Fall Ursula Herrmann: Kripobeamter verstrickt sich in Widersprüche

Das öffentliche Interesse am Fall Ursula Herrmann ist nach wie vor groß. Michael Herrmann (rechts), der Bruder des ermordeten Mädchens, fordert vom Mörder ein Schmerzensgeld von 20 000 Euro. Links im Bild: sein Rechtsanwalt Joachim Feller. Foto: Alfred Haas

36 Jahre alt ist der Fall Ursula Herrmann und bundesweit immer wieder in den Schlagzeilen. Am Donnerstag löste er vor dem Augsburger Landgericht einen enormen Presserummel aus. Die Zivilkammer, unter Vorsitz von Harald Meyer, verhandelt derzeit über eine Schmerzensgeldklage von Ursulas Bruder Michael Herrmann. Er fordert vom Mörder seiner Schwester 20.000 Euro, weil er während des Mordprozesses 2010 einen Tinnitus erlitten habe. Doch es geht um mehr als das: Es gibt Zweifel, dass der richtige Mann hinter Gittern sitzt.

So wurde nun ein Kriminalhauptkommissar gehört, der mit dem Fall beschäftigt war. Der heute 73-Jährige gehörte der "Sonderkommission Ursula Herrmann" an. Der Ermittler bestätigte, dass die Polizei im Februar 1982 durchaus einen weiteren Tatverdächtigen im Visier hatte, der auf Anweisung des später für das Verbrechen verurteilten Werner Mazureks das Loch gegraben haben könnte. Jenes Loch, in dem die damals zehnjährige Ursula in einer Kiste vergraben wurde und erstickte. Dieser Verdächtige, Klaus Pfaffinger, kann jedoch nicht mehr vernommen werden, er ist schon seit vielen Jahren tot. Die Polizei brachte ihn damals mit dem Mordfall in Verbindung, weil er in der Nähe von Ursula Herrmann wohnte. Vor der Entführung wurde er beobachtet, wie er morgens auf seinem Moped mit einem Spaten losfuhr und abends wieder zurückkam.

Ermittler der "Soko Ursula Herrmann": Pfaffinger hatte Täterwissen

Pfaffinger gestand schließlich, dass er und Mazurek die Stelle im Wald, wo er das Loch gegraben hat, gemeinsam aussuchten. "Viereckig hätte es werden sollen, letztendlich wurde es rund," Er habe nur werktags gegraben, am Wochenende sei die Gefahr von Spaziergängern entdeckt zu werden, zu groß gewesen.

Laut des ehemaligen Kripobeamten habe Pfaffinger Täterwissen gehabt. "Er konnte die Bodenschichten genau beschreiben und sprach von einem Jägerstand, der in der nahen Umgebung steht". 1000 Mark und einen Farbfernseher habe ihm Mazurek für seine Dienste versprochen. Später habe Pfaffinger sein Geständnis allerdings widerrufen. "Warum", wollte das Gericht wissen. "Das weiß ich nicht, vermutlich hatte er Angst vor Mazurek", lautete die Antwort. "Als er uns den Auffindungsort von Ursula zeigen sollte, führte er uns ganz woanders hin." Er habe alles nur erfunden, um in einer anderen Strafsache ein milderes Urteil zubekommen, habe er zu einem späteren Zeitpunkt als Grund für seine Falschaussage angegeben.

Von Pfaffingers Geständnis gibt es kein Protokoll

Dann musste sich der Zeuge den hartnäckigen Fragen von Rechtsanwalt Walter Rubach stellen, der Werner Mazurek vertritt. Dabei verstrickte sich der Zeuge oft in Widersprüche, konnte sich nicht mehr erinnern oder wollte sich nicht festlegen. "Sie haben den Tatverdächtigen elf Stunden vernommen, es gibt 14 Seiten Protokoll und kein einziges Wort zum Mordfall Ursula Herrmann. Wozu haben Sie ihn denn befragt?", fragte Rubach dem 73-Jährigen. Durch weiteres Nachhaken deckte Rubach auf, dass das Geständnis Pfaffingers "nirgendwo" protokolliert wurde. "Doch, ich habe es im Gehirn aufbewahrt", sagte der Zeuge und klopfte sich mit einem Finger an die Stirn. Außerdem sei ein "Gedächtnisprotokoll" erstellt worden. "Ich lass mich doch von Ihnen nicht ins Bockshorn jagen", wehrte er sich.

Die scharfen Angriffe Rubachs hatten nur ein Ziel: Sie sollten zeigen, dass die Polizei damals schlampig ermittelte. Das wiederum könnte seinem Mandanten noch von Nutzen sein. Denn bei der Klage geht es Michael Herrmann, der als Musiklehrer arbeitet, nicht allein ums Schmerzensgeld. Der Zivilprozess soll Zweifel ausräumen, ob das Augsburger Landgericht 2010 mit Werner Mazurek den wahren Täter verurteilte.

Mazurek bestreitet noch immer, Ursula Herrmann ermordet zu haben

Der 66-Jährige, der wegen Räuberischer Erpressung mit Todesfolge lebenslang in einem Lübecker Gefängnis sitzt, bestreitet bis heute, die Tat begangen zu haben. Wie die Chancen zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens sind, hängt vom Ausgang der Verhandlung ab. Der Prozess wird am 23. November fortgesetzt. Dabei soll ein weiterer Kriminalbeamter als Zeuge gehört werden.

Am 15. September 1981 war die zehnjährige Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee mit dem Fahrrad auf dem Nachhauseweg. Dort kam sie aber nie an. Der Entführer steckte das Kind in eine Kiste, die in der Erde vergraben war. Weil sich das Lüftungsrohr mit Laub verstopfte, erstickte das Mädchen bereits nach wenigen Stunden grausam. Obwohl Ursula Herrmann schon tot war, forderte der Entführer noch ein Lösegeld in Höhe von zwei Millionen Mark. (Von Alfred Haas)
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