Zwischen Zweifel und Zuversicht: Bürgerversammlung zum umstrittenen Süchtigen-Treff in Oberhausen

Kritiker des Süchtigen-Treffs im Gespräch mit Ordnungsreferent Dirk Wurm. (Foto: Janina Funk)
 
Auch einer aus der Szene vom Oberhauser Bahnhof meldete sich zu Wort. "Ed" glaubt nicht, dass die Einrichtung angenommen wird. (Foto: Janina Funk)

Mehr als 120 Menschen haben sich im ehemaligen "Paparazzi" in der Dinglerstraße eingefunden. Das frühere Lokal soll Standort einer Einrichtung für die Drogenszene vom Oberhauser Bahnhof werden. Der Andrang am ersten von drei Informationsabenden ist groß, die Sitzplätze reichen nicht aus, einige Interessierte müssen stehen. In dem kalten, unbeheizten Raum entwickelt sich eine hitzige Diskussion über das Für und Wider des Süchtigen-Treffs.

"Wir wollen so was nicht in einem Wohngebiet", sagt ein junger Mann mit blondem Bart, der sich als Christoph vorstellt. Seit seiner Geburt vor 26 Jahren wohne er in dem Viertel. Die Angst der Anwohner, so seine Einschätzung, sei berechtigt.

Jene Angst also, dass sich die Drogenszene vom Bahnhof in die Grünanlagen des Wohngebiets verlagert. Jene Angst, die an diesem Abend im Mittelpunkt steht. "Unser Viertel wird runtergezogen", klagt ein Anwohner, "was macht die Polizei, wenn jetzt die Drogen hier her gelockt werden", fragt ein anderer.

"Wir lassen den Stadtteil nicht im Stich"

Die Polizei antwortet in Person von Stefan Lanzinger. Er ist Revierleiter in Oberhausen und verspricht die Präsenz seiner Leute. Fast schon pathetisch ergänzt Ordnungsdienst-Leiter Andreas Bleymaier: "Wir lassen den Stadtteil nicht im Stich."

Lanzinger und Bleymaier sind nur zwei Vertreter einer Vielzahl von Akteuren, die in das Konzept des Süchtigen-Treffs eingebunden sind. Auf dem Podium sitzen zudem Hannelore Köppl von der Arbeitsgemeinschaft der Oberhauser Vereine (ARGE), Carina Filser vom Sozialdienst katholischer Männer (SKM) und Uwe Schmidt von der Drogenhilfe Schwaben. Ordnungsreferent Dirk Wurm führt durch die Veranstaltung, Sozialreferent Stefan Kiefer gibt einen Einblick ins Quartiersmanagement für Oberhausen, zahlreiche Stadträte haben sich unter die Besucher gemischt.

Situation am Oberhauser Bahnhof "kann nicht so bleiben"

Welche Bedeutung das Projekt für die Stadtregierung hat, zeigt sich auch an der Anwesenheit von Oberbürgermeister Kurt Gribl. "Die Situation am Oberhauser Bahnhof ist problematisch", sagt dieser. "Sie kann nicht so bleiben wie sie ist."

Der Süchtigen-Treff, so der Plan, soll die Szene entzerren. Janina Hentschel vom Kriminalpräventiven Rat der Stadt Augsburg stellt das Konzept zu Beginn vor. Sie zählt "sozialräumliche" und "ordnungsrechtliche" Maßnahmen auf, referiert über "Platzmanagement". Am Ende ihrer Powerpoint-Präsentation steht: der Süchtigen-Treff "ist DER Meilenstein im Gesamtkonzept". - "Das glaub ich nicht", murmelt jemand im Publikum.

"Ich bin Ed - und ich bin einer vom Oberhauser Bahnhof"

Neben der Angst der Anwohner vor der Umsiedlung der Szene in ihre Nachbarschaft steht ein genereller Zweifel im Raum. Ein Mann in grau-schwarzer Jacke spricht diesen aus. Sein Statement leitet er mit den Worte ein: "Ich bin Ed - und ich bin einer vom Oberhauser Bahnhof." Er glaube nicht, dass die Einrichtung angenommen werde. "Das sind alles unterschiedliche Charaktere und keine homogene Masse, die einfach kommt, nur weil man das sagt."

Auch seien die Öffnungszeiten, die lediglich den Nachmittag umfassen, zu gering. "Was soll das bringen. Die Leute stehen von 7 bis 23 Uhr da draußen", sagt Ed.

Es gehe darum, ein Betreuungsangebot zu machen, Tagesstruktur anzubieten, eine Alternative aufzuzeigen, antworten Uwe Schmidt von der Drogenhilfe und Dirk Wurm. "Wir müssen doch irgendwo anfangen", sagt der Ordnungsreferent. Der Süchtigen-Treff sei zunächst einmal ein Pilotprojekt, das auf zwei Jahre angelegt ist. Wurm appelliert: "Lassen Sie uns den Weg gemeinsam gehen."

"Das Konzept ist gut, aber es ist die falsche Adresse"

"Sind wir das Versuchsobjekt?", fragt der Anwohner namens Christoph aufgebracht. Und als ARGE-Vertreterin Hannelore Köppl fordert, "Ich bitte Sie, einfach mal tolerant zu sein", reagieren die Anwohner mit höhnischem Applaus. "Tolerant sind wir ja wohl gerade in diesem Stadtteil", ruft jemand. "Probieren wir es doch mal aus", sagt Köppl. "Und wir tragen das Risiko", lautet die Antwort aus der Menge.

Das Konzept sei gut, aber "es ist die falsche Adresse", fasst eine Anwohnerin zusammen. Warum denn nicht am Oberhauser Bahnhof mehr investiert werde, fragt sie. Der ehemalige Spielplatz direkt neben dem Helmut-Haller-Platz, auf dem sich die Süchtigen derzeit aufhalten sollen, müsse endlich überdacht werden. Die Stadt könne dort auch einfach einen Container aufstellen, schlägt die Frau vor.

Das, so die Reaktion des Podiums, habe nicht die Qualität eines echten Gebäudes. "Das ist doch keine Antwort", schallt es aus dem Publikum zurück, "dann bauen Sie das halt in Einfachbauweise".

Container-Lösung contra Dinglerstraße

Auch CSU-Stadtrat Peter Schwab fordert vehement eine Container-Lösung und kritisiert Referent Wurm erneut für dessen Vorgehen, den Standort Dingerlerstraße erst so spät genannt zu haben.

Zur Seite springt Wurm am Ende der Veranstaltung dann einer, der sich als "noch-CSU-Mitglied" bezeichnet. Mit der Haltung seines Oberhauser Ortsverbands, der den Süchtigen-Treff ablehnt, sei er nicht zufrieden, sagt Emil Jarndt. Seit 14 Jahren engagiere er sich am Oberhauser Bahnhof. Wurm sei der erste Ordnungsreferent, der mit einem Gesamtkonzept versuche, die Situation in den Griff zu bekommen.

Oberhausen: "Alle Menschen mitnehmen"

Versöhnliche Worte kommen auch von der Leiterin des Kindergartens St. Johannes, der sich unweit des ehemaligen "Paparazzi" befindet. "Wir sollten im Stadtteil zusammenrücken und an dem Projekt mitwirken", sagt Marlies Schaumlöffel-Roth. Auch die Integration von Asylbewerbern funktioniere im Viertel schließlich. "Wir müssen alle Menschen mitnehmen. Das ist mein Wunsch als direkter Nachbar und als Verantwortliche für 81 Kinder aus 35 Nationen."
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