Ess-O-Ess: Essstörung mit über 30

Seit mehr als 15 Jahren leidet Bianca an ihrer Essstörung. Sie hat schon mehrere Klinikaufenthalte hinter sich. Bei ihrem letzten Aufenthalt halfen ihr vor allem die Gespräche mit ihren gleichaltrigen Mitpatienten. In Augsburg wollte sie deshalb eine Selbsthilfegruppe aufsuchen. Aber für Betroffene über 30 gibt es kaum Angebote. Deshalb ergriff sie die Initiative und gründete die Selbsthilfegruppe „Ess–O–Ess Ü30“.

Bianca ist eine fröhliche, lebenslustige Frau. Sie ist 40 und Mutter von drei Kindern. Und sie kämpft seit Jahren gegen ihre Essstörung. Beim Binge Eating kommt es zu periodischen Heißhungeranfällen mit Verlust der bewussten Kontrolle über die Esshandlung. Häufig leiden die Betroffenen dann an Übergewicht.

Bei ihrem jüngsten Klinikaufenthalt waren es vor allem die Gespräche mit gleichaltrigen Mitpatienten die ihr halfen. Da es in Augsburg eine Selbsthilfegruppe für Essgestörte über 30 noch nicht gab, beschloss sie, selbst aktiv zu werden. Die Idee entstand im September 2013. Damals suchte sie die Selbsthilfekontaktstelle des Gesundheitsamts Augsburg auf, durch die es ihr gelang, die Selbsthilfegruppe „Ess–O–Ess Ü 30“ ins Leben zu rufen. „Dort fanden sie die Idee super und unterstützten mich von A bis Z“, freut sich Bianca.

Sie entwickelten ein Konzept, druckten Flyer und überlegten gemeinsam, wie die Gruppe organisiert werden sollte. In einem Gruppenraum des Gesundheitsamts startete die erste Sitzung dann bereits im November vergangenen Jahres. Das erste Treffen begleitete eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamts.

Bianca ist es besonders wichtig, dass die Betroffenen ein offenes Gespräch in einem freundschaftlich-familiären Rahmen führen können. Es gehe in erster Linie um Erfahrungsaustausch, meint die Gruppenleiterin. Die Betroffenen sollen Verständnis erfahren, Trost bekommen, Kontakte knüpfen und ihre Wünsche äußern können. „Trau dich und nimm die Hand, wir sind für dich da“ ist der Leitspruch von „Ess–O–Ess“.

Die Art der Essstörung spielt keine Rolle. Ob Bulimie, Magersucht, Binge Eating oder andere Formen – alle sind willkommen, an den Gesprächen teilzunehmen. Dass sich die Selbsthilfegruppe an Betroffene über 30 wendet, begründet Bianca vor allem damit, dass die Probleme mit der Krankheit sich selbstverständlich von denen jüngerer Betroffener unterscheiden. „Wir reden auch über Partnerschaften, Beruf und Kinder“. Das Thema „Essstörung und Kind“ ist besonders prekär, denn die Kinder von kranken Eltern leiden häufig auch unter der Essstörung.

Einmal die Woche, jeden Dienstag zwischen 19 und 21 Uhr trifft sich die Selbsthilfegruppe. „Meistens machen wir uns dann erstmal einen Tee und kommen an“. Dann können alle in der „Blitzlichtrunde“ von ihrer Woche und ihren Erfahrungen erzählen. Das Schönste sei, dass man hier verstanden werde und Trost bekäme. Auch über mögliche Anlaufstellen, Kliniken und gute Therapeuten können sich die Betroffenen hier im geschützten Rahmen austauschen. Was hier nicht geleistet wird, ist Therapie, und schon gar keine Diäten. „Von Kalorien und Diäten wollen wir hier nichts hören“, betont die Gruppenleiterin. Bianca ist traurig, denn bisher wird ihr Angebot nur spärlich genutzt. Vielen fehle es an Mut, sich zu ihrer Krankheit zu bekennen und Hilfe zu suchen, vermutet sie. Jeder, der kommen mag, kann auch anonym bleiben. Keiner ist gezwungen seinen Namen preiszugeben. Bianca hofft, dass sie mit ihrer Gruppe den Leuten helfen kann. Das Verständnis für Erwachsene mit diesem Krankheitsbild ist leider gering. „In diesem Alter noch?“, fragen sich viele, die Essstörungen nur als Jugendkrankheit kennen.

Mit mehr Mitgliedern bekäme die Gruppe auch finanzielle Unterstützung der Krankenkassen für Bücher, Informationsmaterial und Einladungen von Ernährungsberatern und Ärzten. Darauf hofft Bianca. Sie weiß, was es bedeutet, krank zu sein und setzt alles daran, dass sie Mitbetroffenen helfen kann. Interessenten können sich unter essoessaugsburg@yahoo.de oder www.facebook.de/essoessaugsburg mit Bianca in Verbindung setzen.
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