Weg vom Vorplatz: Für die Szene am Oberhauser Bahnhof soll eine Trinkerstube entstehen

Eine Trinkerstube soll am Oberhauser Bahhof für Entspannung sorgen. Foto: Janina Funk

Eine raue Männerstimme grölt einen Scherz, heiseres Lachen antwortet im Chor, dazu dröhnt Heavy-Metal-Musik aus einem Lautsprecher. Die Gruppe dunkel gekleideter Menschen drängt sich vor den Eingangstüren des Oberhauser Bahnhofs - wer zum Zug will, muss hier durch.

Der Oberhauser Bahnhof ist längst geduldeter Treffpunkt für Augsburgs Drogen- und Alkoholszene. Viel wurde bisher im Stadtteil und in den politischen Gremien diskutiert, wie die Situation verbessert werden könnte. Einziges Ergebnis bisher: Ein Spielplatz neben dem Bahnhofsgebäude wurde aufgelöst. Der kleine Bereich steht seitdem der Drogenszene zur Verfügung, damit sie sich nicht mehr mitten auf dem Bahnhofsvorplatz trifft. Das hat im Sommer recht gut geklappt, doch die winterlichen Temperaturen zwingen die Menschen in den Schutz des Bahnhofsgebäudes - und damit zurück in die Aufmerksamkeit der Passanten.

Die eingangs geschilderte Szene ereignete sich am zweiten Adventssonntag, 17.30 Uhr, zu einer Zeit also, in der die Bahnkunden eher vereinzelt am Bahnhof eintreffen. Die Folge ist klar: Das subjektive Sicherheitsgefühl am Oberhauser Bahnhof ist im Keller.

Doch wie es eben so ist mit dem subjektiven Sicherheitsgefühl, es hat wenig mit der Realität zu tun. Die Zahl der Gewalttaten am Oberhauser Bahnhof ist vergleichsweise gering und 90 Prozent dieser Gewalttaten ereignen sich innerhalb der Szene selbst, wie Stefan Lanzinger, der Chef der Polizeiinspektion Oberhausen auf einem Vor-Ort-Termin im Sommer 2015 bestätigte. Geändert hat sich daran nichts. Denn eigentlich wollen die Süchtigen, die sich hier treffen, nur ihre Ruhe, wie im Gespräch mit ihnen zu erfahren ist. "Zivilisten", die über den Platz laufen, würden nicht angepöbelt, betont ein Mitglied der Szene - was Bettelei um Kleingeld freilich nicht ausschließt. Den für sie geöffneten Spielplatz hat die Szene entsprechend gut angenommen, nur für die kalte Jahreszeit funktioniert dies eben nicht mehr.

"Alternatives Aufenthaltsangebot" für die Szene

Die Stadt möchte eine Lösung schaffen und den Haller-Platz aufwerten. Dafür soll nun auch ein "alternatives Aufenthaltsangebot für die Straßenszene" geschaffen werden. Dahinter steckt eine Art Trinkerstube, in der sich die Szene abseits des öffentlichen Fokus treffen könnte. Dort gäbe es nur niedrigprozentigen Alkohol, Hilfe durch Sozialarbeiter sowie ein medizinisches Betreuungsangebot.

Die Umsetzung läge bei einem gemeinsamen Trägerverband aus Drogenhilfe Schwaben und des Katholischen Verbands für soziale Dienste SKM. Sie betreuen auch bisher die Szene mit ihren Streetworkern.

Geplant war zunächst eine dreijährige Pilotphase. Danach soll sich der Stadtrat die Ergebnisse anschauen und über eine Fortsetzung entscheiden - soweit der Konzeptvorschlag der Verwaltung.

"Meilenstein" oder "Mosaiksteinchen"?

Im Allgemeinen Ausschuss am Mittwoch war man sich plötzlich nicht mehr sicher, welchen Stellenwert eine Trinkerstube in einem Gesamtkonzept für den Oberhauser Bahnhof einnimmt: Von einem "Meilenstein" sprach Janina Hentschel vom Kriminalpräventiven Rat, für CSU-Stadtrat Peter Uhl ist der Szenetreff dagegen nur ein "Mosaiksteinchen", ohne das ein Gesamtkonzept für den Haller-Platz problemlos auskomme. Seine Parteikollegen Peter Schwab und Leo Dietz betonten, sie bezweifelten, dass die Szene dieses Angebot tatsächlich annehme.

Nach einer Anpassung des vorgelegten Konzepts, die Pilotphase wurde auf zwei Jahre verkürzt, stimmte der Ausschuss zu - gegen zwei Stimmen aus der CSU-Fraktion: Peter Schwab und Günter Göttling blieben bei ihrer Ablehnung und stellten die Wirkung einer Trinkerstube nach wie vor in Frage.

Ordnungsreferent Dirk Wurm gab zu bedenken, dass es genau deshalb eine Pilotphase gebe. "Es ist ein Experiment", sagte er. Mit dem Beschluss kann nun nach einem geeigneten Standort für den Szenetreff gesucht werden, den Wurm bis März 2017 zu finden hofft.
(Von Janina Funk und Markus Höck)
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