Kinderkrebsforschung am Klinikum Augsburg: Für ein besseres Leben trotz Tumor

Das Herzstück des neuen Kinderkrebsforschungszentrums in Augsburg: Mehr als 4500 Patientenakten liefern wichtige Erkenntnisse darüber, wie Kinder mit Tumoren behandelt werden sollten, um ihnen eine möglichst uneingeschränktes Leben zu ermöglichen. Daran arbeiten unter der Leitung von Dr. Astrid Gnekow (sitzend): Studiensekräterin Sabine-Breitmoser Greiner, Dokumentationsassistentin Marina Geh, Neuropsychologe Thomas Traunwieser und Studienassistentin Daniela Kandels (von links). Foto: David Libossek
Augsburg: Klinikum |

Um Kindern mit einem Tumor zu helfen, wird am Klinikum Augsburg geforscht – nun in einem neuen Gebäude. Allerdings ohne Pipette, Reagenzgläser und andere Laborutensilien. Wie wird dort geforscht?

Dr. Astrid Gnekow öffnet die Schatzkammer. Das tut sie nicht mit einem schweren, alten Metallschlüssel, sondern mit einem kleinen Sender an ihrem Schlüsselbund. Hinter der Holztür türmen sich auch keine Edelsteine oder Goldmünzen. Was hier aufbewahrt wird, ist um einiges wertvoller als funkelnder Glitzerkram.

Mehr als 4500 rote, grüne und gelbe Mappen hängen kopfüber in den Regalen. Es sind Fallakten aus medizinischen Studien. Akten von Säuglingen und Kindern aus Deutschland und der Schweiz, die einen Tumor in Gehirn oder Rückenmark haben. Den Wert dieser Sammlung, die bis ins Jahr 1996 zurückgeht, macht die geballte Menge an Daten über Diagnosen, genetische Veranlagungen oder Behandlungsweisen aus. Daraus lassen sich Erkenntnisse über das Verhalten der Tumore und die Wirksamkeit bestimmter Therapien ableiten.

Kinderkrebsforscher arbeiten an Therapien mit geringen Folgeschäden

Die in den Akten dokumentierten Krankheitsverläufe betreffen Kinder mit geringgradig bösartigen Tumoren. Mehr als 90 Prozent dieser Patienten überleben zwar, doch bei vielen bleibt ein Resttumor zurück, mit dem sie leben müssen wie mit einer chronischen Erkrankung

Gnekow nennt dazu ein Beispiel: Ein Kind hat einen Tumor im Sehnerv. Eine Operation könnte zur Erblindung führen. Daher versucht man ein solches Kind mit anderen Mitteln zu behandeln und es dabei möglichst wenig zu belasten. Die Sehstörung durch den Tumor beeinflusst aber das weitere Leben dieses jungen Patienten. Hier bedarf es zusätzlicher Förderung, um dennoch gut in die Gesellschaft integriert zu sein.

Neues Gebäude am Klinikum kostete 1,2 Millionen

Solche Wege zu finden, das ist das Ziel ihrer Forschungsgruppe am Klinikum. Und das kann das Team nun von einer neuen Heimat aus. Am Mittwoch wurde das Kinderkrebsforschungszentrum offiziell eröffnet. Mehr als 1,2 Millionen Euro hat das Gebäude gekostet, finanziert allein durch Spenden. Das Gros stammt aus einer privaten Erbschaft, die von der Kinderkrebshilfe Königswinkel verwaltet wird.

Der Bau beherbergt aber eben keine Labore mit futuristisch anmutenden Instrumenten, die man nur durch Dekontaminationsschleusen betreten darf. Hinter den Wänden mit der markanten blau-gelben Fensterverkleidung liegen lediglich unscheinbare Büros. Und eben die Schatzkammer.

Gegen Krebs bei Kindern und Säuglingen: Möglichkeiten "fantastisch besser geworden"

Für Astrid Gnekow ist das ein besonderer Tag, das strahlt jede Geste und jede Mimik der Oberärztin der Onkologie am Klinikum aus. Seit sie 1985 als Studienkoordinatorin am Klinikum anfing, hat die Kinderkrebsforschung gewaltige Fortschritte gemacht. "Man hatte zwar die Diagnose, aber keine Therapie. Es ist fantastisch besser geworden. Und ich durfte dabei sein", sagt sie und ergänzt: "Das ist mein Lebenswerk."

Vernetzt sind sie und ihre Kollegen dabei mit anderen solcher Einrichtungen in ganz Europa. Kliniken, aber auch betroffene Eltern aus ganz Deutschland wenden sich an die Augsburger, um die bestmöglichen Wege zu finden, einen neuen kleinen Patienten zu behandeln. Dazu gleicht Gnekows Mannschaft dann Akten ähnlicher Fälle ab. Wie wurde vorgegangen und mit welchem Resultat. Die Daten werden zudem ständig aktualisiert und verfeinert.

Patienten sind auch für Forscher mehr als Zahlen oder Akten

Direkten Kontakt zu den Patienten haben die Forscher - bis auf Gnekow und den Neuropsychologen Thomas Traunwieser - nicht. Doch keinesfalls sehen sie die Kinder deshalb als Zahlen in ihren Statistiken. "Mich berührt das sehr, wenn wir erfahren, dass einer der Patienten gestorben ist", erzählt Studiensekretärin Sabine Breitmoser-Greiner, die mittlerweile auch in der Schatzkammer steht. Studienassistentin Dr. Daniela Kandels fügt jedoch umgehend hinzu: "Aber es geht glücklicherweise häufiger in die Gegenrichtung. Wenn man erfährt, dass ein Patient einen Vorlesewettbewerb gewonnen hat oder an der Uni studiert. Wenn es ihnen langfristig gut geht."

Deshalb ist das neue Gebäude und auch die Arbeit der Augsburger Forscher mit Gold nicht aufzuwiegen. Denn auch wenn das Krankheitsbild vergleichsweise selten ist: Jedes Jahr hängen rund 300 neue Akten an den Regalen der Schatzkammer. 300 kleine Patienten, denen die Augsburger helfen, ein normales Leben zu führen - trotz Tumor.
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