Fliegende Anklagebank: 21-Jähriger wirft mit Stuhl nach Richtern

Ein Angeklagter war so empört über sein Urteil, dass er einen Stuhl nach den Richtern warf. (Foto: 15092745_©Robert Wilson-123rf.de)

Ein 21-Jähriger war im Dezember 2016 mit seinem Urteil vor dem Augsburger Landgericht offenbar nicht einverstanden: Nach der Urteilsverkündung stand er auf, packte seinen Stuhl und warf ihn in Richtung der Richterbank. Im Anschluss wehrte er sich so massiv gegen die Polizeibeamten, die ihn zu Boden bringen wollten, dass diese Zerrungen, Schürfwunden und Prellungen davon trugen. Nun stand er erneut vor Gericht, wegen Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

Eine Schwurgerichtskammer des Landgerichts hatte den Angeklagten wegen Körperverletzung und versuchten Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt. Die Urteilsbegründung und die Rechtsmittelbelehrung habe der Angeklagte noch völlig reglos entgegen genommen, schildert Richter Michael Schneider, der an jenem Tag den Vorsitz inne hatte und nun als Zeuge vor Gericht steht. "Als wir aufgestanden sind, um den Saal zu verlassen, sprang der Angeklagte plötzlich auf, packte in einer flüssigen Bewegung den Stuhl an der Lehne und schleuderte ihn in Richtung des Richtertisches", beschreibt Schneider. Er habe alles wie in Zeitlupe wahrgenommen. "Der Stuhl ist über unsere Köpfe geflogen und vor dem Tisch des Staatsanwaltes aufgekommen. Ich habe den Luftzug gespürt."

Beamte müssen Pfefferspray einsetzen

Nachdem er den Stuhl geworfen hatte, hätten die Vorführbeamten im Saal versucht, die Situation "möglichst schnell in den Griff zu kriegen", berichtet eine Hauptwachtmeisterin, die an besagtem Tag im Einsatz war. "Wir haben versucht, ihn am Boden zu fixieren, aber er hat sich so massiv gewehrt, dass wir schließlich Pfefferspray einsetzen mussten." Vom Kampf mit dem Angeklagten hat die Polizistin eine Zerrung im Oberarm und eine Schürfwunde davon getragen.

Der Angeklagte selbst räumt die Vorwürfe ein. Warum er das getan habe, will Richterin Martina Triebel von dem jungen Mann wissen. Er habe das Urteil als ungerecht empfunden, erklärt er.

Die Biografie des mutmaßlich 21-jährigen Flüchtlings aus Sierra Leona sei schwierig zu beurteilen, wie ein psychiatrischer Gutachter vor Gericht erläutert. Schon seine Altersangabe sei fraglich. Auch ob er in seinem Heimatland regelmäßig eine Schule besucht habe und wie er schließlich nach Deutschland gekommen sei, sei nicht ganz klar. Vor Gericht sagt der Angeklagte nur wenig, er tut sich schwer, sich verständlich zu machen. Auch die Dolmetscherin hat Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Er habe in Deutschland eine Ausbildung beginnen wollen, sei dann aber ins Gefängnis gekommen, erklärt er.

"Enorme Rückfallgeschwindigkeit"

Die Staatsanwältin sieht die Schuld des jungen Mannes als erwiesen an. Mildernde Umstände gebe es nicht, sagt sie. Zwar habe er ein Geständnis abgelegt, doch seine Vorstrafe durch das vorausgegangene Urteil und seine "enorme Rückfallgeschwindigkeit" sprächen eindeutig gegen ihn. Sie fordert für die Körperverletzung und den Widerstand gegen die Beamten eine Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten.

Ihr Mandant habe sich machtlos gefühlt nach der Urteilsverkündung, versucht die Verteidigerin das Verhalten des Angeklagten zu erklären. Er habe niemanden ernsthaft verletzt und sich nun geständig gezeigt. Eine Freiheitsstrafe von einem Jahr sei folglich ausreichend.

Der Angeklagte selbst sagt in seinem letzten Wort, dass er nicht die Absicht gehabt hätte, wirklich jemanden zu treffen.

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Triebel verurteilt den Angeklagten schließlich zu einer Gesamtstrafe von einem Jahr und vier Monaten. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. (
Von Kristin Deibl)
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