Seniorenbegleiterin Birgit Baur verabschiedet

Birgit Baur mit einer "ihrer" Seniorinnen.
 
Birgit Baur brachte Zeit, Menschenkenntnis, seelsorgerische Kompetenz und ihren Glauben bei den Besuchen der alten Menschen mit.
Was vor über neun Jahren als Pionier-Projekt der drei evangelischen Gemeinden im Stadtteil Hochzoll-Herrenbach-Spickel ins Leben gerufen wurde, ging Ende Mai leider zu Ende, da die finanziellen Mittel nicht mehr ausreichen. Birgit Baur war beim Evangelischen Verein Hochzoll und Umgebung e.V. angestellt und kümmerte sich neun Jahre lang um die Bedürfnisse der Senioren der drei Gemeinden. Die Aufgaben waren umschrieben mit „besuchen, begleiten, zuhören, beraten und Hilfe vermitteln“. Das Angebot war für die Senioren kostenfrei, der Verein finanzierte sich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Birgit Baur kam zu den älteren Herrschaften nach Hause und brachte vor allem eines mit: Zeit. Gepaart mit jahrelanger Erfahrung und Ausbildungen im sozialen, erzieherischen und medizinischen Bereich und ihrer eigenen großen Lebenserfahrung erfüllte Birgit Baur diese Aufgabe mit Herz und Seele. Da Seelsorge den größten Teil ihrer Arbeit ausmachte, zum Beispiel, wenn der Partner im Sterben lag, ein Todesfall eingetreten war, eine schwere Krankheit oder Familienzwistigkeiten die Senioren belasteten, bildete sich Baur in diesem Bereich zusätzlich fort. Auch ihre Tätigkeit und ihr umfangreiches Wissen als Demenzpatin waren hilfreich für viele ihrer Senioren. „Ich habe einfach schon ein Leben lang mit Menschen gearbeitet. Da lernt man, auch mal zwischen den Zeilen zu lesen und genau hinzuhören, was den Menschen wirklich belastet.“ Als zum Beispiel einmal eine ältere Dame klagte, dass die Blumen in ihrem Garten nicht mehr wie früher gedeihen würden, tat Baur das nicht als „Jammern auf hohem Niveau“ ab, sondern schaffte es, nachdem sie nach mehreren Besuchen ihr Vertrauen hatte, die Hintergründe zu erfahren – Sorgen, Schmerzen und vieles mehr. Diese Vertrauensbasis ist sehr wichtig, wenn man den alten Menschen wirklich helfen will. Genau wie der professionelle Umgang mit den vielfältigen, teils sehr belastenden Problemen. Daher sieht Baur den ausschließlichen Einsatz von Ehrenamtlichen in diesem Bereich eher skeptisch: „Es gibt einfach Grenzen, wo Profis ranmüssen. Wenn ein Mensch jemandem seine Probleme anvertraut, sich öffnet, vielleicht auch sogar weint, muss man wissen, wie man diese Probleme lösen, die Emotionen wieder in den Griff bekommen kann.“ Mit der Funktion der Seniorenbegleiterin bricht in unserem Stadtteil ein wichtiges Standbein für Senioren ersatzlos weg. Akut betroffen sind 15 Personen, die jetzt „in ein Loch fallen“. Eine Sozialstation kümmert sich zwar um die Pflege, eine Seniorenfachberatung um Beratung, aber für die Seele und die Psyche der alten Menschen ist jetzt niemand mehr offiziell zuständig. In all den Jahren hatte Birgit Baur immer rund 30 bis 35 Senioren im Alter von durchschnittlich 85 Jahren sowie deren Angehörige, für die sie da war – zu viel für 12 Stunden pro Woche. Daher stockte Baur immer auf und investierte die gleiche Zeit nochmal ehrenamtlich. „Sie können ja nicht zu einem Trauernden sagen: Die Zeit ist um, weinen Sie bitte nächste Woche weiter“, so Baur. Auch Themen wie die Frage nach dem Sinn des Lebens auf der „Zielgeraden“ oder die Frage nach Gott beschäftigen diese Menschen. Da ist Birgit Baur froh, dass sie als Christin auch diese Komponente in die Gespräche einbringen konnte und ihr ihr Glaube immer wieder Kraft für diese Aufgabe gab. Es hat sie motiviert, wenn Menschen wieder Mut geschöpft haben, aber es gab „nicht immer ein Happy End“. Ein besonders bewegender Moment war die Zusammenführung zweier Ehepartner aus verschiedenen Heimen. Der Mann lag im Sterben und Birgit Baur hat seiner demenzkranken Frau ermöglicht, von ihm Abschied zu nehmen. „Er ist in unserem Beisein gestorben. Obwohl es natürlich traurig war, war es schön, hier den richtigen Moment erkannt und Beistand geleistet zu haben.“ Jetzt arbeitet die inzwischen 55-Jährige wieder Teilzeit im medizinischen Bereich. Die restliche Zeit kümmert sie sich um ihren 86-jährigen verwitweten Vater, ihre demente Schwiegermutter und ihre beiden Enkel. Nach über 20 Jahren im Vorstand der Gartenbauvereins Hochzoll freut sich die tierliebe Hochzollerin, wenn sie viel Zeit in ihrem eigenen Garten und bei den darin lebenden Landschildkröten verbringen kann. Dass auch noch Kirchenchor und die Leitung eines Hauskreises der evangelischen St. Matthäus-Gemeinde in ihren Terminplan passen, verwundert Baur fast schon selber. Als Demenzpatin steht sie außerdem weiterhin ehrenamtlich Erkrankten und deren Angehörigen beratend zur Seite.

Kommentar
Schade, dass die Senioren unseres Stadtteils in Zukunft auf die wertvolle Arbeit von Birgit Baur verzichten müssen. Schade auch, dass dafür kein Geld mehr da war. Der evangelische Verein ist mit seinen Mitgliedern gealtert, so dass immer weniger Geld für die Seniorenarbeit da war. So wichtig ich es auch finde, dass sich Kirche auch in Bereichen wie Flüchtlingsarbeit oder Jugendarbeit engagiert, so traurig finde ich es gleichzeitig, dass die Alten nun niemanden mehr haben und in der allgemeinen Wahrnehmung fast nur noch auf Themen wie Pflege reduziert werden. Bedauerlich auch, wenn man im Jahresbericht des Seniorenbeirats 2015 der Stadt Augsburg nichts darüber findet, was die Seele der alten Menschen über Themen wie „Wie finde ich die passende Wohnform“ oder „wie gestalte ich im Alter aktiv meine Freizeit“ hinaus beschäftigt oder gar belastet. Oder ist alten Menschen in Not beizustehen, Traurige zu trösten, Sorgen miteinander teilen, nach Auswegen in schwierigen Lebenssituationen suchen nur ein kirchliches/christliches Aufgabenfeld? Sehr zu loben sind die vielfältigen ehrenamtlichen Engagements, nachbarschaftliche Hilfen und ähnliches, aber reicht das wirklich aus, um den Bedürfnissen der alten Menschen gerecht zu werden? Auch sie sind, wie die Flüchtlinge inzwischen, Teil unserer Gesellschaft. Sie sind aber im Stadtbild nicht (mehr) so präsent, viele vereinsamen zu Hause. Sie machen weniger auf sich aufmerksam, die Medien berichten nicht so viel, ihnen fehlt ein Sprachrohr. Aber darf man sie deshalb vergessen?
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