Ausreden eines Angeklagten: Der erste Verhandlungstag im Fall Förster

Sehr gefasst wirkte Linus Förster während des gesamten ersten Prozesstages. Foto: David Libossek

Das Interesse der Öffentlichkeit am Fall Förster ist groß. Schon lange bevor der ehemalige Landtagsabgeordnete den Gerichtssaal betritt, richten sich zig Kameras auf die noch leere Anklagebank. Der Saal ist bis zum letzten Platz voll mit Journalisten und Neugierigen, als Linus Förster schließlich kurz vor Verhandlungsbeginn mit Handschellen hereingeführt wird. Er wendet sein Gesicht nicht von den vielen Kameras ab, wirkt gefasst. Ganz der routinierte Politiker, der öffentliche Auftritte gewohnt ist. An diesem Eindruck hält Förster den ersten Verhandlungstag über fest.

Im Vergleich zu den Bildern, die die Medienberichte in den vergangenen Monaten begleitet haben, sieht der 52-Jährige allerdings schon fast erschreckend alt aus. Die Tränensäcke, die Försters Gesicht schon auf früheren Bildern dominieren, wirken, als wären sie während seiner Zeit in U-Haft angeschwollen. Sie verdunkeln seine Miene. Förster sitzt in der JVA Gablingen bereits seit November 2016. Er soll sich mehrfach an schlafenden Frauen vergangen und die Missbrauchstaten zudem heimlich gefilmt haben. 1338 kinderpornografische Schriften wurden während Durchsuchungen seiner Büro- und Privaträume gefunden.

Während die Staatsanwältin die 20 Seiten umfassende Anklageschrift verliest, die die Missbrauchsfälle und beispielhaft aber detailliert Beschreibungen der kinderpornografischen Bilder auflistet, verzieht Förster kaum eine Miene. Unverwandt blickt er die Anwältin an. Sein anschließendes Geständnis, das er bereits im Vorfeld der Verhandlung angekündigt hatte, lässt er von seinem Verteidiger Walter Rubach verlesen, kündigt aber an, zu Fragen des Gerichts selbst Stellung zu nehmen.

"Unspektakuläres Sexleben"?

Und Richter Lenart Hoesch will einiges von dem 52-Jährigen wissen. Mit ruhiger Stimme antwortet Förster, schildert ausführlich sein, nach seiner Ansicht,  "ganz normales, vielleicht sogar unspektakuläres Sexleben". Seine Hände untermalen seine Worte wie automatisch, die Gesten wirken routiniert, seine Augen sind strikt auf die Richterbank gerichtet. Auch die Frage, warum er die Frauen heimlich gefilmt habe, bringt ihn nicht aus der Fassung. Er sei "ein besonderer Kick gewesen, das jetzt einfach zu machen". Nichtsdestotrotz ein "Vertrauensbruch, der mir leid tut".

Der 52-Jährige spricht von einem "Spiel mit Grenzen" und Scham, als Hoesch nach den vielen kinderpornografischen Dateien fragt. Er sei selbst schockiert, empfinde "Sex mit Kindern als widerlich". Auch als der Richter laut wird, vehement wissen will, warum man "sowas denn macht, wenn man das widerlich findet", bleibt Förster gefasst, beteuert, keine pädophilen Neigungen zu haben. "Ich kann keine befriedigende Antwort geben. Ich habe einfach alles archiviert. Ich habe auch mehr als tausend Landschaftsaufnahmen", sagt er.

Er erzählt ebenfalls von Depressionen und von seiner narzistischen Persönlichkeitsstörung, deretwegen er lange in therapeutischer Behandlung und schließlich in einer psychosomatischen Klinik gewesen sei. Und in der er sein heute 31-jähriges erstes Opfer kennenlernte. Die blonde, junge Frau war wegen einer Essstörung Patientin. Als sie den Gerichtssaal betritt, wirkt sie weit jünger und zart. Förster wird für die Zeit ihrer Aussage in die letzte Reihe des Zuschauerraumes geführt, aus dem Sichtfeld der Zeugin.

Die 31-Jährige erzählt von der Beziehung mit dem Angeklagten, vom Geschlechtsverkehr, den Förster mit ihr gehabt habe, als sie wegen schlaffördernder Antidepressiva kaum bei Bewusstsein gewesen sei, von ihrem Suizidversuch, von dem Moment im vergangenen November, als sie herausfand, dass Förster den Missbrauch mit seiner Kamera festgehalten hatte. Der sitzt unterdessen in der hintersten Reihe, den Kopf an die Wand gelehnt, den Blick nach vorne gerichtet. Auf seinem Gesicht ist nicht abzulesen, was er denkt.

Eine wirkliche Gefühlsregung ist dem ehemaligen Politiker an diesem Tag im Gericht nur einmal anzusehen. Als er nach der Mittagspause in den Saal zurück gebracht wird, lächelt er jemandem im Publikum zu.
(Von Kristin Deibl)
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