Nach Flugzeugabsturz 2015 in Augsburg: Pilot wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt

Beim Aufprall geriet die Cessna in Brand. Der Pilot, der gestern wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt wurde, und seine vier Mitinsassen wurden damals schwer verletzt. Archivfoto: Michèle Böswald


Es ist der Alptraum jedes Fluggasts: Der Pilot verliert die Herrschaft über die Maschine, man stürzt ab. Für vier Geschäftsleute wurde dieser Alptraum vor einem Jahr Wirklichkeit. Ein 51 Jahre alter Pilot versuchte trotz dichten Nebels eine Landung auf dem Mühlhausener Flughafen und scheiterte. "Wie ein Stein", so Staatsanwalt Franz Wörz, sei die Cessna durchgesackt und hart auf der Landebahn aufgekommen. Die Maschine ging in Flammen auf, alle Insassen erlitten unter anderem schwere Brandverletzungen und Wirbelbrüche, an denen sie noch heute laborieren - ganz zu schweigen von den psychischen Traumata. Der Pilot wurde gestern am Amtsgericht Augsburg wegen fahrlässiger Körperverletzung in vier Fällen zu 3600 Euro Geldstrafe verurteilt. Insofern war sein Einspruch gegen einen Strafbefehl, der auf 18 000 Euro Geldstrafe gelautet hatte, erfolgreich.

Am 8. Dezember 2015, kurz nach 8 Uhr, hatte die Maschine einer Firma aus Moers, die unter anderem Messe- und Eventkonzepte entwickelt, in Mönchengladbach abgehoben. Ziel: Augsburg. Dort wollten die vier Manager Termine wahrnehmen. Am Steuer saß der 51-jährige Pilot, daneben als Copilot der Firmenchef - sein einstiger Flugschüler. 30 Minuten vor der geplanten Landung informierte ein Controller des Augsburger Towers den Piloten zum ersten Mal darüber, dass wegen Nebels sehr schlechte Sicht herrsche. Der Firmenchef sagte gestern, er habe ihn daraufhin gebeten, auf dem Ausweichflughafen Oberpfaffenhofen zu landen. Doch auch, als beim sogenannten "15-Meilen-Check" erneut auf den Nebel hingewiesen wurde, blieb der Pilot bei seiner Entscheidung, in Augsburg zu landen. "Ich habe nichts gesehen. Die Minima waren bei weitem unterschritten", erklärte der Firmenchef und Copilot gestern.

Die Maschine setzte nicht am Anfang der Landebahn auf, sondern erst nach der Hälfte. Der Pilot habe aufgrund des Nebels die Bodenbefeuerung nicht gesehen, die Höhe falsch eingeschätzt und das Gas weggenommen, so dass das Fahrwerk der Cessna beim Aufsetzen einknickte und die Maschine derart ins Schlittern geriet, dass die Funken flogen und der auslaufende Treibstoff sich entzündete, hieß es in der Anklage, die auf fahrlässige Gefährdung des Luftverkehrs sowie fahrlässige Körperverletzung in vier Fällen lautete. Heck und Triebwerk brannten aus, es entstand Totalschaden in Höhe von 250 000 Euro.

Der Prozess verlief anders als üblich. Es kam zu keiner Beweisaufnahme, so dass für die drei Männer, die als Nebenkläger auftraten, die unbefriedigende Situation entstand, dass sie nicht aussagen durften. Grund dafür war der Antrag eines der beiden Verteidiger des Piloten. Klaus Schickler bat darum, zunächst den beigeladenen Sachverständigen für Luftfahrt, Frank Rösler, zu hören. Dessen Aussage nach Aktenlage könne das Verfahren verkürzen, meinte er. Richterin Manuela Müller war einverstanden.

Rösler erklärte zur Frage, ob die Landung gegen die Regeln der Fliegerei verstoßen habe, es habe sich um einen nicht gewerblichen Flug gehandelt, einen Werksflug. Gemäß den dafür üblichen Vorschriften sei der Landeversuch in Augsburg legitim gewesen. Es sei alleinige Ermessensentscheidung des Piloten, und nicht die der Tower-Mitarbeiter. Zu den Sichtverhältnissen könne er nichts sagen, so Rösler: "Ich saß ja nicht drin." Ein Fluggast hatte zwar das Landemanöver durchs Fenster aufgenommen, doch der Film wurde nicht gezeigt. Laut Verteidiger erkenne man auf dem Film sogar einen Feldweg, die Sicht sei also in Ordnung gewesen.

Der Sachverständige erklärte weiter, aus der Aussage des Piloten, auf dem Steuerhorn habe ein gewaltiger Druck gelastet, mit dem er zu kämpfen hatte, leite er ab, dass es bei der Entkoppelung des Autopiloten während des Landeanflugs zu einem "Mistrim" gekommen sei, zu "aerodynamischen Problemen". Der Pilot sei von einem "Nose-Up-Moment" überrascht worden und habe einiges zu tun gehabt, um die Cessna wieder kontrollieren zu können.

Nach dieser Einschätzung des Experten regte Schickler an, die Anklage wegen fahrlässiger Gefährdung des Luftverkehrs fallen zu lassen und das Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen eine Geldauflage einzustellen. Ersatzweise schlug er eine Geldstrafe von maximal 60 Tagessätzen vor, um die Flugtauglichkeit seines Mandanten außer Frage zu stellen.

Nach einigem Hin und Her kam es zu einem Deal zwischen Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Gericht. Gemäß diesem wurde der nicht vorbestrafte Pilot, der hauptberuflich als Handelsvertreter arbeitet, lediglich wegen fahrlässiger Körperverletzung zu 90 Tagessätzen à 40 Euro verurteilt. Das Verfahren wegen Gefährdung des Luftverkehrs wurde eingestellt, weil die Strafe dafür nicht weiter ins Gewicht fallen würde, hieß es. Allerdings erhält der Pilot bei 90 Tagessätzen einen Eintrag ins Führungszeugnis, und die Luftfahrtbehörde wird den Fall prüfen. Zudem erklärte der 51-Jährige, er erkenne die zivilrechtlichen Schadensfolgen der Nebenkläger an. Diese bat er um Verzeihung, indem er auf sie zuging und ihnen die Hand reichte: "Ich hoffe, ihr erholt euch wieder. Es tut mir wirklich leid, was passiert ist." Nebenklagevertreter Hans Peter Leube fand, damit sei es nicht getan. Er war gegen diese Art, den Prozess möglichst rasch über die Bühne zu bringen. Nebenkläger haben jedoch keine Möglichkeit, gegen einen Deal vorzugehen oder gegen die Höhe der Strafe.
(Von Monika Grunert Glas)
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