Ein Mann mit vielen Gesichtern

Wer war Dr. Fritz Scherwitz? Im Zusamtal wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg als "ungekrönter König" von Wertingen bekannt. Diese Aufnahme entstand circa 1947. Foto: oh

Betrüger und Verbrecher oder ein zweiter Oskar Schindler? Dr. Fritz Scherwitz galt nach dem Zweiten Weltkrieg als "ungekrönter König" von Wertingen.

Sein Leben ist voller Grauzonen, Machenschaften und Widersprüche. Dr. Fritz Scherwitz weist drei Geburtsorte auf, vier Geburtsdaten, zwei Nationalitäten, zwei Familiennamen, zwei Religionszugehörigkeiten und die jeweils passenden Lebensläufe dazu. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von den Alliierten als Treuhänder eingesetzt und mauserte sich schnell zum "ungekrönten König" von Wertingen.

Scherwitz kam unmittelbar nach Kriegsende in den Landkreis Wertingen. Hier bewarb er sich als rassisch Verfolgter bei der Militärregierung als Treuhänder. Mit Erfolg. Von den Alliierten erhielt er die treuhänderische Verwaltung der Firmen Zenetti und Strommer in Wertingen und die Schreinerei Baumann in Emersacker übertragen. Daneben oblagen ihm die Feststellung und die Verwaltung ehemaligen jüdischen Eigentums in Binswangen und Buttenwiesen. Schon bald nannte die Bevölkerung Scherwitz "Seine Majestät".

Zynismus, Arroganz, Machtgehabe, der ruinöse Absturz der ihm anvertrauten Betriebe, Saufgelage und unzählige Bettgeschichten brachten Scherwitz in kürzester Zeit einen mehr als zweifelhaften Ruf ein. Die Volksseele kochte. 1947 steckten Unbekannte sein Auto in Brand.

Doch wer war dieser Dr. Fritz Scherwitz? Als Eleke Sirewitz wahrscheinlich 1909 im litauischen Schaulen geboren, entstammte er einem jüdischen Elternhaus. In jungen Jahren schloss er sich einem deutschen Freikorpsregiment an. Mit ihm kam er Anfang der 1920er-Jahre nach Deutschland. Er war vermutlich Tagelöhner und immer wieder arbeitslos. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde er mit Hilfe seines vergilbten Freikorpsausweises in die SS aufgenommen.

"Als Luftschutzpolizist machte Scherwitz den Polenfeldzug mit und gelangte im Sommer 1941 mit der Polizei wieder in das Baltikum", recherchierte der ehemalige und mittlerweile verstorbene Wertinger Stadtarchivar Jürgen Fiedler. "Hier stieg er bis zum Wirtschaftsleiter des KZ-Außenlagers Lenta bei Riga auf und betrieb einen regelrechten Modesalon für die Partei. In seinen Werkstätten fertigten jüdische KZ-Insassen Kleider und Schuhe nach der elegantesten Mode." Dort beschäftigte Scherwitz zeitweise nahezu 1000 jüdische Ghettobewohner. Die bei ihm tätigen jüdischen Handwerker nannten ihn "Chaze", Kamerad, Beschützer, Lebensretter. 1943 wurde er "Fachführer" im Range eines SS-Unterstürmführers.

Bizarre Doppelidentität

Als die Rote Armee vorrückte, flüchtete Scherwitz in den Westen. Im April 1945 stellte er sich den Amerikanern und kam zunächst in das Kriegsgefangenenlager Heidesheim bei Bad Kreuznach. Dort gab er sich als verfolgter Jude aus. "Über einen aus Emersacker stammenden Mithäftling landete er schließlich im Sommer 1945 im Zusamtal", so Fiedler weiter.

Während seine Treuhandschaften ausliefen, wurde Scherwitz im Dezember 1947 Verfolgtenbeauftragter in Schwaben. Er reiste umher und versuchte seinen Pflichten gegenüber den Kriegsopfern und Flüchtlingen nachzukommen.

In München erkannte ihn zufällig ein ehemaliger Häftling aus Riga und zeigte ihn bei der Polizei an. Diese verhaftete ihn im April 1948. Scherwitz wurde in mehreren Prozessen als Kriegsverbrecher und Mörder angeklagt. Angeblich soll er während des Krieges Juden nach einem Fluchtversuch eigenhändig erschossen haben. Ein Vorwurf, der jedoch nie bewiesen werden konnte. Das Schwurgericht in München verurteilte ihn schließlich im August 1950 wegen Totschlags zu sechs Jahren Haft. Wieder wütete der Volkszorn, diesmal über das für sie zu mild erscheinende Urteil.

Vier Jahre nach seiner Verurteilung wurde Scherwitz in die Freiheit entlassen. Er schlug sich als Handelsvertreter durch. Gleichzeitig versuchte er, sich juristisch zu rehabilitieren. Doch ohne Erfolg. 1962 verstarb Scherwitz schwerkrank in München. Begraben wurde er unter seinem jüdischen Namen Eleke Sirewitz.

Der jüdische SS-Mann

Vor Jahren kam die Berliner Journalistin und Historikerin Anita Kugler der schillernden Persönlichkeit auf die Spur. Sie befrage Zeitzeugen in Lettland, Israel und in den USA. Daneben forschte sie in deutschen, israelischen und osteuropäischen Einrichtungen und wertete auch Unterlagen aus dem Wertinger Stadtarchiv aus. "Bei diesen Arbeiten bin ich auf Augenzeugenberichte gestoßen, die atemlos machen", resümierte sie. Bizarr entblätterten sich Identitäten.

Scherwitz ein NS-Verbrecher? Oder ein zweiter Oskar Schindler und großer Sohn des jüdischen Volkes, wie es heute fast alle Überlebenden der Shoah in Lettland beschwören? Anita Kuglers Details flossen in ihr Buch "Scherwitz - Der jüdische Offizier" ein. Doch auch sie konnte letztlich die Frage, wer Fritz Scherwitz eigentlich war, nicht klären.
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