Kleine Pinselstriche für die Seele: Klinikum bietet Kosmetikseminare für Krebspatientinnen

Ein kopfhautberuhigendes Shampoo, eine Tagespflege für empfindliche Haut, ein Gutschein für eine Haar- und Perückenberatung, Informationshefte und jede Menge Kosmetikartikel: All das steckt in der Tasche, die die Frauen beim Kosmetikseminar erhalten.

Ein Spiegel an jeden Platz, eine Flasche Mineralwasser, Kosmetiktücher und Wattestäbchen: Herbert Koch bereitet den Konferenzraum im siebten Stock des Klinikum Augsburg liebevoll und routiniert für ein Kosmetikseminar für Krebspatientinnen vor. Zwei Stunden lang können sie hier einfach mal nur Frau sein, sich austauschen, Neues lernen und mit einem frisch gestärkten Selbstwertgefühl wieder in den Alltag zurückkehren.

Die Teilnehmerinnen trudeln langsam ein, suchen sich einen Platz an den hufeisenförmig aufgestellten Tischen. Manche kommen gleich mit der Banknachbarin ins Gespräch. „Braucht jemand ein Kissen?“, fragt Koch noch in die Runde, als alle an ihren Plätzen sitzen. Der Krankenpfleger mit Weiterbildung in Onkologie und Palliative Care organisiert die Seminare schon seit 18 Jahren.
Jetzt verlässt er den Raum. „Eine intime Atmosphäre ist für die Frauen wichtig. Wenn sie ihre Perücken oder Kopftücher abnehmen, hat kein Mann hier was verloren“, sagt er. Der Kurs ist heute mit zehn Frauen und Mädchen ausgebucht. Eigentlich, sagt Koch, ist das Seminar für Frauen ab 18 Jahren gedacht. Heute aber ist die Hälfte der Teilnehmer deutlich jünger. Es sei oft schwierig, genug Jugendliche für ein eigenes Seminar zusammen zu bekommen, erklärt der Krankenpfleger.
Einige Patientinnen kommen aus dem Klinikum, manche auch von außerhalb. „Wir hatten hier sogar schon Frauen, die aus dem Allgäu hergefahren sind. Der Kurs richtet sich an alle Frauen, die wegen einer Tumorerkrankung therapiert werden“, erläutert Koch.

Seminar zum Mitmachen

Die Frauen richten den Blick nun gespannt nach vorne, auf Michaela Hansmann. Die Kosmetikerin hat ihr eigenes Studio in Friedberg, arbeitet außerdem im Duty-Free-Bereich am Münchener Flughafen. Und sie leitet seit beinahe zwanzig Jahren ehrenamtlich die Kosmetikseminare am Klinikum. Hansmann beginnt, Taschen an die Teilnehmerinnen zu verteilen. Sie sollen im Seminar nicht nur zuhören, sondern können alles gleich selbst ausprobieren. In den Kosmetiktaschen finden die Frauen neben Informationsheften, einem Kopftuch und einem Gutschein für eine Haar- und Perückenberatung allerlei Kosmetikartikel: Von Make-up, Concealer, Rouge und Puder über Lidschatten, Wimperntusche und Kajal bis hin zu verschiedenen Lippenprodukten. Außerdem Tagescreme, Sonnencreme, Shampoo und Thermalwasser. „Alle Produkte sind für empfindliche Haut geeignet“, erklärt Hansmann.
Die Taschen haben einen Wert von rund 120 Euro und werden vom Träger, DKMS Life, zur Verfügung gestellt. DKMS Life ist eine Tochter der Deutschen Knochenmarkspenderdatei und veranstaltet jährlich über 1200 Seminare in rund 250 Einrichtungen. Um die Mitmach-Kurse kostenfrei anbieten zu können, ist die gemeinnützige Gesellschaft auf Spenden angewiesen – und auf ehrenamtliche Mitarbeiter wie Hansmann.

"Niemand muss hier irgendwas"

„Reinigung ist das A und O“, fängt die Kosmetikerin an, als die Frauen ihre Taschen ausgepackt und den Inhalt begutachtet haben. In den folgenden beiden Stunden erklärt sie Schritt für Schritt, was Frau in Bezug auf die richtige Pflege und Kosmetik beachten sollte. „Die Gesichtshaut wird durch manche Therapien sehr empfindlich, deshalb ist ein hoher Lichtschutzfaktor wichtig“, stellt sie klar. Oder: „Bei der Wimperntusche nicht pumpen: Die wird sonst bröckelig.“ Für jeden Arbeitsschritt bittet sie eine Teilnehmerin nach vorne, um zu zeigen, wie man es richtig macht. „Es ist wichtig, die Frauen nicht unter Druck zu setzen“, sagt Hansmann. „Niemand muss hier irgendetwas. Wer sich nicht gut fühlt, kann jeder Zeit einfach gehen.“ Ähnliches gilt für die Anmeldung: Sie ist zwar notwendig, da die Seminare auf zehn Teilnehmerinnen begrenzt sind. „Wer sich nicht wohl fühlt oder aus anderen Gründen doch nicht kommen kann, kann sich aber auch einfach wieder abmelden“, erklärt Koch.

Augenbrauen und Wimpern ausgefallen

Hansmann passt ihr Seminar individuell an die Bedürfnisse und Fragen der Frauen an. Was tun, wenn Wimpern und Augenbrauen ausgefallen sind? Welche Produkte eignen sich für besonders empfindliche Haut, die zu Allergien neigt? Welche Farbe steht mir? Oder: Wie trage ich Lipliner richtig auf? Jede Frau soll etwas mitnehmen können aus dem Seminar. Die Teilnehmerinnen sind mit Begeisterung bei der Sache. Manche probieren die einzelnen Schritte gleich mit aus, andere hören und schauen lieber nur zu. Die Stimmung ist locker, die Krankheit steht hier nicht im Mittelpunkt, sondern dass die Frauen sich wohlfühlen.

"Gar nicht schlecht"

Für Verblüffung sorgt Hansmann mit ihrem Augenbrauenpuder. Zwei kleine Pinselstriche, einer über jedem Auge und die Frauen sind begeistert. „Das Gesicht wirkt gleich ganz anders“, ist eine Teilnehmerin überrascht. „Das sieht echt natürlich aus“, meint eine andere. Das findet auch Pia K. Sie kommt aus dem Brustzentrum im Josefinum und ist dort über einen Aushang und die Empfehlung einer Mitpatientin auf das Seminar aufmerksam geworden. „Ich habe mich eigentlich nie geschminkt. Mein ganzes Leben lang nicht. Jetzt seh ich den Nutzen“, erzählt sie und lacht. Seit sie Augenbrauen und Wimpern verloren hat, habe sie sich nicht mehr wohlgefühlt. „Als ich jetzt in den Spiegel geschaut habe, habe ich mir gedacht: ’Ja, gar nicht schlecht.’“
„Man bekommt hier schöne Tipps, die gleich wirken“, ist auch Kerstin P. mit dem Seminar zufrieden. „Ich sehe jetzt frischer und gesünder aus“, strahlt sie. Sie ist über einen Blog auf den Kurs aufmerksam geworden. „Ich habe mich früher schon geschminkt, bin aber als Mama ein bisschen faul geworden“, berichtet sie. Beide Frauen wollen ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Denn nicht alle in ihrem Umfeld wissen von der Erkrankung. Beide wollen das Seminar aber unbedingt weiter empfehlen.
Hansmann und Koch freuen sich über die positive Resonanz. „Wir sehen so viele Frauen mit gestärktem Selbstbewusstsein hier rausgehen“, erzählt Koch. Einen Wunsch für die Zukunft hätten die beiden aber doch: „Ein Seminar für Männer. Das wäre wichtig.“ Denn auch Männer leiden unter den optischen Nebenwirkungen. „Das ist aber leider noch Zukunftsmusik“, seufzt Koch, während er Spiegel und Kosmetiktücher wieder im Schrank verstaut.

Das Seminar wird in diesem Jahr noch am 15. September und am 17. November, jeweils um 15.30 Uhr, im Klinikum Augsburg – II. Medizinische Klinik, 7. Obergeschoss, Raum 005 stattfinden. Eine Anmeldung ist notwendig bei Herbert Koch unter Telefon 0821/400 20 33. Weitere Informationen zu den Seminaren finden Interessierte unter www.dkms-life.de.

Kristin Deibl
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