„Fehler sind Entwicklungshelfer“

Frank Jansen, Geschäftsführer des Verbandes katholischer Tageseinrichtungen für Kinder, Freiburg: „Wir schöpfen nur Kraft, wenn wir unsere Verantwortung wahrnehmen.“ Foto: Caritas Augsburg/Bernhard Gattner.
 
Diplom-Pädagogin Jutta Wimmer aus Peiting: „Fehler sind Entwicklungshelfer. Geben Sie deshalb jedem Fehler eine Chance.“ Foto: Caritas Augsburg/Bernhard Gattner.
 
Wie wenig es eigentlich bedarf, aus einem „Fehler“ einen „Helfer“ zu machen, zeigte Jutta Wimmer mit großen Buchstaben. Nur die beiden Buchstaben ‚F‘ und ‚H‘ müssen verschoben werden (1). Foto: Caritas Augsburg/Bernhard Gattner.
Augsburg: Kongress am Park |

Die Verantwortungsfelder katholischer ErzieherInnen, deren Chancen, Herausforderungen und die Kunst des Kinderblicks

Augsburg, 28.04.2017 (pca). Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer wie auch der Staat insgesamt haben einen Erziehungsauftrag, der nach deutschem Recht von ihnen fordert, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu fördern und zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu erziehen. „Diesen Auftrag kann man nicht erfüllen, wenn man nicht bereit ist, dafür auch Verantwortung zu übernehmen und dies in lebensbejahender, begleitender und fördernder Art und Weise zu tun. Das ist von zentraler und ganz wesentlicher Bedeutung für uns alle.“ So Diözesan-Caritasdirektor Domkapitular Dr. Andreas Magg beim Diözesan-Fachtag für Erzieherinnen und Erzieher in katholischen Kindertageseinrichtungen im Bistum Augsburg. Eingeladen dazu hatte das Referat Kindertageseinrichtungen des Diözesan-Caritasverbandes.

Rund 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten die Einladung zu dem Fachtag im „Kongress am Park“ in Augsburg wahrgenommen. Sie erlebten einen inhaltlich reichen Vortragstag mit einem abwechslungsreichen Spannungsbogen von der grundsätzlichen Frage der Bedeutung von Erziehung in Kindertageseinrichtungen bis zu der beeindruckenden Erzählkunst des medienbekannten „Welterforschers“ Willi Weitzel. Studierende der Fachakademie für Sozialpädagogik Maria Stern des Schulwerks der Diözese Augsburg hatten durch einen Tanz mit übergroßen Gesichtern auf Pappe, Texten, mit eine Sprecheinlage sowie durch einen pfiffigen Film über ihre Umfrage in Augsburg immer wieder dazu eingeladen, seine eigene Haltung zum Leben und zum Mitmenschen zu hinterfragen.

Bedeutung für die Zukunft des Landes

Dass es grundsätzlich falsch ist, sich vor der Verantwortung drücken zu wollen, unterstrich Frank Jansen, der Geschäftsführer des Verbandes katholischer Tageseinrichtungen für Kinder, in seinem Vortrag zum Auftakt des Fachtages. „Wir schöpfen nur Kraft, wenn wir unsere Verantwortung wahrnehmen.“ Seit der PISA-Studie 2003/2004, der ersten europaweiten Schulleistungsuntersuchung, die belegt hatte, dass es mit den Schulleistungen in Deutschland nicht so weit her sei, hätten die Kindertageseinrichtungen in Deutschland als Stätten für Erziehung und Bildung an Bedeutung deutlich dazu gewonnen. Die Anzahl der Kindertageseinrichtungen sei von 2006 von 48.201 auf derzeit rund 55.000 zugenommen. Um 61 Prozent bzw. 251.000 wuchs die Beschäftigtenzahl auf 666.000 an. „Die Politik hat also verstanden, welche Bedeutung Sie für die Zukunft unseres Landes haben“, sagte Jansen zu dem pädagogischen Fachpersonal in und für Kindertageseinrichtungen.

Skeptisch beobachtet er allerdings die Entwicklung, mit speziellen Förderprogrammen zur fremdsprachlichen, vorwissenschaftlichen und musikalischen Früherziehung. „Orientiert sich der Bildungsauftrag wirklich an den Interessen und Begabungen der Kinder oder an den Interessen der Förderprogramme?“ Entscheidend für ihn sei ein „pädagogisch taktvolles Verhalten“. Dabei sollten sie an den alten Grundsatz denken, „dass Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht.“

Keine Flüchtlingskrise, sondern humanitäre Verantwortung

Eine besondere Herausforderung erkennt er für die Kindertageseinrichtungen in Deutschland für die „Flüchtlingskinder“. Das christliche Selbstverständnis verbiete es, im Zusammenhang mit den Flüchtlingen nur als Problem zu sprechen. „Wir haben keine Flüchtlingskrise, wir haben eine humanitäre Verantwortung“, so Jansen. „Wir müssen diese Menschen, insbesondere die Kinder mit ihren oft traumatischen Fluchterfahrungen ohne Wenn und Aber willkommen heißen und uns als ihre verlässlichen Partner erweisen.“ Dazu gehöre es auch, muslimische Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen anzustellen, um die Grundlagen für eine gegenseitige interkulturelle Wertschätzung zu schaffen. Jansen vertrat dabei die Meinung, dass dazu auch die Möglichkeit in katholischen Kindertageseinrichtungen besteht.

Gegen die Erwartungsfalle

Dass man bei den hohen Zielen und Vorgaben nicht alles perfekt machen könne und auch Fehler sich ereignen, ist für die Diplom-Pädagogin Jutta Wimmer aus Peiting nicht das Problem, sondern vielmehr die „perfekten Harmonievorstellungen“. „Wir tappen dann nur in deren Erwartungsfalle, weil diese Vorstellungen nicht der Realität entsprechen“. Leider sei der Mensch viel zu sehr dem „Negativitätsprinzip“ verhaftet, wonach Fehler und Fehlschläge viel länger im Gedächtnis haften bleiben als das, was gelingt. Schädlich und nachteilig bewertete sie eine Atmosphäre der Angst, in der man sich nicht mehr traue, Fehler einzugestehen. Wo das geschieht, „lernt niemanden mehr dazu“, so Wimmer, „weder der, der den Fehler gemacht hat, noch die anderen, die aus dem Fehler auch etwas lernen könnten.“ Sie plädierte deshalb für eine positive Fehlerkultur. Gehe man damit im Team oder in einem Unternehmen richtig und wertschätzend um, „dann wird der Fehler zum Dünger für das Leben.“ Wimmer, die durch ihren didaktisch so abwechslungsreichen und mit sehr hintergründigem Humor gespickten Vortrag den vollen Saal oft zum Lachen brachte, gab dem pädagogischen Fachpersonal in den Kindertageseinrichtungen zum Schluss für ihre Arbeit einen zentralen Satz mit auf den Weg. „Fehler sind Entwicklungshelfer. Geben Sie deshalb jedem Fehler eine Chance.“

Kinder und Gesellschaft profitieren von Glaubensvermittlung

Wimmers ‚Fehler-Ermutigung‘ war schließlich der richtige Einstieg zu der viel schwerwiegenderen Verantwortung der ErzieherInnen in den katholischen Kindertageseinrichtungen, den Glauben bei den Kindern mit den Eltern zusammen grundzulegen, eine Aufgabe, die ohnehin nie nach einem klaren Regelwerk gelingen kann. Die Augsburger Moraltheologin Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl sah sich dabei als Mutter auf einem gemeinsamen Weg mit den Erzieherinnen. So wie sich als Mutter, so müssen auch ErzieherInnen Glaubensfragen sich selbst immer wieder neu stellen und ihre eigene persönliche „Selbstverantwortung für den Glauben“ ebenso immer wieder neu wahrnehmen. Ihre Rolle als Glaubenszeugen werde dabei in der heutigen Gesellschaft immer wichtiger. Die Kindertageseinrichtung sei heute nämlich für Kinder in zunehmendem Maß der erste Erfahrungsort für Glauben und Gemeinde. Die ganze Gesellschaft und ihr Zusammenhalt würden davon nur profitieren, so Prof. Schlögl-Flierl. „Kinder, die ihre eigene Religion kennen, gehen auch offener mit anderen Religionen um. Und wenn sie sie kennenlernen, sind sie nicht nur auf sich selbst und ihr ich geeicht, sondern lernen, andere Kinder wahrzunehmen und in ihrem Glaubensvollzug zu achten.“


Von der Kunst, bei Kindern einen Funken zu entzünden

Von seinem Glauben oder von Glaubensgeschichten, von Neugier, Mut und Verantwortung und Scheitern Kindern so erzählen, dass sie davon begeistert werden können, dazu bedarf es besonderer Begabungen. Willi Weitzel, der bei Kindern und Erziehern durch die Medien bekannte „Welterforscher“, erspürt offensichtlich schon im Voraus bei seinen Vorbereitungen auf seine Aktionen und Reisen das, was Kinder interessiert und wie er es anpacken muss, damit seine Erzählung bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen einen Funken entzünden kann. Das gelang Willi Weitzel beim Diözesan-Fachtag mit seiner bewusst zuweilen kindlich anmutenden Erzählweise. Dass sie aber nichts mit naiver weltfremder Schwärmerei zu tun hat, bezeugten seine Erzählungen, Bilder und Filmsequenzen von seiner Hilfsaktion für Flüchtlingskinder an der Grenze zwischen der Türkei und Syrien sowie von seiner Wanderung mit einem Esel von Nazareth nach Bethlehem. Und damit machte er auf alle Teilnehmer sehr beeindruckende Weise deutlich, worauf es ankommt, wenn man seinem Erziehungsauftrag gerecht werden will, nämlich sich auf die Kinder einzulassen, sie in ihren Fragen, ihrem Empfinden und Gefühlen ernst zu nehmen, um so ihr Interesse für die oft schwere Wirklichkeit des Lebens zu wecken und sie so

in ihrer Entwicklung zu fördern wie auch zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu erziehen.
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