FC Augsburg verliert gegen FC Ingolstadt: Das knappe Ergebnis trügt

Sonny Kittel (FC Ingolstadt) jubelt mit Dario Lezcano (FC Ingolstadt) über das 1:0 nach einem Fehler von Augsburgs Kevin Danso. (Foto: Klaus Rainer Krieger)
 
Der FC Ingolstadt jubelt nach dem 2:0 durch Almog Cohen. Augsburgs Daniel Baier ist bedient. (Foto: Klaus Rainer Krieger)
Augsburg: WWK Arena |

Der FC Augsburg verliert sein bislang wichtigstes Saisonspiel mit 2:3 gegen den FC Ingolstadt. Zwischenzeitlich liegt er 0:3 zurück. Dass der FCA noch einmal herankommt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ingolstadt 75 Minuten lang mit einfachsten Mitteln das Spiel beherrschte.

1,70 Meter ist Almog Cohen groß. Oder, in Fußball-Dimensionen gemessen, 1,70 Meter klein. Wenn einer, dieser Körpermaße, ein Tor köpft, dann ist das etwas Außergewöhnliches. Und da eine Zuhilfenahme von Sprungfedern nicht regelkonform und eine Räuberleiter während des laufenden Spiels schwer umsetzbar ist, muss etwas bei der verteidigenden Mannschaft schiefgegangen sein. In diesem Fall war das der FC Augsburg.

Zunächst ließ Jan Moravek den Ingolstädter nach einem Freistoß laufen. Das andere Mal berechnete Kevin Danso eine Flanke aus dem Halbfeld falsch. Zweimal hatte Cohen leichtes Spiel. Der israelische Nationalspieler begründete seinen Kopfballdoppelpack dann zwar doch mit seinen neuen Schuhen - doch selbst bei genauem Videostudium seiner Treffer konnte kein zwischen die Stollen geklemmter Flummi ausgemacht werden. Zumal er bei seinem Tor zum zwischenzeitlichen 3:0 kaum springen hatte müssen.

FC Augsburg kassiert Gegentore nach individuellen Fehlern - doch hinter der Niederlage steckt mehr als das


Freilich, das waren diese Treffer bedingt durch individuelle Fehler des FC Augsburg, wie dessen Trainer Manuel Baum später feststellte. Ebenso wie Dansos Missverständnis mit Torhüter Marwin Hitz und die Kopfballabwehr des 18-Jährigen - der an diesem Abend abgesehen davon noch einer der besseren Augsburger war - vor die Füße von Ingolstadts Sonny Kittel vor dem 1:0. Aber an diesen Aussetzern Einzelner die Niederlage festzumachen versuchte, wie es Baum tat, führt nicht zur ganzen Wahrheit.

Denn an diesem Abend in der Augsburger Fußballarena gab 75 Minuten lang der FC Ingolstadt den Ton an.

Und das, so hatte es auch Augsburgs Verteidiger Martin Hinteregger erkannt, "mit ganz einfachen Mitteln". Die Gäste, 17. der Tabelle, legten nicht nur eine erstaunliche Körpersprache an den Tag. Sie waren auch wacher. Der FCI kombinierte sich mit klaren Zuspielen nach vorne (75 Prozent angekommene Pässe) und rückte zielstrebig wie geschlossen nach: So schaffte die Walpurgis-Elf Anspielstationen, eroberte zumeist die zweiten Bälle und gewann zwar nicht mehr, aber die entscheidenden Zweikämpfe.

Hinteregger: "Haben die Meter nicht gemacht"

Eigentlich nichts bahnbrechend Neues. "Wir waren darauf eingestellt", sagte ein sichtbar angeschlagener Hinteregger später. "Wir hatten vor dem Spiel ein gutes Gefühl. Aber wir haben nicht die nötigen Meter gemacht. Und Ingolstadt war immer dort in Überzahl, wo der Ball war."

Die Schanzer rechneten dem FC Augsburg das Einmaleins des Abstiegskampfes vor. Während sich die Baum-Elf an Kleinigkeiten aufhing. Bobadilla, der nach zwölf Minuten und einem korrekten Abseitswink den Linienrichter über 20 Meter hinweg anschrie und Drohgebärden in dessen Richtung sendete. Oder Daniel Baier, der mehr mit dem Schiedsrichter beschäftigt war, als mit tempobestimmenden, öffnenden Anspielen.

Baums merkwürdiger Verzicht auf Dominik Kohr

Baum hatte Baier zudem Jan Moravek zur Seite gestellt. Eine merkwürdige Entscheidung, da er damit auf Dominik Kohr verzichtete. Ein Spieler, den man früher als Baiers Wasserträger bezeichnet hätte. Heute nennt man ihn Teil einer Doppelsechs und zwar jener, der neben Augsburgs Spielgestalter abräumt und Baier damit defensiv entlastet.

Ausgerechnet den kampfstarken und mit Baier eingespielten Pfälzer in solch einer Abstiegsschlacht draußen zu lassen, ist erstaunlich. Im zentralen Mittelfeld hatten auch deshalb der kantige Roger und der lauffreudige Cohen vom FC Ingolstadt das Sagen.

Ingolstadt zwingt Augsburg zu hastigen Pässen - Unterbesetzte Außenbahnen

Das war essenziell, um den FC Augsburg vom eigenen Tor fernzuhalten. Unterstützt davon, dass vorne Pascal Groß, Sonny Kittel und der quirlige Dario Leczano durch geschicktes Verschieben die Hausherren im Aufbau zu weiten und oft überhastet gespielten Bällen zwangen.

Der Plan ging auf, begünstigt dadurch, dass auf den Außenpositionen dem FCA die Anspielgelegenheiten fehlten. Baum setzte erneut auf die Dreierkette hinten, kombiniert mit den Flügelläufern Konstantinos Stafylidis und Paul Verhaegh. Deren Wege waren für ein schnelles Umschalten über die Seiten jedoch zu lang. So passierte über die Außenbahnen viel zu wenig.

FCA-Offensive hängt in der Luft - Systemwechsel kommt zu spät

Hinzu kam, dass die vorderste Dreierreihe überhaupt nicht harmonierte. Alfred Finnbogason tat sich nach einem halben Jahr Verletzung freilich schwer. Der Isländer nahm sich lange selbst aus der Partie, hielt sich zumeist im Abseits auf und machte sich so unanspielbar für die Kollegen. Raúl Bobadilla rieb sich an den Gegenspielern auf, Ja-Cheol Koo verlor sich irgendwo zwischen den beiden Ingolstädter Defensivreihen.

Baum verpasste es, bereits zur Halbzeit auf eine Viererkette umzustellen. So brachte er nach 66 Minuten Dong-Won Ji für Gojko Kacar und vollzog die Systemumstellung inmitten des zweiten Durchgangs. Ingolstadt nutzte die kurze Unordnung: Prompt fiel das 0:3. Da half auch der Zettel des Trainers nicht, den Ji bei seiner Einwechslung Daniel Baier überbracht hatte.

Ingolstädter Geschenke bringen den FC Augsburg zurück ins Spiel

Dass der FC Augsburg noch einmal zurück in dieses Spiel fand, überraschte - war jedoch größtenteils dem FC Ingolstadt zu verdanken. Zum einen verschnörkelten sich die Gäste bei vielversprechenden Kontern.

Zum anderen schenkte der ansonsten so starke Roger dem FCA mit seinem übermütigen Fallrückzieher im eigenen Sechzehner einen Elfmeter. Und durch Torwart Martin Hansens Ausflug ins Niemandsland seiner Box servierten sie den eigentlich geschlagenen Augsburgern mit dem 2:3 eine Portion Hoffnung.

Ordentliche Schlussphase kann nicht über schlechtes Spiel hinwegtäuschen

Und doch war dieser Sieg nie gefährdet. Und so kaschiert die kleine Aufholjagd ein wenig die bundesligauntauglichen 75 Minuten zuvor. Freilich stützen sich Baum und Sportchef Stefan Reuter nun auf die Schlussphase. War ja nicht so schlimm, denn die Mannschaft hat ja nicht aufgesteckt.

Doch wenn einem Ingolstadt in einem derart wichtigen Heimspiel 75 Minuten lang kämpferisch, taktisch und fußballerisch überlegen ist, reichen ein paar gute Ansätze in der Schlussphase nicht als Entschuldigung aus. Dass der 17. der Bundesliga einem die Gegentore 24 bis 26 im Jahr 2017 einschenkt und dass sich eklatante Schwächen bei der Verteidigung von Standards durch die Saison ziehen - auch darüber können 15 ordentliche Minuten nicht hinwegtäuschen.

Baum hat München-Wirkung unterschätzt - Pfiffe in der Arena

Baum hatte außerdem mit seiner Rotation in München vielleicht höher gepokert, als er zunächst dachte. Sechs Stück in München mitzukriegen, steckst du nicht eben mal so weg. "Klar stieg nach dem ersten Tor für Ingolstadt die Nervosität bei einigen", sollte Marwin Hitz am späten Mittwochabend sagen.

Gesteigert wohl auch durch die Unruhe, die auf den Rängen entstand. Sie entlud sich erstmals nach 38 Minuten in einem Pfeifkonzert. Ein noch lauteres begleitete den FCA in die Pause und begrüßte ihn bei seiner Rückkehr.

Stefan Reuter: Keine Baum-Diskussion

Stefan Reuter sah das anders. Das Publikum habe "die Mannschaft angeschoben", meinte er hernach. Das zählte jedoch sicher nicht für alle rund 30.000, die es mit dem FC Augsburg hielten.

Dass unmittelbar vor dem 1:3 durch Verhaeghs Elfmeter die ärgste aller Unmutsbekundungen von den Rängen gen Rasen schallte und einige Zuseher bereits Mitte der zweiten Hälfte die Arena verließen, davon wollte Reuter nichts mitbekommen haben.

Überhaupt habe Reuter auch viel Positives gesehen. Nur bei den Toren habe man eben schlecht verteidigt, die Anfangs- und die Schlussphase seien gut gewesen. Auf die Frage, ob der FCA über einen Trainerwechsel nachdenke, antwortete er einsilbig: "Nein."

Ingolstadt kann am Wochenende zum FC Augsburg aufschließen

Doch der Abend - und das wird Reuter gewiss nicht entgangen sein - liefert klare Indizien dafür, dass es ungemütlich wird in Augsburg. Zumal Ingolstadt am Samstag Darmstadt empfängt, während der FC Augsburg sonntags zur heimstarken Hertha nach Berlin muss. Es ist die Chance für den FCI bis auf einen Punkt an den FCA heranzurücken. "Wir haben es weiter in der eigenen Hand", stellte Hitz fest.

Damit hat er selbstverständlich recht. Doch während der Trend bei den Augsburgern zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt abwärts zeigt, hat der FC Ingolstadt offenbar Flummis unter den Schuhen.

FC Augsburg - FC Ingolstadt: Die Bilder zum Spiel

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