30 unüberwindbare Stufen: 93-Jähriger muss über einen Monat lang mit kaputtem Aufzug leben

Rudolf Preger lebt auch mit 93 Jahren noch sehr selbstständig. Der Fahrstuhl in seinem Wohnhaus, der über einem Monat lang defekt war, hat für ihn den Alltag aber sehr schwierig gemacht. Foto: Kristin Deibl

Es sind nur 30 Stufen, die der Hochzoller Rudolf Preger zwischen seiner Wohnung und der Haustüre überwinden muss. Nicht viel für die meisten, aber eine Herausforderung für den 93-Jährigen. Nach Operationen an beiden Knien ist er nicht mehr gut zu Fuß und auf den Aufzug im Haus angewiesen. Der ist nun aber seit mehr als einem Monat kaputt. Von der Hausverwaltung fühlt sich Preger im Stich gelassen. In seiner Verzweiflung hat sich der Mieter an die STADTZEITUNG gewandt.

Das Haus in der Mittenwalderstraße ist neun Stockwerke hoch. Im zweiten Obergeschoss wohnt Rudolf Preger, wie das Schild auf der Klingel verrät. In seiner Wohnung bewegt sich der 93-Jährige recht sicher, hier hat er Wände und Möbel, die ihm ein bisschen Halt geben. Auf der Treppe müsse er sich aber am Geländer festhalten, auf seinen Stock stützen und Stufe für Stufe einzeln zurücklegen, berichtet er. Da er an einem Karpaltunnelsyndrom leidet und einen Verband an der rechten Hand trägt, bereitet ihm auch das Schwierigkeiten.

Pregers Wohnzimmer ist gemütlich eingerichtet mit zwei Sofas und einem Sessel. Der Fernseher läuft und in einer Ecke steht ein Radio. An der Wand hängen Bilder von Blumen, in der Wohnwand steht allerlei Nippes, Geburtstagskarten und viele Bilder von seinen Kindern, Enkelkindern und seiner Frau, mit der er 57 Jahre lang verheiratet war und die vor elf Jahren verstorben ist. "Eigentlich habe ich sie jeden Tag besucht auf dem Protestantischen Friedhof", erzählt der 93-Jährige. "Aber momentan geht das nicht."

Preger lebt noch sehr selbstständig in seiner Wohnung und führt den Haushalt selbst. Einmal in der Woche kommt seine Tochter und kauft für ihn ein. Denn schwere Sachen wie Getränke lässt er sich doch lieber rauf tragen. "Trotzdem habe ich jeden Tag mindestens zweimal das Haus verlassen, als der Aufzug noch funktioniert hat", betont er.

Anfangs ist es dem 93-Jährigen sichtlich unangenehm, so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, Fremden von seinen Problemen mit dem Aufzug zu erzählen. Eigentlich will er nicht jammern. Er hat schon viel Schlimmeres erlebt. Mit der Zeit taut er etwas auf, erzählt von seiner Heimat Oberschlesien, seiner Zeit im Zweiten Weltkrieg, als er in der Normandie verwundet wurde und später in amerikanische Gefangenschaft geriet. Dagegen wirkt das Problem mit dem Fahrstuhl fast schon banal. "Ich will eigentlich gar nicht im Rampenlicht stehen", versichert Preger. "Ich will ein bescheidener Mensch sein können." Doch der kaputte Fahrstuhl schränkt ihn im Alltag immens ein.

Bei seiner Hausverwaltung, der Wohnungs- und Siedlungsbau Bayern GmbH (WSB) habe er schon mehrmals nachgefragt, erzählt der 93-Jährige. Dort hätte man ihm zwar mitgeteilt, dass sich die Reparatur durch ein fehlendes Ersatzteil immer wieder verschiebe. Wann der Aufzug wieder funktioniert, habe ihm aber keiner sagen können.

Auf eine telefonische Nachfrage der Redaktion will bei der WSB Augsburg niemand Auskunft geben. Stattdessen solle man sich schriftlich an den Pressesprecher in München wenden. Der erklärt die verzögerte Reparatur schließlich so: "Die Technik unserer Aufzüge wird zusehends komplizierter und komplexer. Bedingt durch eine längere Lieferzeit bei der Ersatzteilbeschaffung für den defekten Aufzug konnte die Reparatur leider nicht zu unserer und der Zufriedenheit der Mieter zeitnah ausgeführt werden. Laut Auskunft der zuständigen Aufzugsfirma wird dieses spezielle Ersatzteil am 10. Oktober, wenn irgendwie möglich bereits am 7. Oktober ausgeliefert und dann umgehend eingebaut."

Wie Rudolf Preger am Dienstag, 11. Oktober, telefonisch mitteilt, ist bis zum versprochenen Zeitpunkt nichts passiert. Auf erneute Nachfrage erklärt der Pressesprecher der WSB: "Derzeit werden Restarbeiten ausgeführt. Der Aufzug sollte in Kürze in Betrieb gehen."

Und tatsächlich ist es am Mittwoch so weit. "Seit einer Stunde ist der Aufzug wieder in Betrieb", freut sich der 93-Jährige am Telefon. Seit mehr als einem Monat hat er auf diesen Moment gewartet. Auf den Moment, wenn er das Haus wieder verlassen kann sooft er will und wenn er das Grab seiner Frau wieder jeden Tag besuchen kann.

Von Kristin Deibl
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