Akrobat mit Bäuchlein: Raúl Bobadilla turnt den FC Augsburg zum Sieg gegen Bremen

Die Eltern auf der Brust, Georg Teigl im Schlepptau: Matchwinner Raúl Bobadilla. (Foto: Martin Augsburger)
Augsburg: WWK Arena |

Der FC Augsburg schoss im eigenen Stadion bislang weniger Tore als jede andere Mannschaft in der Bundesliga. Gegen Werder Bremen sind es gleich deren drei Ein entscheidendes Element: das Faszinosum Raúl Bobadilla.



Es läuft die 47. Minute in der Augsburger Arena, gerade hat der Ball die Bremer Torauslinie überquert. Raúl Bobadilla schreitet auf Linienrichter Holger Henschel zu. Der Schiedsrichterassistent blickt kurz auf, bemerkt den Mann, aus dessen Trikotkragen Tattoos sprießen, sich am Hals hinauf ihren Weg nach oben bahnen.

Henschel schaut sich einen Augenblick fragend um, findet jedoch weder eine Antwort noch Hilfe. Dann fällt sein Blick wieder auf diesen südamerikanischen Koloss, der bedrohlich näher kommt. Henschel muss jetzt handeln - und entschließt sich, seine Fahne nach rechts unten zu neigen. Ecke für den FCA.

Bobadilla zeigt, wie wertvoll er für den FC Augsburg ist

Eine Szene, sinnbildlich für Raúl Bobadillas Sonntagnachmittag. Augsburgs Stürmer hat das erste Heimspiel des FC Augsburg in der Bundesliga-Rückrunde gegen Werder Bremen beinahe im Alleingang entschieden - und unterstrichen, wie wertvoll er für die Offensive der Elf von Trainer Manuel Baum ist.

Baum setzte den Angreifer gegen Werder Bremen als Mittelstürmer ein, beorderte Dong-Won Ji ins linke Halbfeld. Gerade einmal sechs Tore hatte der FCA bis zum Sonntag in neun Ligaheimspielen zuvor erzielt, was immerhin für neun Punkte reichte (die allerdings für eine Mannschaft im Abstiegskampf im eigenen Stadion immer noch dürftig sind). Das letzte Mal, dass die Augsburger mehr als ein Tor vor dem eigenen Anhang zustande brachten, war im März des vergangenen Jahres, als Ja-Cheol Koo alleine drei Mal traf, der FCA die 3:0-Führung gegen Leverkusen in der Schlussphase allerdings noch herschenkte.

An diesem Sonntag sollte der FC Augsburg in weniger, als nur der letzten Sekunde treffen.

Schulter und Wade bremsen "Boba": Erst acht Bundesliga-Einsätze

Das Spiel beginnt ordentlich für die Gastgeber. Sie überlassen Bremen oft den Ball, stehen tief, um das enorme Tempo der Norddeutschen nicht ins Rollen kommen zu lassen. Und um selbst zu kontern.

Bobadilla steht sofort im Mittelpunkt. Erst acht Einsätze in der Liga, davon nur eines, das erste gegen Wolfsburg, über die vollen 90 Minuten. Es folgte eine Schulterverletzung, dann das Zehn-Minuten-Freistoßtor-Comeback in Ingolstadt, gleich darauf bremste ihn eine Wadenblessur. Schon am vergangenen Samstag in Wolfsburg erarbeitete sich der bullige Stürmer in der ersten Hälfte drei aussichtsreiche Möglichkeiten. Auch gegen Bremen gehört ihm der erste Abschluss. Nach acht Minuten scheitert er wuchtig an Wiedwald.

Faszinosum Bobadilla: Ein Bäuchlein wie einst Helmut Haller

Bobadilla ist ein Faszinosum. Wenn er nicht in Aktion ist, hat es den Anschein als hinke er. Sein Bauch ist kein gestähltes Sixpack, man muss nicht einmal genau hinsehen, um unter dem engen Trikot ein kleines Bäuchlein wahrzunehmen. Heißt aber nichts, kickte sich doch nach seiner Rückkehr aus dem Pizza- und Pastaparadies Italien Helmut Haller mit einem weitaus umfangreicheren Taille in die rot-grün-weißen Herzen.

Bobadilla ist trotz seiner kräftigen Statur ebenfalls ein feiner Techniker. Und gegen Bremen gar der Augsburger Vorturner. Erstaunlich, wie er seinen massigen Körper beherrscht. In der 17. Minute wirft er sich in eine Max Flanke, Bobadilla wie ein Seehund, der sich ins Polarmeer stürzt, verpasst um Zentimeter das 1:0.

Skorpion Bobadilla: Die Vorlage des Jahres

Bobadilla ist im Zweikampf eine Urgewalt, ja eine Attraktion. Es kracht und scheppert jedes Mal an diesem Nachmittag, wenn sich Bobadilla mit Bremens baumlangem Ludovics Sané um den Ball streitet.

Zwei Minuten nach Theodor Gebre Selassies Führungstor für die Gäste ist es nicht Sané, sondern Ulisses Garcia, der Bobadilla aufhalten will. Er wird keine Chance haben. Bobadilla fährt sein Hinterteil aus, schirmt den Ball vor Gacia ab, um dann eben einen jener Momente zu kreieren, wie sie dem FCA in den vergangenen Heimspielen gefehlt haben. Er wuchtet seinen Körper mit einer Drehung nach vorne, fällt an Garcia vorbei und schlägt währenddessen, wie ein Skorpion seinen Stachel, die Hacke hoch - und verlängert so den Ball in den Lauf von Schmid, der mit gefühlten 300 Stundenkilometern ins kurze Eck vollendet.

Augsburg hinten, Bobadilla müde - doch Baum wechselt ihn nicht aus

1:1 heißt es zur Pause, aus der Bremen stärker zurückkommt. Werder tritt jetzt häufiger das Gaspedal gen Süden - und wann immer die Nouri-Elf Tempo aufnimmt, hat der FCA enorme Schwierigkeiten. Serge Gnabry zieht mit einem flinken Antritt einen Elfmeter, den Max Kruse verwandelt. Aron Johannsson verdaddelt das 3:1.

Auch Bobadilla gelingt in dieser Phase nicht mehr allzu viel - und damit lahmt das gesamte Offensivspiel. Der Angreifer, der unlängst bis 2020 mit dem FC Augsburg verlängert hat, wirkt nach der langen Verletzungspause angeschlagen, ist er ja ohnehin nicht die Pferdelunge im Baum-Team. Weder die spektakulären noch die leichten Dinge klappen mehr. Doch Baum lässt Bobadilla auf dem Platz, weiß, der Nationalstürmer Paraguays ist ein Momentespieler.

Der letzte Moment gehört dem Akrobat mit dem Bäuchlein

Zunächst aber gleicht Koo nach einer Max-Flanke mit sehenswerter Direktabnahme aus. Und Augsburg spielt auf Sieg, gleichwohl der Punkt gereicht hätte, den Abstand auf Verfolger Bremen zu halten. Immer wieder sticht Verteidiger Martin Hinteregger vorne rein - das ist riskant, Gnabry und Johannsson haben Möglichkeiten für Bremen. Doch der letzte Moment gehört dem Akrobat mit dem Bäuchlein.

Ein langer Ball, die Nachspielzeit ist eigentlich bereits abgelaufen, Bobadilla bekommt ihn irgendwie mit dem Kopf in Richtung Tor, um dann noch einmal die Gesetze der Physik außer Kraft zu setzen. Zwischen ihm und dem Ball steht der Hüne Sané, Bobadilla legt sich kurzerhand in die Luft und schlingt sein Bein beinahe um den Verteidiger herum, erwischt den Ball mit der Spitze - Siegtreffer, raus aus dem Trikot, die auf die Brust tätowierten Eltern blicken in die ekstatisch jubelnde Fankurve.

Augsburg bobadillat sich auf Platz zehn der Tabelle, distanziert Bremen und auch den auf dem Relegationsrang liegenden Hamburger SV auf acht Punkte. Und hat die Rote Laterne der wenigsten Heimtore an den VfL Wolfsburg abgegeben.

Und im Turnunterricht an Augsburger Schulen werden wohl demnächst die Raúl-Rolle und der eingesprungene Boba fester Bestandteil des Lehrplans.
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2 Kommentare
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Sebastian Summer aus Aystetten | 05.02.2017 | 19:23  
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Roman Kern aus Augsburg - Nord/West | 06.02.2017 | 12:46  
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