Ein Tonband beim Elektroflüsterer

Elektroflüsterer Patrick Roser probiert die alten Tonbandgeräte der Familie Deutsch wieder zum Laufen zu bringen.
Seit über einem Jahr gibt es im Schwabencenter das sogenannte „Wohnzimmer“. Hier treffen sich Anwohner aus dem Viertel und können verschiedene Kurse besuchen, sich in verschiedenen Bereichen beraten lassen oder auch ihre defekten Elektrogeräte vom „Elektroflüsterer“ begutachten und gegebenenfalls reparieren lassen. Der Name „Elektroflüsterer“ nimmt Bezug zu dem bekannten Film „Der Pferdeflüsterer“ mit Robert Redford. Als Pferdeflüsterer bezeichnet man Menschen, die besonders gut mit Pferden umgehen können und dazu spezielle Methoden der Kommunikation verwenden.
Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, das Verhalten und die Körpersprache von Pferden zu verstehen. Daher sind eine gute Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen Grundvoraussetzungen. Das erlernte Wissen über die sogenannte „Pferdesprache“ wird genutzt, um mittels Gesten mit den Tieren in Kontakt zu treten. Gerade Problempferden und ihren Haltern kann dadurch geholfen werden. Elektroflüsterer Patrick Roser spricht sozusagen „elektrisch“, das heißt, er kennt sich gut mit Elektrogeräten aller Art aus und versucht den Besitzern zu helfen. So wie kürzlich Gerhard und Inge Deutsch. Sie haben dem Tüftler zwei Tonbandgeräte von Grundig, Modell „TK“ aus den 60er Jahren gebracht. Der 80-jährige Vater von Frau Deutsch wünscht sich nichts sehnlicher, als mit den Geräten noch seine alten Tonbänder – vor allem Volksmusik, mitgeschnitten aus dem Radio – hören zu können. Über eine Stunde operiert Roser quasi am offenen Herzen, reinigt, setzt wieder zusammen. Er hat eine Idee, woran es liegen könnte und muss dazu zu Hause noch recherchieren, ob das Ersatzteil noch erhältlich ist. Auch eine Bedienungsanleitung will er dann online finden, denn das erleichtert das Reparieren ungemein. Nach dem Beweggrund für sein Engagement gefragt antwortet er: „Ich sehe es nicht gern, wenn man Sachen wegwirft, die mit wenig Aufwand oder Geld repariert werden können. Geräte sollte man so lange wie möglich nutzen. Vor allem alte Leute sind ihre Geräte gewöhnt und orientieren sich nur schwer um.“ Beruflich ist der 48-jährige Diplom Elektro-Ingenieur und baut und entwickelt als Angestellter industrielle Computer. Zurzeit wären vor allem die Netzteile von Elektrogeräten häufige Fehlerquellen. Problematisch zu reparieren, da diese nicht mehr wie früher mit Trafos funktionieren, sondern mit im Gerät integrierten Schaltnetzteilen, die man fast nicht mehr heraus bekommt. Da liegt natürlich die Vermutung nahe, dass die Industrie gar nicht will, dass die Geräte noch repariert werden können. Es finden sich auch kaum noch Elektrogeschäfte mit Werkstätten. „Alte Geräte haben einfach eine bessere Qualität“ ist Roser überzeugt. „Denken Sie mal nach, wieviel Geräte damals im Vergleich zum Einkommen gekostet haben. Ich finde es verwerflich, die Menschen langsam aber kontinuierlich an immer schlechtere Qualität zu gewöhnen.“ Als Elektroflüsterer im Schwabencenter hat Roser unter anderem schon Staubsauger, Uhren und eine Küchenwaage repariert. Während der Sprechstunde kommt Elisabeth Albrecht mit einem Ultraschallgerät. Sie war im Wohnzimmer schon beim „PC-Doktor“ sehr zufrieden und hofft jetzt auf ein ähnliches Wunder beim Elektroflüsterer. Albert Warmuth, der den Elektroflüsterer unterstützen will, nimmt sich des Ultraschallgeräts an, während Roser weiter das Tonbandgerät bearbeitet. Patrick Roser wünscht sich für seine ehrenamtliche Arbeit im Wohnzimmer eigentlich nur eine Verbesserung – einen PC mit Internetanschluss. Denn dann könnte er vor Ort Baupläne ansehen oder nach Ersatzteilen suchen und somit schneller helfen. An jedem dritten Mittwoch im Monat von 18.30 bis 20 Uhr nimmt sich der Elektroflüsterer Zeit für seine elektrischen Patienten. Das nächste Mal wieder am 15. Juni.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.