Café Berta: Modellprojekt für Suchtkranke

Für die Suchtkranken , die sich bisher am Oberhauser Bahnhof treffen, könnte bald ein Treffpunkt entstehen. Vorbild ist das Café Berta in Dortmund. Foto: David Libossek

Sie sind laut, stehen in Gruppen zusammen, hinterlassen Müll und Unrat - Anwohner und Passanten fühlen sich belästigt oder gar bedroht: Die Drogen- und Alkoholszene am Oberhauser Bahnhof bleibt eine Herausforderung. Anregungen hat sich nun eine Augsburger Delegation in Dortmund geholt. Dort lockt das Café Berta seit 2012 erfolgreich Alkoholiker von der Straße.

Als im Sommer 2015 ein Spielplatz hinter dem Oberhauser Bahnhof aufgegeben und zum Treffpunkt für die Drogenszene umgewidmet wurde, waren die Probleme nicht gelöst - sie wanderten nur an den Rand der öffentlichen Wahrnehmung. Für eine abschließende Beurteilung halten es Ordnungsreferent Dirk Wurm und Janina Hentschel vom Kriminalpräventiven Rat noch zu früh. "Die Zwischenbilanz hat gezeigt, dass der Spielplatz insbesondere an warmen sonnigen Tagen sehr gut angenommen wird", berichten die beiden. Allerdings beobachteten sie im Frühjahr eine Verlagerung an die Haltestellen der Straßenbahn und auch in den Bereich des öffentlichen Toilettenhäuschens. Dies hänge in erster Linie damit zusammen, dass die niedrigeren Temperaturen einen Aufenthalt in der Sonne angenehmer machten als im schattigen Bereich des Spielplatzes. "Die Attraktivität eines Ortes entscheidet nach wie vor über die Wahl des Aufenthaltsortes. Daher scheint uns auch ein Angebot zur Entlastung der Straßenszene derzeit die geeignetste Maßnahme", sind sich Wurm und Hentschel einig. Der Blick über den schwäbischen Tellerrand hinaus sollte die zündende Idee bringen.

Das Nordviertel ist quasi das Oberhausen Dortmunds, nur in deutlich größerem Maßstab: Drogenszene, Alkohol, Prostitution. Hier entstand die Idee zu Café Berta. Die Einrichtung ist von Montag bis Samstag von 12 bis 19 Uhr geöffnet und dient vorrangig als Anlaufstelle für Alkoholiker. Für Konsumenten illegaler Drogen gibt es eine vergleichbare Einrichtung.

Wie gut das Café angenommen wird, davon überzeugte sich die Augsburger Abordnung, zu der neben Ordnungsreferent Wurm und Janina Hentschel auch einige Stadträte sowie die Vertreter der Augsburger Hilfeeinrichtungen für Suchtkranke gehörten. "Das Projekt in Dortmund zeigt sehr gut auf, dass ein Angebot zur Entlastung der Straßenszene, in Form eines Café Berta, in der Nähe eines durch die Straßenszene hochfrequentierten Platzes eine entscheidende Entlastung im öffentlichen Raum herbeiführen kann", ziehen Wurm und Hentschel ein gemeinsames Fazit. Außerdem könne es sich bei dem Projekt unter bestimmten Voraussetzungen um eine geeignete Maßnahme zur Ergänzung der Hilfen für Menschen mit Suchterkrankungen handeln.

In Dortmund bringen die Gäste ihre Getränke selbst mit, erlaubt sind Wein und Bier. Eine über die Projektzeit gemachte Erfahrung: Im Café Berta trinken die Süchtigen deutlich weniger, als wenn sie allein zu Hause sind. Wobei für einige der "Kunden" das Café schnell zum eigenen Wohnzimmer wurde, der Ort, an dem sich ihr Sozialleben abspielt. Und so gibt das Café Berta manchem Leben Struktur und Rhythmus. Viele würden, so die Beobachtung, nach Hause gehen, wenn das Café schließt.

"Auch für Augsburg könnte ein Angebot, wie das Café Berta in Dortmund, ein geeignetes Instrument sein, um den Oberhauser Bahnhofsvorplatz oder aber auch andere Orte im öffentlichen Raum zu entlasten", ist Wurm überzeugt. Allerdings müsse erst eine Analyse der Hilfestrukturen in den Stadtteilen, aber auch stadtweit noch erfolgen, "um die mögliche Einbettung eines Angebotes zur Entlastung der Straßenszene am Oberhauser Bahnhofsvorplatz oder aber auch andernorts hinreichend auf seine Übertragbarkeit zu überprüfen und die nötigen Rahmenbedingungen zu definieren".

Tatsächlich profitiert das Café Berta von einer engen Verknüpfung mit anderen Projekten im Stadtviertel. Beratung, etwa zu Jobcenter oder Wohnungssuche, wird den Besuchern nicht aufgedrängt, sondern gibt es nur auf Nachfrage. Zudem steht eine ärztliche Sprechstunde im Angebot. Solch ein Netz müsste auch in Augsburg erst geknüpft werden.

Bleibt die Frage, ob sich die Anwohner in Oberhausen mit einem Café Berta anfreunden können. "Als Ort des Willkommens für eine Gruppe von Menschen, die sehr stark von Diskriminierung und Stigmatisierung betroffen ist, bietet es die Chance, alle gesellschaftlichen Gruppen näher zusammenzubringen", sind Wurm und Hentschel überzeugt. Am Donnerstag dürfen sie im Allgemeinen Ausschuss von ihren Eindrücken aus Dortmund berichten. Dort übrigens hat der Stadtrat bereits 405 000 Euro an Förderung zugesagt, um den Fortbestand des Projekts weiterhin sicherzustellen.
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