Das Augsburger Fischerholz: Leben in der Kloake der Stadt

Eine historische Aufnahme des Fischerholz in Augsburg. (Foto: Reproduktion/Stadtarchiv Augsburg)
 
Weg in die Vergangenheit, Weg in die Zukunft? Marcella Reinhardt will den Wunsch ihres verstorbenen Vaters Wirklichkeit werden lassen und das Fischerholz wiederbeleben. Foto: David Libossek

Im Fischerholz im Nordwesten Augsburgs lebten einst Sinti und Reisende in erbärmlichen Verhältnissen - ohne fließend Wasser oder Kanalisation. Eine Sinta blickt zurück und erzählt vor allem eins: Gutes.

Marcella Reinhardt steht auf einem Feldweg in Augsburg-Oberhausen. Ringsherum stechen Wildblumen zwischen den kniehohen Grashalmen hervor. Nur ein paar verlassene Wohnwagen, die in der Sommersonne vor sich hinrosten, lassen erahnen, was hier einst war. Das, was die Wochenzeitung "Zeit" einmal den Abort der Stadt nannte: das Fischerholz. Ein Begriff, der genauso zur Augsburger Geschichte gehört wie Augustus oder der Perlachturm.

Für das Theaterstück „Schluchten“, das vom Fischerholz handelt, erzählte Reinhardt über das Viertel ihrer Kindheit. An diesem Nachmittag sind keine Zuseher da. Trotzdem deutet sie nach links und nach rechts. Zeigt dorthin, wo sie einst gestanden haben, die Baracken und Bauwagen, in die nach 1945 Sinti, Roma und Obdachlose einquartiert wurden, die das Konzentrationslager überlebt hatten. Auch Reinhardts Familie lebte einst hier. „Ich bin hier geboren“, sagt die heute 48-Jährige. Stolz haftet an jeder Silbe.


Ratten in den Plumpsklos, Waschen im Wasserloch: "Wir wollten nicht weg"


Marcella Reinhardt ist eine Sinta. Und eine Fischerhölzlerin. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr wohnte sie mit ihrer Familie in einer engen Baracke. Ohne fließend Wasser, ohne Kanalisation und ohne feste Straßen.

Die Wäsche wuschen alle 20 Familien in einem kleinen Wasserloch, aus den Plumpsklos streckten die Ratten ihre Köpfe. Nun schweift der Blick der Frau mit dem an den Hals tätowierten Jesus-Schriftzug über das Gelände. „Wir wollten hier nicht weg.“

Wie bitte?

Freilich, sagt Reinhardt, „die Bedingungen waren unmenschlich.“ Klar könnte man „nur das Schlechte erzählen“. Aber das entspräche eben nur der halben Wahrheit. Das Fischerholz ist für jene, die dort gelebt haben, ein Gefühl. Das Gefühl, „trotz Armut, das Beste aus der Situation zu machen“. Schwärmerisch, ja beinahe poetisch ausgedrückt, klingt das dann so: „Die Sinti machen ihre Türe auf und sind frei.“


Reisendenromanitik in der Kloake der Stadt


Die Lagerfeuer loderten, Musiker spielten auf, die Kinder tollten zwischen den Wagen umher. Über der Szene ruhte eine Aura der Zusammengehörigkeit. Reisendenromantik in der Kloake der Stadt.

Die Familie wurde Ende der 1970er in eine Billigwohnung umquartiert, in einem der Wohnblöcke, die die Stadt für die Fischerhölzer errichtet hatte. Die Zustände im Fischerholz blieben jedoch bis in die 1990er Jahre problematisch. Für 50 Bewohner gab es einen Wasseranschluss und acht Toiletten.


Der Traum: Wohnwagenstellplätze für fahrende Sinti und Roma


Dennoch sei der Traum ihres Vaters gewesen, das Fischerholz wiederzubeleben, erzählt Reinhardt. Bürgermeister Wengert habe dem seinerzeit sogar zugestimmt, aber es ließ sich kein Bauträger finden. So starb ihr Vater vor einigen Jahren – ohne noch einmal am Lagerfeuer im Fischerholz gesessen zu haben. Doch sein Traum brennt auch in Tochter Marcella.

Sie setzt sich dafür ein, dass im Viertel ihrer Kindheit zumindest Stellplätze für Wohnmobile angelegt werden. Bislang umsonst. Mittlerweile hat Reinhardt jedoch den Augsburger Verband der Sinti und Roma gegründet. Um darauf aufmerksam zu machen, welche Leiden Sinti und Roma während der NS-Zeit widerfahren sind.

Die Großeltern sterben in Auschwitz, die Tante wird zwangssterilisiert


Ihre Mutter hatte Eltern und Geschwister in Auschwitz verloren. „Mein anderer Großvater hat meinem Papa zur Flucht verholfen. Und wurde dann ebenfalls in Auschwitz ermordet“, erzählt Reinhardt. „Meine Tante wurde als Kind zwangssterilisiert.“

Die Vergangenheit änderte jedoch wenig an dem Rassismus, der gegenüber Sinti und Roma noch immer groß sei. Auch die Vorurteile haben ihre Zeit überdauert. „Ich habe an manchen Arbeitsstellen gesagt, ich sei Italienerin. Aus Angst, sonst meinen Job zu verlieren“, sagt Reinhardt.

Reinhardt: Das Fischerholz war kein kriminelles Nest


Der Vorbehalte wegen hieß es in Augsburg früher: „Geh’ bloß nicht ins Fischerholz.“ Zu unrecht, protestiert Reinhardt noch heute energisch. Freilich habe es auch Schwarze Schafe gegeben, aber ein kriminelles Nest sei die Sintisiedlung keinesfalls gewesen.

Fremde habe man gerne aufgenommen, bei benachbarten Landwirten hätten Reisende ihre Wohnwagen abstellen dürfen – daraus seien Freund- und sogar Taufpatenschaften entwachsen.


"Sie sind wie sie sind und sie sind ganz anders"


„Sie sind nicht gefährlich“, wird im Artikel der Zeit, der im Jahr 1989 verfasst worden ist, ein Oberhauser zitiert. „Sie sind wie sie sind, und sie sind ganz anders. Warum lässt man sie nicht so leben, wie sie wollen?“ Mittlerweile haben, so Reinhardt, viele Sinti ihr Leben jedoch umgestellt. „Sie fahren nicht mehr. Aus Angst vor Rassismus. Und weil sie wollen, dass ihre Kinder eine feste Schule haben. Sie denken an die Zukunft.“
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