Inklusion ist keine Einbahnstraße: Welche Erfahrungen unsere gehbehinderte Autorin in Augsburg macht

Unebene Flächen wie hier am Wohnort des Stadtrates Benedikt Lika können ein Hindernis bedeuten. (Foto: Christine Hornischer)
 
Rollstuhl und Mobilität grenzen sich nicht aus. Stadtrat Benedikt Lika zeigt, wie es aussehen kann. (Foto: Christine Hornischer)

Ob im Restaurant, in der Altstadt oder auf der Suche nach einer barrierefreien Wohnung: Immer wieder sind Menschen mit Behinderung gezwungen, Hürden zu überwinden – auch in Augsburg. Wie weltbewegend das sein kann, hatte auch ich selbst vor meiner Einschränkung nicht gedacht.


Eigentlich möchte ich mich gar nicht als gehbehindert sehen. Doch bin ich oft in meiner Mobilität eingeschränkt und werde dadurch mit der Nase auf meine Behinderung gestoßen. Kein schönes Gefühl.

Mein Problem beginnt bereits, wenn ich irgendwo in Augsburg einen Termin habe. Ist in der Nähe ein Behindertenparkplatz? Ist der Termin vielleicht im ersten Stock und es gibt keinen Aufzug? Kann ich mich gleich irgendwohin setzen, ohne unhöflich zu erscheinen? Eigentlich müssten alle Behinderten eine Urkunde als die Super-Logistiker bekommen, weil sie schon vorher an so viele Dinge denken müssen… Und die Mitmenschen, die mühelos gehen können, bemerken die Hürden meist gar nicht.

Behindertenparkplätze haben sehr wohl ihre Berechtigung

Früher, als ich mir noch keine Gedanken über Behinderte und Nicht-Behinderte machte, da wunderte ich mich immer, warum so viele Behindertenparkplätze einfach leer waren. Jetzt weiß ich erst, wie wichtig die sind – so wichtig, dass ich an ihnen auch meine Routenplanung vornehme: Ich muss zur DAK-Geschäftsstelle an der Philippine-Welser-Straße. Drei Behindertenparkplätze sind direkt am Moritzplatz – allerdings sind so gegen 10 Uhr morgens alle drei in schönster Regelmäßigkeit besetzt – von Berechtigten versteht sich, denn hier wird rigoros abgeschleppt. Bis zur Philippine-Welser-Straße komme ich mit Müh und Not – mein Glück, ich kann wenigstens noch etwas laufen. Rollstuhlfahrer haben es da schon schwerer, erst müssen sie über all die Straßenbahnschienen rollen. Ist dieses Hindernis endlich geschafft, kommt das ungeliebte Kopfsteinpflaster.

Rollstuhlfahrer können hohe Bordsteine nicht überwinden und zugeparkte Gehwege nicht passieren. Auch Eingänge und Haltestellen, die nur über Treppen zu erreichen sind, können Rollstuhlfahrer alleine nicht bewältigen. Auch ich sehe mich mit diesem Problem konfrontiert. Über Hindernisse steigen oder durch enge Stellen balancieren heißt für mich: Kommando zurück! Deswegen gibt es mittlerweile vielerorts Rampen und Aufzüge, die den Betroffenen ein selbstständiges Fortkommen erleichtern. Auch die moderne Kommunikationstechnik bietet Hilfe. Spezielle Apps für Smartphones zeigen Rollstuhlfahrern Strecken mit möglichst wenig Barrieren an. Alles gut und schön, aber ich möchte mich so lange wie möglich „normal“ fühlen. Damit schränke ich meinen Lebensradius ziemlich ein, das ist mir klar.

Rollstuhlfahrer finden regelmäßig Hindernisse vor

Besser für mich ist es am Königsplatz. Drei Behindertenparkplätze gegenüber der Post. Und meistens einer frei. Aber was mache ich da? Die Fußgängerzone lädt zwar zum Bummeln ein, aber nicht für Gehbehinderte oder Rollstuhlfahrer. Viele Geschäfte haben eine Stufe, manche sind sogar nur über eine Treppe erreichbar. So etwas schaffe ich nur gerade so.

Komischerweise sind die meisten Toiletten immer im Keller und nur über eine Treppe zugänglich. Daher muss ich immer genau überlegen, wo ich mich mit Freunden treffe oder Einkaufen gehe. Shoppen – was ich früher so gerne machte – oder bummeln ist total passé.

Apropos Toiletten: Da wollte ich mit meinem Freund ein Lokal in der Bahnhofstraße besuchen, ich bat ihn, schon einen Platz zu suchen, da ich zuerst auf die Toilette musste – nur: Die sind im ersten Stock. Also fragte ich einen Ober nach der Behinderten-Toilette. Er bat mich um etwas Geduld, da er erst den Schlüssel holen wollte. Und jetzt der Clou: Er fand den Schlüssel nicht. Also gingen wir unverrichteter Dinge. Ein Armutszeugnis für ein Lokal, das als behindertenfreundlich gelten will. Und die Parkplätze rund um die Bahnhofstraße haben es auch in sich. Am Bahnhof selbst sind zwei (für jeweils zwei Stunden) und dann vor dem Finanzamt. Aber in der Bahnhofstraße selbst? Fehlanzeige!
Es geht aber auch anders. Da muss ich dem Stadttheater ein großes Kompliment machen, kamen doch vor Beginn der Freilichtbühne Einwände von Rollstuhlfahrern wegen des Parkens. Und prompt wurden während der Aufführungen vier Behindertenparkplätze vor der Puppenkiste eingerichtet. Das ist Fürsorge.

Augsburgs Sehenswürdigkeiten im Test: Stadtrat Lika stößt auf Schwierigkeiten

Auch Stadtrat Benedikt Lika geht es wie mir. Der CSU-Stadtrat möchte gern mal gemütlich zum Essen gehen oder ein Feierabendbier in der Kneipe trinken. Lika aber ist Rollstuhlfahrer. Mit seinem Elektrorolli kommt er in viele Gebäude nicht hinein. „Das Angebot an barrierefreien Kneipen und Geschäften ist ausbaufähig“, findet er als Betroffener. Und: „In den kommenden Jahren muss noch viel mehr für die Barrierefreiheit getan werden“. Es gebe immer mehr ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen, argumentiert er. Auch sie wollen am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Zwar nehmen behindertengerechte Lokale deutlich zu, das sieht auch Lika so. Im Alltag haben Rollstuhlfahrer aber nach wie vor Probleme. Erst am 17. Juli war er mit anderen Rollstuhlfahrern in Zusammenarbeit mit dem Bezirk und der Regio „auf Expedition in Augsburg“. Es sollte getestet werden, wie barrierefrei die Augsburger Sehenswürdigkeiten eigentlich sind. „In den Damenhof kam ich gar nicht rein“, erzählt Lika. Zwar war der Eingang breit genug, aber dann blieb der Rollstuhl im Kies stecken. Auch die Kirche in der Fuggerei erschien zunächst für die Rollifahrer nicht zugänglich. Erst auf Nachfragen gab es die Auskunft, dass eine Rampe vorhanden sei, so der Vorsitzende des Forums „Menschen mit Behinderung“ in der CSU.

Forderung: Rückt Behinderungen in die Öffentlichkeit

Seine Empfehlung: Solche Angebote sollten ausgeschildert sein. „Ich möchte die Gesellschaft sensibilisieren“, sagt der 35-Jährige. Es sei an der Zeit, dass Menschen mit Behinderung selbstbewusster werden, an die Öffentlichkeit gehen. Da geht er mit bestem Beispiel voran. Wer kennt nicht sein Auto, das mit seinem Konterfei und seinem Rolli beklebt ist? Natürlich kennt er auch die neugierigen Blicke und das Tuscheln, aber er ist der Meinung „es ist an der Zeit, uns den Menschen zuzumuten.“

Und dass er damit immer mehr auf Zuspruch stößt, beweist auch ein Anruf von Sensemble-Theaterchef Sebastian Seidel. Im Theater wurde der Lastenaufzug regelmäßig von rollstuhlfahrenden Besuchern benutzt. Als er kaputt ging, war Zwangspause für diese Gäste. Seit Mai gibt es einen neuen Aufzug. Lika hatte Seidl die entscheidenden Tipps gegeben. Der neue Aufzug wurde über Zuschüsse und Spenden finanziert. „Wir freuen uns, dass wir das Angebot wieder machen können, denn diese Besuchergruppe ist uns ans Herz gewachsen“, sagt Seidel. Theaterbesuche sind auch für Behinderte ein Stück Lebensqualität. Und dies noch auszuweiten, das ist ein Herzensanliegen des engagierten Hochzollers Lika.
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