Erinnern statt Vergessen

Die Synagoge in Binswangen wurde beim Novemberpogrom 1938 geschändet und verwüstet. Beim "Europäischen Tag der jüdischen Kultur" ist die heutige Begegnungsstätte zu besichtigen. Foto: Siegfried P. Rupprecht

Am Sonntag, 6. September, ist der "Europäische Tag der jüdischen Kultur". Binswangen und Buttenwiesen nehmen daran mit verschiedenen Programmpunkten teil.

Der "Europäische Tag der jüdischen Kultur" will dazu beitragen, die Geschichte und Kultur des europäischen Judentums stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Aus diesem Anlass öffnen in vielen Ländern Europas Synagogen, Friedhöfe, Gedenkstätten und Museen am Sonntag, 6. September, ihre Pforten. An der Aktion beteiligen sich heuer auch wieder der Förderverein Synagoge Binswangen und die Gemeinde Buttenwiesen.

Der Förderkreis Synagoge hat für diesen Tag gleich eine ganze Reihe von Veranstaltungen und Programmpunkte organisiert. So ist die Synagoge an der Judengasse 3 von 14 bis 16 Uhr zur Besichtigung freigegeben. Um 15 Uhr wird dort der Film "Die Schul bewahren" gezeigt. Er ist eine Dokumentation über die Geschichte der Juden in Binswangen und Schwaben. Der Streifen wurde von dem Augsburger Regisseur Christoph Gött im Auftrag des Förderkreises erstellt. Der jüdische Friedhof am Judenberg auf Wertinger Flur steht von 14 bis 16.30 Uhr zur Besichtigung offen. Er wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts angelegt. 1940 wurde er von Angehörigen der Hitler-Jugend total verwüstet. Nach 1945 konnte ein kleiner Teil der Grabsteine wieder aufgestellt werden. Auch die Friedhofsmauer wurde 1963 wieder errichtet. Um 17 Uhr gastiert das Duo Ariane Burstein (Cello) und Roberto Legnani (Gitarre) in der Synagoge. Es präsentiert eine faszinierende Vielfalt aus Klassik und Weltmusik.

Lange jüdische Tradition

Die Gemeinde Binswangen blickt auf eine lange jüdische Kultur zurück. Nach ungesicherten Quellen lebten bereits im 15. Jahrhundert Juden am Ort. Die jüdischen Familien konnten sich in einem Bereich unmittelbar östlich des Dorfes an der Straße nach Wertingen niederlassen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Anzahl der jüdischen Einwohner von 327 auf 415 Personen im Jahre 1848. Damit stellten sie fast 40 Prozent der gesamten Dorfbevölkerung.

Die jüdische Gemeinde errichtete eine Synagoge, eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben hatte die Gemeinde bis 1881 einen Rabbiner sowie einen Lehrer, der zugleich als Vorbeter tätig war.

Beim Novemberpogrom 1938 wurde das Gotteshaus geschändet und völlig verwüstet. 1942 wurden die letzten sieben Juden deportiert, fünf im April nach Piaski, zwei im September nach Theresienstadt.

Vortrag thematisiert Zusammenleben

In Buttenwiesen thematisiert ein Vortrag das Zusammenleben von Christen und Juden. Referent André Ebert beschäftigt sich um 14 Uhr im Rathaus, Marktplatz 4, mit der christlich-jüdischen Koexistenz in seinem Heimatort Buttenwiesen. Durch intensive Recherchen und Befragung zahlreicher Zeitzeugen kann er viele bislang unbekannte Facetten des gemeinsamen Miteinanders beschreiben. In seinem Vortrag berichtet er vom selbstverständlichen Umgang miteinander, aber auch von der Verschlechterung der Situation während der Zeit der Nationalsozialisten und der Deportation.

Diskriminierung und Entrechtung

Die Juden in Buttenwiesen prägten mehr als 365 Jahre ihren Heimatort. Die dortige Synagoge als Bet- und Versammlungshaus ist erstmals um 1700 belegt. 1856/57 ersetzte ein Neubau im neomaurischen Stil die alte Synagoge. Zu diesem Zeitpunkt bekannte sich fast die Hälfte aller Einwohner zum jüdischen Glauben. Wie in allen anderen Orten war die NS-Zeit auch dort mit einer weitreichenden Diskriminierung, Entrechtung und Verdrängung der Juden aus dem öffentlichen Leben verbunden. 1942 lebten nur noch 40 Juden in Buttenwiesen. Davon wurden 37 am 1. April 1942 in das polnische Zwangsghetto Piaski deportiert und vermutlich im Vernichtungslager Belzec ermordet. Die restlichen drei Juden wurden am 29. und 30. Juli 1942 in das Ghetto Thersienstadt zwangsdeportiert. Thekla Lammfromm überlebte als einzige deportierte Buttenwiesener Jüdin den Holocaust.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.