Oberhauser Bahnhof: Anstoß fürs betreute Trinken

Die Stadt spielt mit dem Gedanken, eine Trinkerstube am Haller-Platz einzurichten.
 
Auf einem Schild bittet die Stadt am Haller-Platz, Trinkgelage zu unterlassen.


Als Exportschlager aus Dortmund sind bisher vor allem schwarz-gelbe Fußballer bekannt, die zum FC Bayern wechseln. Der Augsburger Ordnungsreferent Dirk Wurm und einige Stadträte spielen derzeit mit dem Gedanken, etwas ganz anderes aus der BVB-Stadt zu übernehmen: Einen betreuten Trinkertreff für die Alkoholiker-Szene vom Oberhauser Bahnhof.



"Am Anfang war es schwierig, unsere Regeln durchzusetzen", sagt der Mann mit grauer Mähne und Zauselbart. Er ist Teil des Projekts "Café Berta", das in Dortmund seit 2012 erfolgreich Alkoholiker von der Straße lockt. Seine Videobotschaft flimmert über die Wand im Sitzungszimmer des Augsburger Rathauses. Inzwischen, so erzählt der Sozialarbeiter in dem Einspieler, sei die Identifikation der Süchtigen mit der Einrichtung aber sehr groß. Die Zielgruppe nehme das Angebot gut an - und auch die Anwohner hätten sich, nach anfänglicher Skepsis, mit dem Café Berta angefreundet.

Die Videobotschaft für den Ordnungsausschuss hat Janina Hentschel aus Dortmund mitgebracht. Die Vertreterin des Kriminalpräventiven Rats der Stadt Augsburg war mit Ordnungsreferent Wurm und anderen Delegierten auf Ruhrpott-Reise, um sich das Konzept der Trinkerstube in der Praxis anzuschauen. Über das Café Berta, in dem jeder seine eigenen Getränke dabei hat, weiß Hentschel nur Positives zu berichten. "Es führt zu einer Entlastung des öffentlichen Raums", fasst sie zusammen. Sollte der Stadtrat für den Oberhauser Bahnhof ein ähnliches Projekt umsetzen wollen, müsse allerdings unbedingt die Szene selbst und die Nachbarschaft in die Planungen miteinbezogen werden, mahnt sie.

Die Anwohner in Oberhausen von einem Café Berta überzeugen könnte möglicherweise eine Statistik, die Dirk Wurm dem Ausschuss vorträgt. Nur einmal pro Tag komme es im Durchschnitt zu einem Konflikt, bei dem die Mitarbeiter eingreifen müssten. Einmal pro Woche müsse die Polizei gerufen werden - deutlich seltener als vor 2012, als sich die Trinkerszene der westfälischen Stadt vor und in den Kneipen rund um den Platz im Dortmunder Norden traf, an dem sich heute das Café Berta befindet.

Seine Koalitionskollegen von der CSU scheint SPD-Mann Wurm jedoch nicht so leicht für das Projekt begeistern zu können. Man sei mit der Wärmestube in der Innenstadt und den Einrichtungen der Drogenhilfe bereits gut aufgestellt, konstatiert etwa Stadtrat Peter Uhl. Für CSU-Frau Hedwig Müller hat das Projekt einen zu hohen Preis und die Nachbarschaft wohl kaum Interesse an einem Trinkertreff vor der eigenen Haustüre. "Niemand will es haben und wir können es uns nicht leisten", spitzt sie zu. Und auch Peter Schwab schließt ein Café Berta am Oberhauser Bahnhof "aus Kostengründen" aus. Zudem würde eine solche Einrichtung Alkoholiker aus anderen Stadtteilen in Richtung Helmut-Haller-Platz ziehen. Statt entlastet würde das Gebiet noch mehr belastet.

Pia Haertinger von den Grünen hält mit der Wärmestube des katholischen Verbands SKM dagegen, die ja schließlich auch nicht wie ein Magnet wirke. Was die Kosten angehe sei "Augsburg wirklich nicht Dortmund". Soll heißen: Augsburg würde wohl kaum 160 000 Euro pro Jahr für das Projekt ausgeben müssen, wie die Stadt im Ruhrpott, da für die kleinere hiesige Szene bei weitem nicht die gleiche Anzahl an Mitarbeitern gebraucht würde.

"Wir werden das Problem am Oberhauser Bahnhof nicht lösen können"

"Wir haben Geld fürs Theater, wir haben Geld für viele Projekte", fügt Dieter Benkard (SPD) hinzu. Auch am Haller-Platz solle investiert werden. "Wir werden das Problem am Oberhauser Bahnhof nicht lösen können, aber wir können die Situation verbessern", lautet sein Fazit.

Um die Situation zu verbessern, solle man an "den Basics" arbeiten, fordert CSU-Stadtrat Schwab; etwa endlich die Löcher auffüllen, die von der Entfernung der Spielgeräte übriggeblieben sind, nachdem die Szene im vergangenen Jahr auf den ehemaligen Kinderspielplatz hinter dem Bahnhof umgesiedelt wurde. Dass das Areal attraktiver werden sollte, findet auch Regina Stuber-Schneider (Freie Wähler), die beim Projektbesuch in Dortmund dabei war. "Der Platz um das Café Berta herum ist schön gestaltet", sagt sie. "Das fehlt am Haller-Platz, der eher deprimierend aussieht."

Das einzige, was der Delegation an der Exkursion in den Pott nicht gefallen habe, erfährt man noch von Ordnungsreferent Wurm, sei, dass die Stadt Dortmund Janina Hentschel vom Kriminalpräventiven Rat abwerben hätte wollen. Er habe sie aber schnell überzeugen können, dass Augsburg trotz allem viel schöner sei als Dortmund, sagt er mit einem breiten Grinsen auf den Lippen.

Nun will die Stadt die Sommersaison der Trinkerszene am Haller-Platz noch einmal beobachten. Erst dann soll der Ordnungsausschuss entscheiden, ob es künftig auch in Augsburg ein Café Berta geben soll. (Janina Funk )
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