Heimatkunde im Zeitraffer

Als Konservator und Restaurator kümmert sich Gabriel Albrecht um das Museums-Inventar. Foto: Stöbich

Im Lechfeldmuseum an der Königsbrunner Schwabenstraße gibt es unter anderem Kücheneinrichtungen und Puppenstuben, bäuerliche Arbeitsgeräte und Trachten zu sehen.

Wer wissen möchte, wie unsere Vorfahren gelebt, gearbeitet und gefeiert haben, der sollte sich im Terminkalender einen interessanten Besuch im Lechfeldmuseum vormerken. Es zeigt in den Räumen an der Schwabenstraße anhand von mehreren tausend Ausstellungsstücken den bäuerlichen Alltag der Gründungssiedler, die Wohnverhältnisse und die Kleidung der früheren Bewohner des Lechfeldes. Wie im Zeitraffer kann man im Untergeschoss der Hauptschule anschaulich Heimatkunde erleben; unter anderem gibt es Kücheneinrichtungen und Puppenstuben, bäuerliche Arbeitsgeräte und Trachten zu sehen. Führungen durch die 600 Quadratmeter umfassenden Räume finden jeden ersten Sonntag im Monat um 10 Uhr statt oder nach Vereinbarung über das Königsbrunner Kulturbüro.

„Die Besucher können bei uns die Faszination des technischen Fortschritts erleben und die damit verbundene Verbesserung der Lebensqualität im Laufe der Geschichte“, sagt Gabriel Albrecht bei einem Rundgang. Er ist in Personalunion Museumsführer, Konservator, Restaurator, Handwerker, Künstler und Jazz-Experte. Dokumentiert wird im Königsbrunner Museum aber auch das Schwinden überlieferter Lebens- und Arbeitswelten.

Ein Großteil unserer Vorfahren arbeitete früher in der Landwirtschaft: Säen, Pflegen und Ernten bildeten die prägenden Elemente des täglichen Lebens. Wer kein Ackerland hatte, widmete sich einem Handwerk. Wie mühsam und gleichzeitig perfekt Schuster, Schneider und Wagner gearbeitet haben, wird anschaulich dargestellt.

„Je härter das Leben, desto intensiver das Feiern“, weiß Albrecht. Das tägliche Leben war eingebunden in einen tiefen christlichen Glauben, die Sonntagskleider und Trachten signalisierten Herkunft und Stand. Festtagsgewänder konnten damals aber nur bedingt gewaschen werden und wurden daher gelegentlich zum Domizil für Ungeziefer. Aber mit einer originellen Flohfalle, die im Museum zu sehen ist, haben unsere Vorfahren auch hier Ihren Erfindergeist unter Beweis gestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden der kleinen Gemeinde auf dem Lechfeld – Königsbrunn hatte damals 3000 Einwohner – etwa 1200 Heimatvertriebene zugewiesen. Und die trugen maßgeblich zur Entwicklung der Kommune bei. Viele Erinnerungsstücke haben eine bewegte Geschichte hinter sich. Sie wurden in aller Eile zusammengesucht, als sich 1946 Millionen deutschstämmige Bewohner Polens und Tschechiens auf den dramatischen Weg in eine ungewisse Zukunft im Westen machen mussten.

An den Wänden des Museums hängen kunstvolle Trachten und große Landkarten. In den Vitrinen findet man beispielsweise ein „Powidlsieb“, mit dem die Egerländer Pflaumenmus hergestellt haben. Oder Pfännchen für Küchlein, sogenannte Liwansen. Auch alte Dokumente, Fotos, Gläser und sakrale Kunst haben die Vertriebenen aus ihrer Heimat gerettet. Im Siebenbürger Raum findet man die typisch blau-weißen Krüge und kunstvoll bestickte Kirchenmäntel aus weißem Schafsleder.

„Karl-Bauer-Weg“ heißt der Fuß- und Radweg, der von der Schwaben- zur Schulstraße führt und damit auch zu einem Lebenswerk des Namensträgers. Der Museumsgründer und Rektor an der katholischen Bekenntnisschule (später Hauptschule Nord) hatte 1966 begonnen, altes Kulturgut zu sammeln, um es der Nachwelt zu sichern. Schon zur Stadterhebungsfeier 1967 konnte er in zwei Räumen des neu errichteten Rathauses eine erste Ausstellung präsentieren. 1974 wurde dann das Bauernhofmuseum im Untergeschoss der Hauptschule eröffnet, das auf 400 Quadratmetern 2000 Ausstellungsstücke präsentierte.

Bauer und seine Mitarbeiter sammelten weiter, so dass das Museum 1983 auf 600 Quadratmeter erweitert und in Lechfeldmuseum umbenannt wurde; seitdem werden auch Handarbeiten, Trachten, sakrale Gegenstände und Spielsachen ausgestellt. Christine Kuhn hat jahrelang mit Bauer zusammengearbeitet und zum Beispiel das Handarbeits- und das Haushaltszimmer eingerichtet. Stück für Stück wurden die Exponate auf Dachböden, Flohmärkten oder Versteigerungen zusammengetragen und dann die Vitrinen, Schränke und Zimmer eingerichtet.

„Zu jedem Exponat kannte Bauer eine Anekdote“, erinnert sich Albrecht, „und er hat alles mit einem Augenzwinkern erzählt.“ Noch heute ist der Museumsgründer präsent: Eine seiner Führungen wurde aufgezeichnet und dient seitdem als Lehrfilm für alle Museumsführer.

von Peter Stöbich
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