Erfahrungsbericht: Ein Baby-Igel als Untermieter

Seit sie verstanden hat, was wir von ihr wollen, wenn wir ihr die Spritze in das Mäulchen halten, frisst sie brav und hat schon 20g zugenommen.
 
Diesen kleine Babyigel pflegt Redakteurin Anja Lütke-Wissing gemeinsam mit ihrer Familie seit 12. September.
Darf ich vorstellen: Das ist die kleine Ichi (sprich Itschi). Vor ein paar Tagen hat uns eine Frau angerufen, die Ichi in ihrem Garten gefunden hat. Dass wir schon seit Jahren immer wieder Igel aufnehmen, überwintern und uns mit dem Thema auskennen hat sich offenbar herumgesprochen. Leider hat diese Dame am Tag zuvor einen großen Alt-Igel, vermutlich die Mutter, von ihrem Garten in einen anderen weiter weg getragen, weil der Hund dauernd bellte.
Was sie dabei nicht wusste: Igel werden in Deutschland zu 80 Prozent in den Monaten August und September geboren. In wärmeren Regionen gibt es Igelwürfe schon im Juni und Juli. Und manche Igel werfen zweimal pro Jahr, im Früh- und im Spätsommer. Ichi ist mit großer Wahrscheinlichkeit aus diesem Wurf und hat jetzt ihre Mama verloren. Igel haben zwar ein großes Revier und einen guten Geruchssinn, aber ob die Mutter das Nest wieder findet, ist unsicher.
Ichi ist vermutlich knapp drei Wochen alt, misst ungefähr zehn Zentimeter, wiegt 95 Gramm und bekommt gerade erst ihre Zähne. Bis zum Alter von sechs Wochen werden die Kleinen von ihrer Mutter gesäugt, sind also unselbstständige Babys, die ohne Mutter hilflos sind. In freier Natur ist die Chance gering, dass Ichi überlebt und sich vor Wintereinbruch ein anständiges Gewicht zum Überwintern anfuttert.
Obwohl wir Erfahrung mit Igeln haben – so ein kleines Igel-Baby hatten wir noch nie. Die Igel, die wir bislang versorgt haben, konnten schon alle selber fressen. Nicht so bei Ichi. Nach Rücksprache mit der Igelstation in der Firnhaberau geben wir ihr jetzt alle zwei bis drei Stunden Katzenfutter-Pastete mit Hundewelpen-Aufzuchtmilch und ungesüßtem Fencheltee, vermischt über eine Einmalspritze direkt ins Mäulchen. Kuhmilch und alle Menschenbabynahrung (auch Heilnahrung) sind für Igelbabys völlig ungeeignet.
Ichi war voller Flöhe, die wir mit einem für sie ungiftigen Spray behandelt haben. Ein paar Zecken haben wir vorsichtig mit der Pinzette entfernt. Glücklicherweise kommt sie die Nacht schon ohne Futter klar, wenn man spät abends und gleich früh morgens wieder füttert. Und: Sie hat seit ihrer Ankunft schon 20 Gramm zugenommen. Bei noch kleineren Igeln muss man oft nicht nur von Hand füttern, sondern zusätzlich auch noch „Toiletting“ betreiben, das ist im Prinzip das Gegenteil von Füttern. Man massiert das Bäuchlein, bis sich Erfolg einstellt.
Ichi wohnt in einem Karton, in dem eine alte Mütze zum Reinkuscheln liegt, ein kleinerer mit Küchenpapier gefüllter Karton mit Eingangsloch, zwei Deckel von Glaskonserven, gefüllt mit Tee und ihrem Futter (damit sie selber fressen kann, wenn sie es probieren möchte) und eine handwarme Wärmflasche mit einem Handtuch bedeckt.
Den Karton nehmen wir jeden Tag zu uns in Büro mit, weil wir sie ja regelmäßig füttern müssen. Ichi’s Stacheln piksen übrigens noch nicht besonders. Sie genießt Körperkontakt sehr und sitzt in ihre Mütze gekuschelt gerne auf unserer Brust. Mit etwas Glück und bei guter Witterung schaffen wir es vielleicht, sie auf ihr Überwinterungsgewicht von mindestens 500 Gramm zu bringen.
In Deutschland ist es generell verboten, Tiere der besonders geschützten Arten – und dazu zählt der Igel – aus der Natur zu entnehmen. Die einschlägigen Gesetzesvorschriften erlauben jedoch, hilfsbedürftige Igel sachgemäß aufzuziehen und gesund zu pflegen. Das Ziel jeder Igelhilfe muss sein, die Tiere so bald wie möglich wieder in die Freiheit zu entlassen. Wir hoffen, dass wir Ichi gut groß bekommen und sind gespannt, wann es Zeit ist, Abschied zu nehmen. Wer auch einen verwaisten, verletzten oder wenn es Winter wird zu kleinen Igel findet, der kann sich auf www.pro-igel.de oder unter www.igelhilfe-schwaben.de informieren, was zu tun ist. In Neusäß gibt es eine Igelstation, die sich um Igel kümmert. Ziel dieser Station ist allerdings die medizinische Igel-Erstversorgung oder die Unterstützung des Finders bei der weiteren Pflege.
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Sebastian Summer aus Aystetten | 17.09.2016 | 10:32  
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