Beten mitten in der Nacht für Hochzoll und die Welt

Martin Bewernik , Toni Merk, Thomas Zincke und Dieter Ungar (von links) stehen einmal im Monat mitten in der Nacht auf und beten von 4 bis 6 Uhr früh für Deutschland und die Welt. Foto: Anja Lütke-Wissing

Es ist mitten in der Nacht. Ich habe es geschafft, um 3.30 Uhr aufzustehen und pünktlich um kurz vor 4 Uhr im Anbau der evangelischen Kirche St. Matthäus an der Friedberger Straße zu sein. Müde hole ich mir einen schwarzen Tee und bin gespannt, was mich erwartet. Denn jeweils in der Nacht vom 25. auf den 26. eines Monats treffen sich hier Menschen zum Beten.

Warum aber um Himmels Willen zu dieser unchristlichen Zeit? Die Antwort ist einfach - um das Wächtergebet zu beten. Das hat so gar nichts mit dem "Wachtturm" einer anderen Gruppierung zu tun, wie ich zunächst fälschlich glaubte, sondern ist eine nationale christliche Gebetsbewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, rund um die Uhr für die Probleme Deutschlands und der Welt zu beten.

Der Name "Wächtergebet" leitet sich aus der Bibel ab. In Jesaja 62,6 heißt es: "Auf deine Mauern Jerusalem habe ich Wächter bestellt. Den ganzen Tag und die ganze Nacht werden sie keinen Augenblick schweigen." Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf dem Gebet für die Politiker und ihre Entscheidungen. Eine Zentrale gibt monatlich einen Text heraus, wofür gebetet werden soll. "Uns ist wichtig, dass man das als Anhaltspunkt nimmt, man aber durchaus seine eigene Meinung haben darf", erzählt Toni Merk, der seit 14 Jahren die Gruppe in St. Matthäus leitet. "Wir maßen uns nicht an, selber die Lösung zu haben und dafür zu beten, sondern wir beten dafür, dass Gott bei einem bestimmten Thema, wie zum Beispiel aktuell in den Fragen der Asylpolitik, die Politiker leitet, die richtigen Entscheidungen zu treffen."

Gebetet wird auch dafür, dass in Deutschland kein terroristischer Anschlag passiert - bisher mit Erfolg. Die Beter glauben fest daran, dass sie ihren Teil dazu beitragen. Und ich kann aus eigener erst kürzlich gemachter Erfahrung behaupten, dass ein Gebet, gerade auch wenn viele Menschen für die gleiche Sache beten, wirkt.

Am 1. Februar 2000 um 0 Uhr fiel der "Startschuss" für das Wächtergebet in Berlin. Im Moment beteiligen sich rund 280 Städte und Gemeinden. Die frühe Uhrzeit hat Toni Merk bewusst ausgesucht: "Wer um diese Zeit aufsteht, sich auf den Weg macht und dabei ist, macht das mit einem anderen Bewusstsein, wie zu ,normalen' Uhrzeiten. Wir sind übrigens offen für jeden, der diese Erfahrung einmal machen will oder auch nur neugierig ist."

Die Gruppe besteht heute aus vier, vorwiegend berufstätigen, Männern, einer Frau und mir. Manchmal sind sie auch nur zu zweit. Mit einigen christlichen Liedern, begleitet auf der Gitarre, geht es los. Dann lesen wir den Anleitungstext vor, reden oder diskutieren auch kurz über die Themen und beten dann jeweils dafür. Auch passende Bibelstellen werden hin und wieder vorgelesen. Obwohl ich politisch interessiert bin, bin ich völlig geplättet, was alles in der Welt geschieht, ohne dass ich es mitbekomme, und wofür man alles beten könnte. Nachdem wir mit dem "Deutschland-Teil" durch sind, beten wir noch für Themen vor Ort in Augsburg und Hochzoll.

Ein Teilnehmer am Wächtergebet beschreibt seine Erfahrungen so: "Mein Interesse an Politik ist durch das Beten geweckt worden. Und ich achte jetzt ganz anders auf die Nachrichten - sie könnten ja Gebetserhörungen enthalten." Ein anderer meint: "Meine persönliche Sicht auf die Politiker hat sich verändert. Statt zu meckern, segne ich jetzt lieber."

Die zwei Stunden vergingen wie im Flug. Viele Menschen denken, sie sind machtlos, vor allem im Weltgeschehen. "Was kann ich denn schon bewirken?" Ich meine, wir können diesen Ereignissen zumindest eines entgegensetzen: unser aufrichtiges Gebet. Das nächste Wächtergebet findet heute Nacht statt.

Mehr Informationen zum Wächterruf gibt es unter www.waechterruf.de. (Von Anja Lütke-Wissing)
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