl
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