Dein Freund und Helfer? Augsburger Polizist wegen vorsätzlicher Körperverletzung im Amt verurteilt

Weil er einen Notruf nicht ernst genommen hatte und ein Jugendlicher deshalb massiv verprügelt wurde, muss sich ein Polizist vor dem Augsburger Amtsgericht verantworten. (Foto: 15092745_©Robert Wilson-123rf.de)

Als ein 17-Jähriger im vergangenen März in Stadtbergen von mehreren Jugendlichen bedroht wurde, wandte er sich auf der Suche nach Hilfe an die Polizei. Der Beamte, der den Notruf des jungen Mannes entgegen nahm, sah allerdings keinen Grund, eine Streife loszuschicken. Der 17-Jährige wurde daraufhin massiv verprügelt und erlitt zahlreiche Hämatome, Prellungen und Schürfwunden. Gegen den Polizisten erging wegen vorsätzlicher Körperverletzung im Amt ein Strafbefehl mit einer Geldstrafe von 4800 Euro. Der 53-Jährige hat dagegen Einspruch eingelegt. Nun wurde der Fall vor dem Augsburger Amtsgericht verhandelt.

„Wenn mir jemand im Nachhinein den Notruf gezeigt hätte, hätte ich gesagt, das war ich nicht“, erklärt der Polizist vor Gericht. Er räumt ein, dass er „einen Riesenfehler“ gemacht hätte. Allerdings, so sagt sein Anwalt, habe er nicht vorsätzlich gehandelt. Der 53-Jährige sei davon ausgegangen, dass sich der junge Mann nicht in einer gefährlichen Lage befunden habe. Außerdem, so schildert es der Angeklagte, habe er sich zu dem Zeitpunkt in einer „schwierigen Phase“ befunden. „Ich war bei geringsten Anlässen aufbrausend und bin aggressiv geworden.“ Seit sechs Monaten sei er nun in psychologischer Behandlung, um daran zu arbeiten. Für Richterin Ute Bernhard ist das aber keine Entschuldigung: „Das mag für Sie persönlich sehr schlimm gewesen sein, aber Sie hätten reagieren und sich aus dem Dienst zurück ziehen müssen.“ Denn durch diesen Vorfall habe nicht nur der 17-Jährige Verletzungen erlitten, die vermeidbar gewesen wären, auch das Bild der Polizei in der Öffentlichkeit habe großen Schaden genommen.

Das Vertrauen des 17-jährigen Geschädigten in die Polizei hat ebenfalls gelitten. Eine Aufnahme des Notrufs zeigt, dass der Jugendliche deutlich um Hilfe gebeten hatte. „Ich werde von ein paar Jugendlichen bedroht. Könnte jemand kommen?“, fragte er. Der Angeklagte aber riet ihm mehrfach, doch „einfach wegzulaufen“. Als der 17-Jährige daraufhin einwandte, er könne nicht weglaufen, weil die Jugendlichen ihm folgten, sagte der Polizist: „Nur weil ein paar Jugendliche hintereinander herlaufen, sollen wir eine Streife schicken? Geh irgendwo anders hin und dann ist Ruhe. Wie soll das gehen, dass die Polizei kommt? Das dauert mindestens eine halbe Stunde.“ Auch der Hinweis des Anrufers, dass sich die Jugendlichen bereits auf seinen Freund gestürzt und diesen verprügelt hätten, nahm der 53-Jährige nicht ernst. Vor Gericht erklärt der Angeklagte, er habe dem Anrufer „gar nicht richtig zugehört“. Durch den „lässigen Tonfall“ des Jungen habe er zudem den Ernst der Lage nicht erkannt.

Der Kriminalhauptkommissarin, die gegen den Angeklagten ermittelt hat, ist es ein Rätsel, wie der Angeklagte zu dem Schluss gekommen ist, dass eine Streife frühestens nach 30 Minuten am Ort des Geschehens gewesen wäre. Ihre Recherche hätte ergeben, dass am Tag des Notrufs zwei Streifen einsatzbereit gewesen wären und je nach Dringlichkeit in zehn Minuten hätten vor Ort sein können. Sie berichtet außerdem, dass sich schon mehrfach Anrufer über Wortwahl und Tonfall des 53-Jährigen beschwert hätten.

Der 17-Jährige kritisiert nicht den Ton des Angeklagten, wohl aber, dass er ihn im Stich gelassen habe. „Dabei heißt es immer, die Polizei ist dein Freund und Helfer“, sagt er vor Gericht. Nach dem Telefonat mit dem Polizisten sei einer der Jugendlichen auf ihn losgegangen und habe ihn geschlagen. Im Anschluss hätten ihn zwei weitere aus der Gruppe verprügelt und getreten, als er bereits am Boden lag. Ein ärztliches Attest und Fotos belegen seine Verletzungen: Hämatome, Prellungen, Schürfwunden am ganzen Körper. „Ich hatte wochenlang Schmerzen und konnte nicht schlafen, weil ich Angst hatte. Wenn ich an dem Ort vorbei fahre, habe ich immer noch ein flaues Gefühl im Magen.“

Für den Staatsanwalt hat sich vor Gericht zweifellos bestätigt, dass der 53-Jährige bedingt vorsätzlich gehandelt hat. „Sie haben die Körperverletzung des jungen Mannes billigend in Kauf genommen“, wendet er sich an den Angeklagten und fordert eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 60 Euro. Für den Verteidiger des Angeklagten liegt lediglich eine fahrlässige Körperverletzung vor, für die er 40 Tagessätze à 60 Euro als angemessen ansieht. „Ich habe während der Verhandlung kein Argument gehört, dass die Einschätzung meines Mandanten in Zweifel ziehen ließe“, argumentiert er.

Der Angeklagte entschuldigt sich in seinem letzten Wort bei dem 17-Jährigen. Der junge Mann solle weiterhin auf die Polizei vertrauen und nicht sein Fehlverhalten auf den gesamten Berufsstand beziehen.

Richterin Bernhard schließt sich in ihrem Urteil der Staatsanwaltschaft an. Für sie ist die Körperverletzung klar vorsätzlich und soll mit 100 Tagessätzen à 60 Euro bestraft werden. „Sie mussten davon ausgehen, dass da was passiert“, begründet sie ihre Entscheidung gegenüber dem 53-Jährigen. „Die Polizei wirbt mit dem Aufruf ’110 wählen – dann kommen wir’. Das klappt auch sehr gut. Aber durch Fälle wie diesen wird das Vertrauen der Menschen in die Polizei erschüttert.“
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