"Little America" in Kriegshaber

Die Flächen der ehemaligen amerikanischen Siedlungen wurden neu gestaltet und auch ein Teich neben der Bürgermeister-Ackermann-Straße steigert die Aufenthaltsqualität.


Am 28. April1945 rückten amerikanische Truppen in die zur Hälfte zerstörte Stadt Augsburg ein. Unter der ansässigen Bevölkerung bestanden zunächst erhebliche Vorbehalte, denn im Mai 1945 begannen die Truppen, unzerstörten Wohnraum für sich, später auch für die nachkommenden Familien zu beschlagnahmen. Die Kapazität unbeschädigt gebliebener Wehrmachtsanlagen reichte nicht aus. Auch zu Beginn der 1950er-Jahre war die Wohnsituation immer noch sehr angespannt. Aufgrund der Expansionsbestrebungen der Sowjetunion und des Korea-Krieges wurden die amerikanischen Truppen in Deutschland aufgestockt. Das bedeutete auch für Augsburg langfristig mehr Soldaten, die untergebracht werden mussten.

Wohnungsbauprogramme wurden initiiert: Zwischen 1951 und 1953 entstanden die 28 Wohnblocks von Centerville, ab September und Dezember 1954 die 45 Wohnblocks der Siedlung Cramerton. Der Schwerpunkt eines zweiten Programms lag auf der Verbesserung der Infrastruktur. Bis 1958 wurde die als "Stadtautobahn" deklarierte Bürgermeister-Ackermann-Straße angelegt. Sie war die erste moderne Stadtautobahn Bayerns. In weniger als zehn Jahren war im Westen Augsburgs ein völlig eigenständiges "Little America" mit kompletter Infrastruktur entstanden, das Mitte der 1950er-Jahre die größte US-Siedlung in Westdeutschland bildete.

"Christmas Cheer"
und mehr

Die Wohnsiedlungen waren weder durch Zäune noch sonstige Absperrungen nach außen abgeriegelt. Im Zuge der terroristischen Anschläge der Roten Armee Fraktion in den 1970er-Jahren und auch während des Golfkriegs 1991 wurden lediglich die Sicherheitskontrollen der Militärpolizei verstärkt. Das Betreten durch deutsche Zivilisten, mit Ausnahme von Zivilarbeitern, war je nach der weltpolitischen Großwetterlage mehr oder weniger unerwünscht. Die Pflege der deutsch-amerikanischen Beziehungen spielte sich, mit Ausnahme diverser Veranstaltungen, im Kasernenbereich, meist auf neutralem Terrain ab.

Trotz immer wieder auftretenden Konflikten zwischen Soldaten und Bürgern entwickelte sich in Augsburg ein alles in allem positives Geflecht des Gebens und Nehmens. Ein reger kultureller Austausch fand statt. Es gab gemeinsame Volksfeste, Kinoveranstaltungen, Bildungsinitiativen und Jugendprogramme. Alljährlich wurden Augsburger Waisenhäuser von den Amerikanern beschenkt, wo sie all das verteilten, was Kinder glücklich macht. Amerikanische GIs wurden zu deutschen Familien eingeladen, um dort Weihnachten zu feiern. Dieser Brauch war unter dem Namen "Christmas Cheer" bekannt.


Claudia Böhme

Aus dem Buch "Kriegshaber in Bildern. Am Straßenrand der Weltgeschichte", erscheint im Wißner-Verlag, April 2016
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