Stadt sucht Planer für ihr neues Bad

Das 50 Meter-Freibecken soll aufgelöst werden. Foto: Stöbich
Bobingen : Bobingen | Räte einigen sich auf Raumprogramm mit Überraschungen

Peter Stöbich

Bobingen. Nach einem Workshop zum Hallenbad-Neubau hat sich der Stadtrat gegen die Stimmen der FBU-Fraktion auf ein vorläufiges Raumprogramm geeinigt. In der jüngsten Sitzung bezifferte Christian Kuhn, Geschäftsführer der deutschen Sportstättenbetriebs- und Planungsgesellschaft aus Herne, die geschätzten Kosten auf 16,7 Millionen Euro. Die Stadtverwaltung sucht jetzt einen Generalplaner und muss bis Ende September ihren Zuschussantrag bei der Regierung einreichen; diese will in Kürze die schulaufsichtliche Genehmigung für eine sogenannte Doppelübungsstätte erteilen.

Das ist die Ausgangslage für das"Aquamarin": Ursprünglich sollte für knapp drei Millionen Euro nur die Technik von Hallen- und Freibad modernisiert werden; zuvor aber ließ das Stadtbauamt genauer nachschauen und mußte feststellen, daß massive Betonschäden eine aufwendige und entsprechend teure Sanierung notwendig machen. Zu den Kosten in Millionenhöhe wären in den Folgejahren weitere erhebliche Summen für eine energetische Sanierung gekommen sowie für Maßnahmen, um die Attraktivität der in die Jahre gekommenen Anlage zu verbessern.
Das zuletzt in den 1980er-Jahren generalsanierte und später an Ausstattung modernisierte Bad ist mit dem Freibad nur räumlich und personell verbunden, gemeinsam gibt es für beide Einrichtungen bisher nur eine Wärmeversorgung. Die Technik des Hallenbads ist mittlerweile so störanfällig, berichtete Bürgermeister Bernd Müller, dass sie das Personal nur mit hohem technischen und persönlichen Einsatz am Laufen halten kann. Ersatzteile sind kaum noch zu bekommen und die beiden Whirlpools werden nicht mehr in Betrieb genommen.
Aber es gibt noch mehr Probleme: Das staatliche Gesundheitsamt drängt Bobingen zu einer raschen Entscheidung über die Zukunft des Aquamarin und fordert die Verwaltung auf, "uns mitzuteilen, wie die Stadt plant, den regelkonformen Betrieb des Schwimmbades herzustellen und mit welchem zeitlichen Ablauf zu rechnen ist". Im Stadtrat sagte Kuhn, man müsse mit einer dreijährigen Planungs- und Bauphase rechnen. In der eineinhalbstündigen Debatte fasste er eine rund 50 Seiten dicke Machbarkeitsstudie zusammen, mit der sich die Stadträte bei ihrem Workshop vor zwei Monaten ausführlich beschäftigt hatten.
Auch die Bürger wurden aktiv: Einige gründeten einen Förderverein für ihr Bad und Hermann Paulin, Schwimmtrainer beim TSV Bobingen und Mitglied der Wasserwacht, organisierte eine Unterschriftenaktion, an der sich mehr als 2000 Menschen beteiligten (wir berichteten). Sie forderten die Stadträte in einem offenen Brief auf, „über parteipolitische Grenzen hinweg sachlich und konstruktiv eine Lösung für den Erhalt des Bades zu finden“.
Jetzt müssen alle mehr bezahlen. Schon für das bestehende Bad will Bobingen mit den Schulen und Vereinen kostendeckende, also höhere Preise aushandeln. Der Werkausschuss hatte sich für eine Anpassung ab der kommenden Wintersaison für Vereine ausgesprochen (wir berichteten). Bisher mussten sie pro Doppelstunde im Hallenbad 77 Euro bezahlen, künftig werden es 90 Euro sein. Die Hallen- und Freibadpreise wurden in der aktuellen Sommersaison angeglichen; eine Einzelkarte kostet jetzt 4,20 statt bisher 3,50 Euro, die Familienkarte zehn statt 8,50 Euro. Die alten Preise hatten seit Oktober 2013 gegolten.
Das hat der Stadtrat konkret beschlossen: Statt getrennter Hallen- und Freibäder soll Bobingen ein Ganzjahresbad für Familien, Schulen und Vereine bekommen. Aus Kostengründen will man allerdings kein Spaßbad, wie es umliegende Kommunen mit allen möglichen Attraktionen anbieten. Das 50 Meter-Freibecken wird aufgelöst; stattdessen soll es im neuen Hallenbad ein 25 Meter-Sportbecken mit sechs Bahnen geben, außerdem ein Lehrschwimmbecken mit Hubboden. Der Eltern-Kind-Bereich wird vom Freien ebenfalls nach innen verlegt.
Es wird auch einige Überraschungen geben: In den von Kuhn vorläufig genannten 16,7 Millionen ist ein sogenanntes Cabrio-Dach enthalten, das bei gutem Wetter wie in der Erdinger Therme geöffnet werden kann. Neue Attraktionen wie eine Meersalzgrotte und ein Außensolebecken sollen auch Besucher von auswärts nach Bobingen locken. Auch eine Textil-Sauna, also mit Badekleidung, ist im Gespräch.
Denkbar ist außerdem, durch verschiedene Kurse vom Babyschwimmen bis zur Rückenschule zusätzliche Einnahmen zu generieren. Kuhn hielt auch finanzielle Rückstellungen für wichtig, um den Besuchern alle paar Jahre neue Verbesserungen anzubieten.
Ein Geschäft wird das Ganze aber nicht. Denn die laufenden Betriebskosten für Energie, Marketing, Wartung und Personal (Aufsichtspersonen, Kassen- und Küchenkräfte, Reinigung, Verwaltung und so weiter) übersteigen wie überall in Deutschland die Einnahmen um ein Vielfaches. Es gibt zwar eine Potential-Analyse, aber wie viele Leute später tatsächlich ins Ganzjahresbad kommen werden, kann niemand voraussagen. Kuhn nannte im Stadrat ein jährliches Defizit von 1,6 Millionen Euro.
In der Diskussion gab es Bedenken. So sagte Stefan Wild (SPD), durch den Wegfall des 50 Meter-Freibeckens verringere sich die zur Verfügung stehende Schwimmfläche erheblich. Franz Handschuh stellte fest, eine Entscheidung sei ihm heute nicht möglich, weil er sich die seitenlangen Zahlenkolonnen aus der Machbarkeitsstudie erst genauer ansehen müsse. Er schlug vor, ins neue Bad auch Ladenflächen zu integrieren sowie eine gehobene Gastronomie, die sich auch für Hochzeiten und andere Veranstaltungen eigne. Davon riet Kuhn jedoch ab.
So geht es jetzt weiter: Mit dem vom Stadtrat beschlossenen Raumprogramm muss sich ein Generalplaner beschäftigen, der dann die echten Neubaukosten genauer beziffern kann. Kommenden Monat will die Regierung die schulaufsichtliche Genehmigung erteilen - Voraussetzung dafür, dass Bobingen überhaupt Zuschüsse bekommt. Mit der Genehmigung des vorzeitigen Baubeginns könnte die Stadt dann im Frühjahr 2019 rechnen.
Den tatsächlichen Start der Arbeiten schlägt die Verwaltung für März 2020 vor, damit für die Wintersaison 2019/20 größtenteils noch ein Hallenbad in Bobingen zur Verfügung steht. Ob die veraltete und anfällige Technik allerdings noch so lange durchhält, kann niemand sagen.
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