Interview mit Dirk Wurm zum Süchtigentreff: "Vorgehensweise war ein Fehler"

Dirk Wurm wirbt in Oberhausen bei den Anwohnern für den Standort Dinglerstraße. Foto: privat

Dirk Wurm ruft aus Barcelona zurück. Die StadtZeitung hat mit dem Ordnungsreferenten ein Telefongespräch vereinbart, um über den umstrittenen Standort für den Süchtigen-Treff in Oberhausen zu sprechen. In der spanischen Metropole nimmt er an einer Konferenz zur kommunalen Sicherheit teil. Kollegen aus anderen europäischen Städten hätten ihm von ihren Erfahrungen mit betreuten Süchtigen-Einrichtungen berichtet. Der Tenor sei positiv. Was bislang in Augsburg schief gelaufen ist und was er im Nachhinein anders machen würde, erzählt er im Interview.

StadtZeitung: Die Dinglerstraße, also ein Standort inmitten eines Wohngebiets, ist für die Einrichtung eines Süchtigen-Treffs sehr umstritten. Die Anwohner sind sauer. Nun kündigte Stadtsprecher Richard Goerlich an, dass die Standortfrage nach den Bürgerinformations-Veranstaltungen nochmals in die politische Aussprache gehe. Was bedeutet das konkret? Wann entscheidet wer?

Dirk Wurm:
Im nächsten Allgemeinen Ausschuss wird es einen Bericht geben über die Bürgerinformation und über die Immobiliensuche. Damit der Ausschuss einen Einblick hat, wie schwierig die Suche war. Dann werde ich den Stadtrat bitten, abzustimmen, ob wir die Immobilie anmieten.

StaZ: Bräuchten Sie rein rechtlich das Votum des Ausschusses?

Wurm: Nein, die Zustimmung bräuchten wir nicht, denn ursprünglich wurde beschlossen, dass die Verwaltung den Standort festlegt. Wir bewegen uns hier in einem Finanzrahmen, der nicht ausschusspflichtig ist.

StaZ: Warum haben Sie nicht von Anfang an transparenter agiert? Würden Sie im Nachhinein sagen, dass es ein Fehler war, den Standort erst nach der Unterzeichnung des Mietvertrags bekanntmachen zu wollen? Und akzeptieren Sie den Vorwurf des Zick-Zack-Kurses?

Wurm: Die Vorgehensweise war ein Fehler. Dazu stehe ich. Zickzack-Kurs ist es keiner, denn das Ziel war und ist es, den Süchtigen zu helfen, den öffentlichen Raum zu entlasten und das Sicherheitsgefühl der Oberhausener zu stärken. Und das kann gelingen.

StaZ: Und wie soll es gelingen, die Anwohner davon zu überzeugen, dass gerade ihre Straße für diese Entlastung herhalten muss?

Wurm: Wir müssen ihre Fragen beantworten und ihnen die Befürchtungen nehmen. Auch künftig werden monatlich Gespräche stattfinden, um mögliche Probleme sofort zu lösen. Zudem werden Polizei und Ordnungsdienst künftig im Viertel Präsenz zeigen.

StaZ: Glauben Sie nach wie vor an das Konzept des Süchtigen-Treffs?

Wurm: Ja! Die Erfahrungen, die andere Städte gemacht haben, sind positiv. Wir werden natürlich erst wissen, wie es funktioniert, wenn wir es versuchen.

StaZ: Geöffnet sein soll der Treff ja lediglich von 13 bis 18 Uhr. Kann eine Betreuung der Szene bei so geringen Öffnungszeiten denn überhaupt funktionieren?

Wurm: Wir müssen irgendwo anfangen, was die Personalausstattung und die Zeiten angeht. Die Öffnungszeiten sind das, was momentan leistbar ist. Zudem sind Mittagszeiten durchaus relevant, weil zu dieser Zeit am Oberhauser Bahnhof viele Kinder aussteigen. Und ein Süchtiger, der mittags bis abends in der Einrichtung ist, nimmt während dieser Zeit keine Drogen. Er kann also stabilisiert werden. Wenn wir nur am späten Abend aufmachen würden, würde das gar nichts bringen, weil die Abhängigen dann schon in einem Zustand sind, in dem die Sozialarbeiter viel schlechter arbeiten können, als mittags.

StaZ: Wenn der Treff in der Dinglerstraße eingerichtet ist, wie wird dann am Oberhauser Bahnhof mit Süchtigen verfahren, die sich weigern, den Treff zu nutzen, und am Haller-Platz bleiben?

Wurm: Die Erfahrungen anderer Städte zeigen: Die Leute gehen mit. Und diejenigen, die das Angebot nicht annehmen, werden weiterhin auf dem Helmut-Haller-Platz von der Drogenhilfe oder vom SKM betreut.

StaZ: Was versprechen Sie sich insgesamt von der Einrichtung an der Dinglerstraße?

Wurm: Das Ziel ist, die Süchtigen besser zu betreuen, das geht nicht auf einem Platz, und den Helmut-Haller-Platz wieder für alle Oberhauserinnen und Oberhauser erlebbar zu machen. Nur wenn sich die Gruppe am Bahnhof zahlenmäßig verringert, wird sich das positiv auf das Sicherheitsempfinden auswirken. Auf dem Haller-Platz haben Sie die klassischen gruppendynamischen Prozesse, die zu erhöhtem Konsum führen. Ziel ist es, diese Prozesse zu durchbrechen und den Süchtigen Tagesstruktur zu geben.



Interview: Janina Funk und David Libossek


Am Mittwoch, 22. November, Donnerstag, 23. November, und Freitag, 24. November, jeweils um 18 Uhr, finden die angekündigten Bürgerveranstaltungen in der Dinglerstraße 10 statt.
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Hubert Hans aus Augsburg - City | 21.11.2017 | 18:25  
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