Wellness im Hochzoll der Jahrhundertwende

Was heute viele Bewohner Hochzolls nicht mehr wissen, haben kürzlich Alfred Hausmann und Michael Friedrichs, beide mit historischem Wissen über Hochzoll vertraut, „ausgegraben“: In der heutigen Zugspitzstraße 53 in Hochzoll-Nord, damals noch die zu Friedberg gehörige „Friedbergerau“, gab es eine öffentliche Badeanstalt.

1899 wurde die „Sonnenbadeanstalt des Franz Landgraf“ als privater Badebetrieb gegründet. Franz Landgraf war ein Vertreter der Naturheilkunde und bot auf dem insgesamt 81.800m² großen Areal, das er für 3600 Mark gekauft hatte, in Glashäusern und Baderäumen Schwitz-, Sitz-, Wannen- und Brausebäder mit Güssen und Packungen an. Zum Sonnenbad gehörten ein Wohnhaus mit Remise, ein Gras- und Baumgarten und ein Hofraum mit Brunnen. Die Sonnenbadeanlage bestand aus einer Herren - und Damenabteilung mit Aus- und Ankleide, Glashaus und Wasserleitungsanlagen sowie Spielplatz und Acker (aus dem damaligen Katasterauszug). 1911 wechselte das Bad den Besitzer und der Bäckermeister Friedrich Leiner erwarb das Grundstück. Auch damals schon sorgten behördliche Vorgaben wie das Ausbessern einer Bretterwand zwischen Männer- und Frauenabteilung sowie eine Gaststättenkonzession zum Ausschank und Anbieten von Speisen und Getränken für Recht und Ordnung - und machten den Unternehmern das Leben schwer. Während des ersten Weltkrieges wechselte erneut der Besitzer und Wilhelm Weinberg erstand die Anlage. Das Bad hatte von Mai bis September von morgens 8 Uhr bis abends 7 Uhr je nach Jahreszeit geöffnet. Am Samstag, Sonntag, Montag und Mittwoch war das Bad für die Herren geöffnet, an den übrigen Tagen für Damen. Es wurden nur Luft-, Schwimm- und Schwitzbäder genommen, medizinische Bäder oder Kaltwasseranwendungen wurden nicht verabreicht. Im Juli 1922 gab Weinberg wegen schlechtem Geschäftsverlauf die Konzession ab. Seine Tochter, Elisabeth Weiß, erinnert sich in der Broschüre „Alte Hochzoller erzählen von ihrem Stadtteil, einst und jetzt“ an das Bad und sein Ende: „Die Stadt Augsburg machte nach einigen Jahren kostspielige Erneuerungen zur Auflage. Als dann auch noch der Motor gestohlen wurde, gaben meine Eltern auf. Noch nach 40 Jahren erinnerte das Schwimmbassin – mittlerweile verlassen, bewachsen mit Bäumen und Sträuchern – an die Anhänger der Natur- Gesundheitsbewegung um die Jahrhundertwende.“ Kiesbänke und Lech schafften einen Ausgleich für das verlorene Bad. Heute ist das Gelände weitgehend bebaut. Das alte Wohngebäude steht noch.
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