Tabuthema Demenz: Wenn Oma plötzlich böse wird

An Demenz erkrankt zu sein , bedeutet nicht, sofort alle geistigen Fähigkeiten einzubüßen. Je nach Dauer und Grad der Erkrankung können Betroffene zum Beispiel noch lange ein Instrument spielen - wohingegen sie sich an die Namen der Enkel nur noch schwer erinnern. Für Kinder und Jugendliche ist die Situation häufig belastend, wie jetzt eine Studie ergab. Foto: Ocskay Bence Mor-123rf

Wieso ist Opa plötzlich so seltsam? Gerade noch hat er mit dem Enkel Verstecken gespielt, jetzt wirft er ihn aus seinem Zimmer. Und warum fängt Oma plötzlich an zu weinen, weil sie glaubt, jemand hätte sie aus ihrem vertrauten Zuhause in eine fremde Wohnung entführt und reagiert aggressiv, weil man sie auf einen falschen Namen hingewiesen hat? Das Thema Demenz und Alzheimer stellt nicht nur erwachsene Angehörige vor enorme Herausforderungen. Betroffen sind auch viele Kinder und Jugendliche.

Für sie ist es besonders schwer zu verstehen, warum sich vertraute und geliebte Menschen plötzlich sehr merkwürdig verhalten. Obwohl das Thema mittlerweile immer mehr Familien betrifft, wird darüber nach Ansicht von Claudia Zerbe vom Kompetenznetz Demenz in Augsburg zu wenig gesprochen. "Wenn ich in Schulen über das Thema informiere, erlebe ich immer öfter, dass Kinder zu weinen anfangen", sagt die Fachberaterin. Der Grund dafür sei, dass mit den Kindern niemand ausführlich über das Thema spreche. "Es hat mich sehr erschüttert, wie wenig die meisten darüber wissen. Vielen Eltern ist offenbar nicht bewusst, wie viel Kinder und Jugendliche mitbekommen", sagt Claudia Zerbe und vermutet dahinter eine "gewisse Gedankenlosigkeit".

Laut einer Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege haben rund 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland mindestens einen demenzkranken Familienangehörigen. Viele der jungen Menschen empfinden einer anonymisierten Befragung zufolge diese Situation als belastend: Die Kinder und Jugendlichen sind traurig, wie sich der Kranke aus ihrer Sicht verändert, sie sind unsicher, wie sie mit ihm umgehen sollen; viele haben zudem Angst, dem Verwandten könnte etwas zustoßen.

"Was ich persönlich immer wieder feststelle: Die Jungen bräuchten die Möglichkeit, mit jemandem darüber zu reden. Die fehlt aber häufig, weil die Eltern glauben, sie würden die Kinder damit unnötig belasten", erklärt Claudia Zerbe. Aus ihrer langjährigen Erfahrung weiß sie, dass das jedoch der falsche Weg ist, eine "falsche Rücksichtnahme".

Die Mitarbeiter des Kompetenznetzes Demenz sind deshalb zunehmend in Schulen unterwegs, um über die Krankheit aufzuklären. "Wir zeigen den Schülern, wie es sich anfühlt, von jemand anderem gefüttert zu werden. Jeder bekommt einen Latz und von seinem Gegenüber Essen und Trinken eingegeben", sagt Claudia Zerbe. Anfangs sei das Gelächter und Gezicke immer sehr groß, so die Fachberaterin. "In der Nachbesprechung wird den Kindern und Jugendlichen aber meist bewusst, was es bedeutet, jemand anderem ausgeliefert zu sein. Wie erniedrigend es ist, ein Lätzchen zu tragen und von jemandem gefüttert zu werden, der nebenbei auf sein Smartphone schaut."

Claudia Zerbe, die auch mit sehr vielen Erwachsenen zu tun hat, sagt über den Umgang mit den Teenagern: "Sie gehen sehr unbefangen an das Thema Demenz heran. Je älter die Leute werden, desto unwilliger werden sie, sich damit auseinanderzusetzen. Solange sie nicht davon betroffen sind, drängen sie es zur Seite", so die Demenz-Expertin.

"Die psychischen und physischen Belastungen für die Pflegenden sind enorm"

In Deutschland sind es derzeit 1,4 Millionen Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, etwa so viele Personen wie in der Landeshauptstadt München leben. Claudia Zerbe meint: "Bei einer Gesamtbevölkerungszahl von 80 Millionen hört sich das erst nach nicht viel an. Man muss aber bedenken, dass all diese Kranken Familienangehörige und Nachbarn haben, und dass es eine große Zahl noch nicht diagnostizierter Fälle gibt." Keine andere Krankheit, so die Fachberaterin, außer Alkoholismus, betreffe mehr Menschen. Das liege auch daran, dass der Großteil der Dementen zu Hause und nicht im Heim gepflegt werde und viele nicht bettlägerig seien. Schätzungen zufolge steigt die Zahl der Erkrankten in den nächsten 30 Jahren auf knapp drei Millionen: So gesehen bedeutet das Thema Demenz eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft.

"Es ist ein immer noch unterschätztes Thema. Die psychischen und physischen Belastungen für die Pflegenden sind enorm, und natürlich sind auch die Kinder und Jugendlichen betroffen", so Claudia Zerbe. Doch die allgemeine Information in den Klassen allein reiche in einzelnen Fällen nicht aus. Die Kinder und Jugendlichen wollen mit jemanden persönlich sprechen und sich über ihre Situation austauschen. An einer Augsburger Schule entstand so die Idee eines Demenzbeauftragten, sprich einer Lehrkraft, die Ansprechpartnerin für von Demenz betroffene Schüler ist. ( Thomas Winter )
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