Witold Scibak. Als Zwangsarbeiter in Augsburg und Horgau. Zeitzeugengespräch.

Wann? 26.04.2016 19:00 Uhr

Wo? Halle 116, Karl-Nolan-Straße, 86157 Augsburg DE
Der 15-jährige Witold Scibak bei der UNNRA in Indersdorf auf der Suche nach seinen Eltern nach Kriegsende.
 
Familie Scibak. Nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes wurde die gesamte Familie nach Deutschland deportiert, Witolds Mutter und Schwester kamen nach Ravensbrück, sein Vater und er nach Sachsenhausen, er schließlich nach Bergen-Belsen und dann nach Augsburg
Augsburg: Halle 116 | Witold Scibak: Zeitzeugengespräch. Als Zwangsarbeiter in Augsburg und Horgau. Dienstag, 26.April 2016. 86157 Augsburg, Karl-Nolan-Straße, Halle 116, 19 Uhr. Eintritt frei-Spenden erwünscht. Veranstalter: Erinnerungswerkstatt Augsburg und Gegen Vergessen-Für Demokratie Augsburg-Schwaben.

Jahrzehntelang hat Witold Scibak die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit gescheut, litt unter Albträumen und Schlaflosigkeit. Er spricht weder mit der Familie, Freunden oder Arbeitskollegen über seine Deportation nach Deutschland.
Per Zufall entdeckt er 70 Jahren nach Kriegsende auf einer Ausstellung in Warschau über deportierte Kinder im Nationalsozialismus sein Bild. Seine Enkelin Karolina drängt ihn zu einem Besuch in Deutschland, um seiner eigenen Geschichte nachzugehen.
Zu verdanken war Scibaks Besuch dem jahrzehntelangen Engagement der ehemaligen Lehrerin Anna Andlauer, welche die Geschichte des Kinderheims Markt Indersdorf erforschte. Gleich nach dem Krieg wurde in Indersdorf eine Unterkunft für Kinder eingerichtet, deren Eltern im KZ ermordet oder in Osteuropa für die Zwangsarbeit in Nazi-Deutschland entführt worden waren. Eine von den Vereinten Nationen eingerichtete Stelle suchte für die Kinder in deren Heimatländern nach überlebenden Verwandten. Ihre Forschungsergebnisse präsentierte Anna Andlauer 2015 in Warschau. Uns so schließt sich der Kreis.

Dank der Einladung von Anna Andlauer kommt der ehemalige Bauingenieur und Universitätsdekan 2015 nach Augsburg, Horgau und Indersdorf. 1 Jahr später kehrt Witold Scibak erneut zu den Orten zurück, an denen er gedemütigt, gepeinigt und erniedrigt wurde. Jetzt kann er über seine Demütigungen sprechen. Heute wie damals geht es ihm darum, die Erinnerung wach zu halten. Denen, die nicht wissen, was ein Unrechtsregime ist, möchte er erklären, warum ein solches nie wiederkehren darf.

Der Leidensweg Witold Scibaks beginnt nach der Niederwerfung des Warschauer Aufstands im Oktober 1944, als die Besatzer seine Familie nach Deutschland deportieren. Schwester und Mutter kommen ins KZ Ravensbrück, Witold und sein Vater ins KZ Sachsenhausen. Später, getrennt von seinem Vater, muss er in das KZ Bergen-Belsen, dann ins Dachauer KZ-Außenlager Horgau, dann nach Augsburg. Er selbst hat sich dafür gemeldet. Anfangs kommt ihm die Blechschmiede in Horgau im Vergleich zu Bergen-Belsen wie ein “Erholungsheim“ vor.

Ab Anfang März 45 muss der 15-jährige nach Augsburg und leistet direkt Zwangsarbeit bei der Firma Messerschmitt. 12 Stunden am Tag, in Tages- und Nachtschichten. Zur Arbeit nach Haunstetten marschieren die Zwangsarbeiter durch Pfersee zum Lokalbahngleis in der Nähe der Adlhochschule. Von dort werden sie mit der Lokalbahn zum Werk in Haunstetten transportiert.

Unter der permanenten Bewachung von SS-Leuten fristen die bis zu 2000 Mitgefangenen in der 160 Meter langen Halle 116 ihr Dasein. Matratzen gibt es keine, geschlafen wird in 3-stöckigen Holzbetten. Auf dem Appellplatz vor der Halle werden Straftaten vollzogen, vermutlich auch Exekutionen. Die Lebensbedingungen sind unmenschlich. Überlange Arbeits-und Wegzeiten, minderwertige Magerkost, desolate hygienische Verhältnisse und nicht zuletzt Schikanen der Wachtposten sind an der Tagesordnung. Hinzu kommen Krankheiten und Epidemien. Dies führt zu vielen Todesfällen im Lager Pfersee. Die Toten verbrennt man zunächst im Stammlager Dachau, später werden sie im Augsburger Krematorium eingeäschert bzw. in Massengräbern im nahen Westfriedhof begraben.

Scibak erzählt, wie die Nazis ihm seine Identität nahmen und ihm stattdessen die Nummer 144567 gaben. Er erzählt von Türmen toter Menschen, von Todgeweihten und Holländern, die Glück hatten, die landestypischen Holzschuhe zu tragen: Bei Kälte stießen die Füße gegen die Schuhwand und das Blut konnte besser zirkulieren. Er erzählt davon, dass sie bei Kriegsende auf dem Todesmarsch bei Klimmach von den Amerikanern befreit wurden. Dass er sich schwor, niemals wieder die Kruste eines Brotes übrig zu lassen.

Witold erinnert sich, dass er in einem Gasthof ein paar Laibe Brot und einen Kissenbezug stiehlt, um diesen als Rucksack zu nutzen. (2015 sucht er die Enkelkinder auf und entschuldigt sich hierfür). Er erzählt vom Glücksgefühl, das er empfand, als ihm der US-Suchdienst im Kinderheim in Indersdorf zwei Wochen nach Kriegsende mitteilt, dass seine Familie noch am Leben ist.

Witold Scibak wünscht sich, dass an der Halle 116, in welcher er fast 7 Wochen bis zum 27. April 1945 mit Hunderten anderer Zwangsarbeiter untergebracht war, eine Gedenktafel angebracht wird, die an die Vergangenheit erinnert.

Sein Besuch in Augsburg verleiht den Bemühungen all der Initiativen Auftrieb, die sich seit Jahren dafür einsetzen, die Halle 116 in Pfersee in einen „Lernort Frieden“ umzugestalten.

Besonderer Dank gilt hier vor allem Wolfgang Kucera und Gernot Römer, die sich zu allererst nachdrücklich für den Erhalt der Halle 116 eingesetzt haben;
der Bürgeraktion Pfersee „Schlössle“ e.V.
der Augsburger Friedensinitiative,
pax christi,
der Arche e.V;
der Geschichtswerkstatt Augsburg,
der Jungen Werkstatt Augsburg,
der Stadtratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen,
der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes;
der IG Metall Augsburg;
dem Amerikaverein,
der Konzeptgruppe um Prof. Philipp Gassert von der Universität Augsburg
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