So lang die Füße tragen: 80-Jähriger trainiert für die Weltmeisterschaft im Gehen

Horst Lenz in seinem "Museum" . 1000 Urkunden zeugen von seiner sportlichen Leistung. Die Pokale haben keinen Platz mehr, er verschenkt sie für einen guten Zweck an soziale Einrichtungen. Foto: Fotos: Alfred Haas

Augsburg - So wie der Mann um den Kuhsee herum düst, zieht er sofort alle Blicke auf sich. Manche schauen ungläubig, andere bewundernd. Immerhin hat er ein Tempo drauf, dass es nur so staubt. Was daran so besonders ist? Der Mann wird jetzt 80 Jahre alt. Ein Alter, in dem viele nur noch mit dem Rollator vorwärtskommen. Seine Jahre sieht man ihm nicht an. Nicht umsonst heißt er poetisch wie der Frühling - Lenz, mit Vornamen Horst.

Käme es zu einem Wettrennen mit Zwanzigjährigen, müssten diese wohl sehr schnell seinen Staub schlucken. Das wäre kein Grund für die jungen Leute, sich zu ärgern. Horst Lenz ist schließlich Weltmeister im Gehen. Wer mit ihm mithalten will, braucht mehr als ein bisschen Übung im Breitensport.

Rote Trainingshose, blaue Jacke, das weiße Käppi mit Deutschland-Aufschrift tief in die Stirn gezogen, das Kinn leicht auf die Brust gedrückt. So sticht Horst Lenz um die Ecke. Wegen der besonderen Technik sehen Geher immer etwas komisch aus. Ein Bein muss immer auf dem Boden, das ausschreitende Bein immer gestreckt sein. "Man geht nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch gegen die Gehrichter", sagt der Hochzoller mit leicht bedauerlichem Tonfall. "Wenn nur ein Fuß leicht verdreht ist, bist du draußen". Das ist ihm in seiner Karriere "höchstens sechs Mal" passiert. Übung macht den Meister. Um fit zu bleiben, dreht der rüstige Senior täglich seine Runden um den Kuhsee. Das sind exakt 20 Kilometer. Hinzu kommen sechs Kilometer hin und zurück zur Wohnung. Je nach Tagesform braucht er sechs bis sechseinhalb Minuten pro Kilometer. Fünf Kilometer dauert es, "bis ich warm bin, bis die Gelenke schmerzfrei sind". Tag für Tag. Etwa acht Paar Schuhe läuft er im Jahr durch. Der Rauhaardackel "Burschi" muss meistens zu Hause bleiben. "Er kann zwar spurten, aber für die lange Strecke sind seine Beine zu kurz."

Karriere: viele Preise stehen im "Museum"

Die Bayerischen Meistertitel, viele hat er in Aichach geholt, kann der Sportsmann kaum noch zählen. Deutsche Meisterschaften sind es nicht ganz so viele. In seinem Keller, Lenz nennt ihn "mein Museum", hängen mindestens 1000 Urkunden und Medaillen, die seine Erfolge bezeugen. "Das sind 60 Jahre meines Lebens", sinniert er. An den Wänden ist kein Zentimeter mehr frei. Da hängt eine Urkunde aus dem Jahre 1968. Horst Lenz ist einen Marathon gegangen. 50 Kilometer in fünf Stunden und 21 Minuten. "Das schafft manch Marathonläufer nicht, und der hat acht Kilometer weniger", ist Lenz stolz auf seine Leistung. Er ist mehrere Hundert Marathons gegangen.

Horst Lenz startet seine sportliche Laufbahn kurios. 1954 verschlägt es ihn beruflich nach Italien. In Palermo sind seine Fähigkeiten als Textilfachmann gefragt. Er steigt nicht etwa in den Zug, nein, er legt den Weg zu Fuß zurück. Das sind knapp 2000 Kilometer. Da er Zeit hat, legt er in Rom einen Zwischenstopp ein, und verbringt vier Wochen bei den deutschen Schwestern im Vatikan. Ein Jahr, das ihm gut gefällt, bleibt er in Sizilien. Zurück geht es, wie könnte es anders sein, wieder per Pedes. Tramper-Angebote, "viele wollten mich mitnehmen, darunter auch tolle Frauen", schlägt der gebürtige Lindauer eisern aus.

Wieder in der Heimat macht er als Sportartikelverkäufer in einem Augsburger Kaufhaus sein Hobby zum Beruf. Horst Lenz ist ein drahtiger Typ, der auch auf dem Rennrad, Skiern oder mit dem Tennisschläger eine gute Figur macht. Aber sein Herz schlägt nun mal fürs Gehen. Seit zehn Jahren gehört er der MBB-SG Augsburg an. Der alte Herr ist überzeugt. "Ich bin der dienstälteste Geher in Deutschland. Wenn einer sagt, er macht es länger als ich, dann soll er das beweisen."

Highlights seiner Laufbahn

Unter den zahlreichen Titeln, ist Lenz auf zwei besonders stolz. 2006 wird er Mannschaftsweltmeister in Linz. Der Erfolg wiederholt sich 2014 in Budapest. Seine täglichen Schindereien werden im höchsten Maße belohnt. 2015 reicht es leider nur zum Vize-Weltmeister in Lyon. "Da hat man mir alles geklaut, Papiere und Geld", ist er immer noch entrüstet.

Der Mann von Welt blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück. Er hat dementsprechend viel zu erzählen. Sein Mundwerk ist ebenso flink wie seine Beine. So muss er als Sportartikelverkäufer nachts um zehn die Skier von Prinz Karim Aga Khan wachsen. In Monte Carlo ist er auf der Yacht von Onassis zum Essen eingeladen. Mit dem berühmten Reeder trinkt er ein Glas Rotwein und ein anderes Mal macht er als "Gondolier" in Venedig Bekanntschaft mit Caroline von Monaco. Das sind nur einige Highlights, um den Platz nicht zu sprengen. Wenn es alle Erlebnisse sein sollen, müsste man ein dickes Buch schreiben, das mit Sicherheit lesenswert wäre.

Unterstützung findet der sympathische Geher von seiner Frau Renate (77). Nach einem Sturz liegt sie momentan leider im Klinikum. Wie hält sie es mit so einer Sportskanone aus? "Es ist anstrengend und interessant, und nie langweilig", sagt sie am Telefon. "Ich habe alle Medaillen für Dich gemacht", schreit er in den Hörer, um ihr auf diese Weise danke zu sagen, "was längst mal fällig ist".

Geher aus Leidenschaft

Der rüstige Senior kommt eben von der Deutschen Meisterschaft in Erfurt zurück. Im 3000 Meter Bahngehen holt er Silber. Lenz hat keinen Sponsor, er finanziert seinen Sport selbst. Wie viel Geld er dafür investiert sagt er nicht. Nur soviel: "Eine Eigentumswohnung ist weg." Dabei schlägt er seine Hände vors Gesicht, als wolle er sagen "O Gott, was mach ich nur".

Gehen ist für Horst Lenz ein "Gleichklang von Seele, Körper und Geist". Auf seine Ernährung passt er auf. "Ich lebe gesund. Wenig Fleisch, viel Eiweiß und Obst". Ein Weißbier darf es schon auch mal sein. "Ich will mich ja nicht kasteien."

Der Terminkalender ist voll. Als nächstes steht im Juli die Europameisterschaft in Aarhus in Dänemark an, eine 20 Kilometer-Strecke. Sein Fernziel ist jedoch die Weltmeisterschaft im Juli 2018 in Venedig. Vielleicht sein dritter Weltmeistertitel. Ist danach Schluss? Das kann man nicht sagen. Wenn es gesundheitlich weiterhin gut läuft, will er weiter gehen, so lang die Füße ihn tragen.
(Von Alfred Haas)
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