Brandstifter der Reischleschen Wirtschaftsschule verurteilt: "Ich wollte mich wichtig tun"

Gespenstisch: Ein Gang der Reischleschen Wirtschaftsschule nach dem zweiten Brand im März. Foto: Berufsfeuerwehr Augsburg

Ein heftiger Schluchzer unterbricht Günther Baumann. Der Richter hat gerade sein Urteil über Murat gesprochen, unter den Zuhörern fließen Tränen - der Freude. Murat bläst die Backen auf und drückt dann alle Luft auf einmal heraus. Seine Familie weint, den Schluchzer konnte seine Mutter nicht unterdrücken. Ihr Murat muss nicht mehr zurück in Haft. Ihr Murat darf nach Hause.

Murat hat mit seinem Freund Lukas (Namen geändert) im Frühjahr zwei Brände in der Reischleschen Wirtschaftsschule gelegt. Jetzt müssen sich beide dafür vor dem Amtsgericht verantworten. Auf gemeinschaftliche Brandstiftung in zwei Fällen lautet die Anklage, außerdem sollen die beiden eine weitere Tat geplant haben. Die wurde jedoch durch ihre Festnahme vereitelt.

Murat ist 21 Jahre alt. Und gezeichnet von sechs Monaten Untersuchungshaft. Der ohnehin schon kleine Mann wirkt auf der Anklagebank winzig. Hager ist er, die schmalen Schultern hängen herab, die Hände hat er irgendwo unter dem Tisch vergraben. Seine schmale Brille, das helle Hemd und sein schütteres Haar lassen ihn um einiges älter aussehen.

Brandstifter verursachten 30.000 Euro Schaden

Neben ihm sitzt Lukas. Ein stämmiger Bursche von 19 Jahren, roter Pullover über kariertem Hemd. Er soll zunächst erklären, was an jenen Tagen im Februar und März geschehen ist, was die beiden geritten hat, Feuer in der Toilette ihrer Schule zu legen. 10.000 Euro und 20.000 Euro Schaden haben sie verursacht, ein Mitschüler erlitt eine leichte Rauchvergiftung. Lukas zögert, reibt angespannt mit einer Hand über die andere.

Dann spricht er. Erzählt von der Luftschlange, die er und Murat im Schulhaus gefunden haben. Wie sie im Klassenzimmer anfingen, sie anzukokeln und schließlich das Klo aufsuchten und eine Rolle Toilettenpapier anzündeten. Er berichtet, wie Murat vorschlug, noch einmal Feuer zu legen, "aber mit größerem Ausmaß". Wie er sich mitziehen hat lassen, wie sie Benzin an der Tankstelle kauften und wie er eine Zündschnur im Internet bestellte. Einen Vortragsabend in der Schule hatten sie sich diesmal ausgesucht, aber dieselbe Toilette.

Graffiti sollte Verdacht auf Fos-Schüler lenken

Lukas sagt, er habe zunächst ein Graffiti an die Wand gesprüht, das den Verdacht auf Schüler der benachbarten Fos lenken sollte. "Dann habe ich ihn reingerufen, es war ausgemacht, er verteilt das Benzin. Aber er sagte ,ne, ne'", schildert Lukas. "Aber nachdem alles vorbereitet war, hab ich's dann gemacht."

Richter Baumann hakt nach: "Das Motiv interessiert mich", sagt er und meint es freilich als Frage, weshalb er es wiederholt, "das Motiv, das Motiv". Lukas antwortet mit Schweigen.

"Gemeinsam gehandelt und geplant"

Murat verharrt derweil in seiner Sitzhaltung, schaut Lukas nicht einmal an. Als er an der Reihe ist, auszusagen, widerspricht er seinem ehemaligen Mitschüler jedoch umgehend: "Wir haben gemeinsam gehandelt und geplant." Murat hat eine hohe Stimme, macht Ausführungen im Stile eines Protokolls. Er habe ein paar Probleme mit Mitschülern gehabt, ihm sei es nicht gut gegangen. "Wahrscheinlich habe ich mich wichtig tun wollen", mutmaßt er über seinen Beweggrund. Deshalb verschickte er Zeitungsartikel über den Brand, schrieb einem Freund: "Beim dritten Mal brennt's komplett."

Beinahe die kompletten sechs Monate verbrachte Murat in Untersuchungshaft. Bei Lukas waren es drei Wochen. Murat kam im August frei, hatte jedoch Kontakt in die Türkei und wurde prompt wieder eingesperrt. Mithäftlinge unterdrückten ihn, er habe seine Welt nicht mehr verstanden, erzählt er. Lukas machte derweil in Bad Wörishofen seinen Schulabschluss - mit Unterstützung der Reischleschen Wirtschaftsschule - und hat mittlerweile eine Ausbildung begonnen.

"Mein Mandant hatte die Hosen voll"

Etwas, das sein Mandant ohne die lange Haft jetzt auch hätte, ist Murats Verteidiger David Mühlberger sicher. Er hat den Fall während dessen Zeit im Gefängnis übernommen, davor sei Murat schlecht vertreten gewesen. Deshalb das späte Geständnis. Er sehe nicht ein, dass sein Mandant härter bestraft würde, nur weil Lukas als erstes ausgepackt hat. Zumal: "Die Taten ausgeführt hat fast ausschließlich Lukas", beim zweiten Mal habe Murat gar "die Hosen voll gehabt".

Richter Baumann kommt zu dem selben Schluss. Die Angeklagten hätten gemeinschaftlich und aus falschem Geltungsbedürfnis gehandelt. Zu jeweils einem Jahr und zehn Monaten verurteilt er das Duo. Und er setzt die Strafe zur Bewährung aus. Wäre es nach Staatsanwalt Christian Peikert gegangen, hätten Murat für das "Verbrechen, bei dem zig Menschen verletzt werden hätten können", zwei Jahre und sechs Monate Haft erwartet.

Deshalb die Tränen der Familie, der weinende Vater, der Murat nach dem Prozess liebevoll die Wange tätschelt, und die Mutter, die ihren Sohn derart lang und heftig umarmt, dass sein Hemd zerknittert - und er mit einem Mal gar nicht mehr so alt aussieht.
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