Dänischer Brecht: Deutschlandpremiere für die "Svendborger Gedichte"

"Svendborger Gedichte" (von links): Leif Eric Young als junger Bertolt Brecht und Musiker Søren Huss versetzten mit ihrer Darbietung das Publikum in einen unbeschreiblichen Gefühlszustand. Foto: Verena Gawert

Augsburg - Das Brechtfestival ist zu Ende und so viel steht schon jetzt fest: Es wird in den kommenden Wochen wieder intensiv gestritten, ob es nun ein gutes oder ein schlechtes Festival war. Dem Publikum im Parktheater hat am vergangenen Mittwoch, jedenfalls die Inszenierung der "Svendborger Gedichte" Bertolt Brechts augenscheinlich gut gefallen. Bei der Deutschlandpremiere der "Gedichte" war der Saal fast voll, der Applaus riesig: Am Ende gab es Standing Ovations.

Die Produktion hat eine lange Geschichte. Der Leiter des Baggaard Theaters in Svendborg, Jakob Engmann, gab vor eineinhalb Jahren die Übersetzung des Gedichtbandes ins Dänische in Auftrag. Bisher waren die Gedichte in Dänemark nicht übersetzt. Grundsätzlich scheint Brecht in Dänemark wenig bekannt zu sein. Doch Engmann initiierte die Übersetzung und Inszenierung nicht umsonst, denn der Inhalt dieses Gedichtbandes gewinnt zunehmend an Aktualität.

Brecht verbrachte sechs Jahre in Svendborg. Als er 1933 - einen Tag nach dem Reichstagsbrand - Berlin mit seiner Familie verließ, war noch nicht klar, wohin die Reise führen sollte. Auf Einladung der Schriftstellerin Karin Michaëlis reiste zunächst seine Frau mit den Kindern, kurz darauf Brecht selbst nach Svendborg. Dort erwarb Brecht ein Haus und von 1933 bis 1939 sollte Svendborg seine Heimat sein. In dieser Zeit entstanden nicht nur einige seiner bedeutendsten Werke, sondern auch die weniger bekannten "Svendborger Gedichte". Brecht kämpft in diesem Gedicht-Band seinen Krieg mit Worten. Angst, Krieg, Flucht, Exil und Politik: Das sind die zentralen Themen der "Svendborger Gedichte".

Engmann hatte die Vision, die Gedichte auf Deutsch und Dänisch zu spielen. Und so kam es zu einem deutsch-dänischen Kooperationsprojekt zwischen dem Baggaard Theater und Bluespots Productions in Augsburg. Vor etwa eineinhalb Jahren rief Engmann Petra Leonie Pichler, künstlerische Leiterin von Blue-spots Productions an und bat sie, die Regie der "Svendborger Gedichte" zu übernehmen.

",Muss das sein...' dachte ich zuerst, weil ich die Gedichtsammlung kannte und wusste, dass es alles andere als einfach oder lustig werden würde", erinnert sich Pichler. Trotz Angst und Zweifel sagte sie zu.

Am 17. November 2016 dann feierten die "Svedborger Gedichte" im Baggaard Theater in Svendborg Weltpremiere. Die Reaktion des Publikums war für das gesamte Team überwältigend. Bei jeder Vorstellung gab es Standing Ovations und mittlerweile ist das Stück das begehrteste Stück Dänemarks und wurde von Kopenhagen Kultur (CPHculture) als Bestes Musiktheater des Jahres 2016 ausgezeichnet. Nach der Tournee durch Dänemark im November und Dezember 2016 sind weitere Termine für 2017 und 2018 geplant.

Zurück nach Deutschland. Im Rahmen des Brechtfestivals gastierte die Produktion nun in Augsburg und feierte vergangenen Mittwoch hier ihre Deutschlandpremiere. Das Stück beginnt in etwa so, wie man sich eine langweilige Inszenierung von zweisprachigem Theater vorstellt. Der junge Brecht (Leif Eric Young) rezitiert seine Gedichte auf Deutsch, der Übersetzer (Jens Gotthelf) übersetzt. Das geht eine Weile so, dann bricht der Übersetzer die Inszenierung und beginnt auf Dänisch dem Publikum seine eigenen Gedanken und Ängste mitzuteilen. Er hat Angst: Davor, dass das Publikum die Gedichte nicht versteht und vor einem kommenden Krieg und beschließt, diesen aufzuhalten. Irgendwann merkt Brecht, dass der Übersetzer nicht bloß übersetzt. Das Dänische versteht Brecht aber nicht - die Sprachbarriere Brechts in seiner Zeit im Exil wird hier sehr gut nachempfindbar. Plötzlich stürmt der Brecht-Darsteller von der Bühne und lässt sich nur unter der Bedingung auf die Bühne zurückholen, dass sie nun endlich diese klassische Form brechen und er nicht mehr Brecht spielen müsse. Und dann wird der Zuschauer plötzlich in eine Welt von Worten, Ängsten, Musik, Visionen, Aktionismus und Abstraktion entführt. Was vor allem bleibt ist ein flaues Gefühl im Magen und das drängende Bedürfnis, nicht weiter untätig zuzusehen, was in der Welt vorgeht. "Wir drehen die Gewehre um und machen einen anderen Krieg, das wird der richtige sein." Mit diesen Worten schließt der Abend.

Das letzte Stück ist eines von neun Gedichten, die von dem dänische Musiker Søren Huss für die Inszenierung vertont wurden. Dass Huss, der in Dänemark eine Musiklegende ist, dabei ist, ist laut Pichler ein Riesengewinn: "Jakob traf viele gute Entscheidungen, aber seine beste war es sicher, den Musiker Søren Huss zu engagieren", so die Regisseurin. Bei jeder Vorstellung ist Huss zusammen mit seinen Schauspielkollegen auf der Bühne zu sehen und versetzt die Zuschauer mit seinen einmaligen Interpretationen der Brecht-Gedichte in einen unbeschreiblichen Gefühlszustand.

Das Augsburger Publikum quittiert diesen Abend mit einem großen Applaus. Das dänische Team bedankt sich überschwänglich für die Gastfreundschaft der Augsburger. Besonderen Dank spricht der künstlerische Leiter Engmann der Arbeit von Leonie Pichler aus.

Pichler wirkt nach der Deutschlandpremiere überglücklich und erleichtert. Sie kann mehr als zufrieden mit diesem Projekt sein, das auch für sie als erfahrene Regisseurin ein Mammutprojekt war. "Als Regisseurin bin ich für die ,Svendborger Gedichte' einen Schritt zurückgetreten. Es ging nicht mehr um mich und meinen Anspruch an die Moderne oder Ästhetik. Es ging um Brecht, seine Nachricht an uns und darum, eine passende Ausdrucksform auf der Bühne zu finden", so Pichler. Dieses Vorhaben ist Pichler und dem gesamten Team in jedem Falle gelungen und es bleibt zu hoffen, dass die Produktion vielleicht ein weiteres Mal in Augsburg zu sehen sein wird. (
Von Verena Gawert)
1
Einem Autor gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.