Gärtnerhaus im martini-Park im Textilviertel abgerissen

So idyllisch am Hanreibach lag das um 1900 erbaute Gärtnerhaus mit Heizhaus und Gewächshäusern.
 
Der Freundeskreis Gärtnerhaus hat versucht, das Haus mit Nebengebäuden zu erhalten. Es soll einer Wohnbebauung weichen.

Seit 2014 wurde für einen Teil des martini-Geländes ein neuer wohnwirtschaftlicher Bebauungsplan im Rahmen des Aufstellungsverfahrens mit allen dafür zuständigen Fachdienststellen und Planern entwickelt und abgestimmt. Seit März/April diesen Jahres liegen die Pläne für die Wohnbebauung öffentlich aus. Wo ursprünglich Gewerbeflächen geplant waren, sollen nun 350 Mietwohnungen entstehen, davon 10% Sozialwohnungen. Möglich wurde dies durch eine Umwidmung der Flächen – denn Wohnraum ist knapp und lukrativ, Gewerbeflächen gibt es zurzeit genügend und recht günstig. Seit April gab es Widerstand beim BUND Naturschutz und einer größer werdenden Gruppe von Bürgern gegen die Pläne. Denn nach ihnen müsste das alte Gärtnerhaus, erbaut um 1900, mit dazugehörigem Heizhaus und Gewächshäusern weichen und die verbleibende Grünfläche hätte in ihren Augen keinen Parkcharakter mehr. Die Initiative „Rettet das Gärtnerhaus“ formierte sich und strebte einen runden Tisch mit allen Beteiligten an, um im Gespräch nach Lösungen zu suchen das Ensemble zu erhalten und dennoch die geplanten 350 Wohnungen zu realisieren. Dazu kam es jetzt nicht mehr, denn martini hat am letzten Wochenende das Gärtnerhaus abgerissen. Für das Haus bestand weder Denkmalschutz als Einzelbaudenkmal noch als Ensemble. Das Haus befand sich bereits seit 20 Jahren im Baufeld eines rechtskräftigen Bebauungsplans und war seitdem zum Abbruch vorgesehen. „Uns ist die Zeit davongelaufen“, so Alexandra Blümel von der Initiative. „Wir sind alle von einem Abbruch im Herbst ausgegangen. Das Gärtnerhaus lag in einem der hinteren Baufelder. Da wäre noch genügend Zeit für Gespräche gewesen und martini hätte nichts riskiert“. Wolfgang Geisler, Geschäftsführer der martini-Gruppe, versteht die Aufregung nicht: „Der BUND wurde von uns von Anfang an ausführlich informiert. Wir haben auch intern Alternativen geprüft, aber sind zu dem Schluss gekommen, dass ein Erhalt des Gärtnerhauses nicht möglich ist. Auch wir bedauern den Abriss, aber wir halten insbesondere vor dem Hintergrund der aktuell engen wohnwirtschaftlichen Situation in Augsburg den Bau von 350 Mietwohnungen für sehr wichtig. Dass martini historische Gebäude grundsätzlich am Herzen liegen, sieht man an vielen Beispielen im martini-Park und im Augsburger Stadtgebiet.“ Man darf auch nicht vergessen, dass martini durch das Projekt einen Teil des bislang privaten Geländes für die Öffentlichkeit öffnet. Es werden Fuß- und Radwege gebaut, auf denen man das Gelände wie schon lange gewünscht durchqueren kann. 10.000 m² Grünfläche werden als Park gestaltet und der Stadt übereignet. Ein zentraler Bereich zwischen den Gebäuden mit Zugang zum Wasser, Boule-Platz, Bänken und vielem mehr schafft Aufenthaltsqualität. Somit geht zwar leider mit dem idyllischen Gärtnerhaus ein Stück Zeitgeschichte verloren, aber durch den Wohnungsbau erhält die Öffentlichkeit überhaupt erst Zugang zu dem grünen Paradies. Der für das Projekt verantwortliche Architekt Thomas Glogger, der auch alte Gebäude saniert, ist der Meinung, dass sich städtebaulich etwas Neues entwickeln dürfe und nicht immer an Altem festgehalten werden müsse: „Im Fall des Gärtnerhauses hätte dieses eher wie ein Fremdkörper im Gesamtensemble gewirkt, wenn man es erhalten hätte.“ Der Freundeskreis Gärtnerhaus hätte sich dagegen ein Kulturzentrum, Gastronomie oder ähnliches im Gärtnerhaus vorstellen können. „Orte mit gewachsenem Charme werden immer weniger. Wir haben Angst, dass Augsburg zur Schlafstadt für München verkommt“, so Martina Vordermayer, die die Initative unterstützt und zum Beispiel eine Postkarten-Aktion „pro Gärtnerhaus“ ins Leben gerufen hat. Auch Blümel ist völlig aufgebracht von dem für sie überraschenden Abbruchzeitpunkt: „Das Stadtbild gehört uns allen. Es geht uns beim Gärtnerhaus nicht ums Rechtliche, sondern ums Moralische. Bewahren und zugleich Neues schaffen hätten wir uns gewünscht. Unsere Aktion zum Schutz der Bäume, Parkflächen und verbliebenen Häuser läuft auch nach dem Abbruch des Gärtnerhauses weiter.“ BUND und der Freundeskreis Gärtnerhaus werfen martini vor, ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen über die der Bürger zu stellen. „Wenn man auf kurzfristigen Profit schaut, macht man keine Vermietung, sondern eine Bauträgermaßnahme“, so Geisler. „Uns ist aber hier genau wie bei unseren anderen Projekten eine langfristige Perspektive wichtig. Auch wenn das Ensemble Gärtnerhaus abgerissen werden muss und ein Teil der Grünflächen überbaut wird, bleiben 50% mehr Parkfläche übrig, als wenn wir dort eine gewerbliche Bebauung realisiert hätten.“
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