Zauberlehrling mit Meistertitel

Ein Geschenk hat sein Leben verändert: Zu seinem neunten Geburtstag überreichten Opa und Oma Philipp Reisner aus Bobingen einen Zauberkasten. Die Zauberei hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Bei den Deutschen Jugendmeisterschaften im Zaubern holte er sich 2014 den Sieg aus dem Zauberhut - den Titel will er verteidigen.

Philipp Reisners Zauberkammer sieht wenig spektakulär aus: Auf zwei Quadratmetern stehen eine Truhe, Kisten und Regale voller rätselhafter Dinge, zum Beispiel Schachteln und Schächtelchen, überdimensionale Geldscheine, Ringe, Seidentücher, Kartendecks und mitten drin eine 30 Zentimeter große Maggi-Flasche. Philipp Reisner grinst und erklärt: "Das ist Magie."

Die Magie-Flasche benutzt Reisner während seiner Auftritte. Fast jedes Wochenende steht der 16-Jährige als "Phil Rice" auf der Bühne, oder er geht von Tisch zu Tisch, zeigt bei Kindergeburtstagen, Hochzeiten und Betriebsfeiern seine Zaubernummern. Hilfe bekommt er von seinen Eltern, die mit ihm üben, ihn fahren und ihm bei der Technik zur Hand gehen. Stressig findet das der 16-Jährige, der das Königsbrunner Gymnasium besucht, nicht. "Ich bin froh, dass ich das machen kann." Wichtig sei ihm, im Kontakt mit dem Publikum zu sein. Große Illusionen, bei denen Zauberer Assistentinnen entzwei sägen, seien darum nicht sein Ding. "Mir gefällt am besten, was den Leuten am besten gefällt."

Seine Großeltern, selbst große Fans von David Copperfield und Siegfried und Roy, machten Reisner vor sieben Jahren ein besonderes Geschenk. "Ich habe den Zauberkasten gekriegt und es hat Riesenspaß gemacht", erinnert er sich. Seine erste Zaubershow sah Reisner 2008, mit zehn Jahren. Damals stand der Illusionist Hans Klok auf der Bühne der Augsburger Kongresshalle. "Er ist nicht mein Übervorbild", sagt Reisner. "Aber er hat einiges bei mir geschafft."

Das Zauberfieber hat Reisner erfasst: Er las viele Bücher, übte und übte. Seine erste Zaubershow gab Reisner 2011 in einer Bobinger Bank anlässlich des Weltspartags. "Da war ich richtig aufgeregt." Er putzte sich sogar heraus, trug eine rote Fliege, ein weißes Hemd und einen Dracula-Umhang. Es folgten weitere Auftritte unter anderem beim Sommerfest der Augsburger Polizei.

Zaubern, das will Reisner später auch beruflich machen. Falls das nicht klappt, möchte er Kommunikationswissenschaften oder Sprachen studieren. Im Moment sieht Reisners Zukunft als Zauberkünstler allerdings rosig aus.

Seit einem Jahr ist Reisner Mitglied des Magischen Zirkels Deutschland. Zwischen 50 bis 80 Jahre alten Männern ist Reisner der jüngste Zauberer. Eigentlich müssen angehende Mitglieder eine Aufnahmeprüfung absolvieren, berichtet Reisner, dazu gehöre auch, sich einen Mentor auszusuchen. Reisner durfte das alles überspringen, holte er sich doch 2014 bei den Deutschen Jugendmeisterschaften im Zaubern den Meistertitel.

Die Zauberer, alle ohne spitzen Hut, Rauschebart und Pfeife, versichert Reisner, treffen sich einmal im Monat in ihren Ortszirkeln. Reisner fährt dazu nach Mindelheim. "Man zeigt sich Nummern, die noch nicht fertig sind, gibt sich Tipps und tauscht sich aus - aber man verrät nicht alles." Überhaupt drohen schwere Strafen, falls ein Zauberer eine Nummer kopiert oder einen Trick verrät. Ratschläge bekommt Reisner auch von Kollegen vom Zaubertreff Augsburg.

Das ist auch nötig, denn viel Arbeit steckt in einem Kunststück. Acht bis zehn Stunden pro Tag hat Reisner während der Sommerferien an der Nummer gefeilt, die er für die diesjährigen Jugendmeisterschaften im Zaubern vorbereitet. Seit einem Dreiviertel Jahr beschäftigt er sich mit dem Auftritt, erst mit der Idee, die er zu Papier gebracht und mit Zauberer-Kollegen besprochen hat - er trägt Notizblock und Stift stets bei sich, um sich Ideen zu notieren.

"Man nimmt sich aus mehreren Sachen etwas heraus und verbindet es", erklärt Reisner. Wenn dann die Nummer fertig ist, kommt das Üben mit den Eltern, das Bauen der Requisiten. Fragen wie "Welche Musik soll während der Nummer zu hören sein?" muss Reisner beantworten.

Die deutschen Jugendmeisterschaften im Zaubern finden von 25. bis 27. September in Idar-Oberstein statt. Reisner will diesmal mit Mentalmagie punkten. Er will versuchen, die Lottozahlen vorherzusagen: Drei Lottofeen aus dem Publikum und ein Notar werden die Zahlen ziehen. "Es wird keinen Rauch geben, keinen langen Mantel", verspricht Reisner. "Aber es wird auf jeden Fall Spaß machen." Den Regieplan hat Reisner bereits abgeschickt, das Paket mit den Pyroeffekten ist geschnürt.

Reisner kennt das Lampenfieber, die innere Stimme, die einen zurückhalten und entmutigen möchte. "Wenn ich auf der Bühne stehe, ist alles weg, dann bin ich ein Stückchen mehr, nicht aufgedreht, aber anders."
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