Zehn Jahre technisches Denkmal Mittlere Mühle (2006 - 2016) - Eine Zeitreise durch die Besitzgeschichte der Mittleren Mühle

Bobingen: Mittlere Mühle | Die Mittlere Mühle ist bereits im Jahr 1427 als Besitz der Ritter von Knöringen erwähnt, die das Mühlrecht als Lehen des Hochstifts Augsburg - also des Bischofs von Augsburg - erhalten hatten, der bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Grundherr der Mühle war. Der erste bekannte Müller war um 1476 Hans Müller.
Nachdem den Müllern mit dem Rohstoff Getreide ein wertvolles Gut zur Bearbeitung übergeben wurde, versuchten Mühlordnungen die Getreideverarbeitung genau zu regeln. Im Jahr 1563 erließ Bischof Otto Truchseß von Waldburg beispielsweise eine Mühlenordnung, die vor allem die technischen Anforderungen an eine Mühle betraf: „Zum ersten soll sich ein jeder Miller befleißen, das er ein gueten geenden Zeug hab, alß nemblich guete Röder [Mühlräder] vßen vnnd Innen, auch guete scharpfe stein [Mühlsteine], die fleißig vnnd woll abgedreet seind, vnnd die vnndern Stain uff das nehist zusamen gesetzt. (...)“ (aus: Pötzl, Walter Hg.: Bauern, Handwerker, Arbeiter. Beiträge zur Wirtschafts-, Sozial- und Bildungsgeschichte. Augsburg 2001, S. 109).

Aus den Steuerbüchern von 1667 geht hervor, dass die Bobinger Müller im Hinblick auf ihr Vermögen zur dörflichen Oberschicht gehörten. So besaß der Mittelmüller Johann Müller in diesem Jahr 1210 Gulden. Laut Steuerregister gehörte 1667 zur Mittleren Mühle eine Bäckerei sowie sieben Tagwerk Wiesen, zwei Rösser, drei Kühe, zwei Stück Jungvieh, Ackerflächen und ein Viertel Hofstatt. Das Jahr 1786 markierte den Beginn der fast 200 Jahre währenden Müller-Tradition der Familie Egger. Der aus Reinhartshausen stammende und in Bobingen mit Afra Hartmann verheiratete Bauer Josef Egger sen., kaufte die Mühle um 5000 Gulden von Freiherr von Herresdorf. 1790 legte er gegen den Widerstand des Untermüllers Altheimer eine neue Sägemühle an, bevor er sie zusammen mit der Mühle, die aus zwei Mahlgängen, einem Brech- und einem Gerbgang bestand, 1797 an seinen Sohn Josef Egger jun. übergab. Karl Egger verstarb 1930 mit nur 34 Jahren. Seine Witwe Anna heiratete 1931 in Altötting den Schwabegger Müller Johann Grotz, der nun Müller der Mittleren Mühle wurde. Das Ehepaar blieb kinderlos. Um 1950 übernahm Anna Grotz zusammen mit ihrem Sohn Karl die Führung der Mühle und des Sägewerks (Firma Grotz & Egger). Als Folge des allgemeinen Mühlensterbens wurde auch die Mittlere Mühle am 1. Oktober 1970 stillgelegt. Nach dem Tod ihres Sohnes Karl 1973 war Anna Grotz alleinige Besitzerin der stillgelegten Mühle und der zugehörigen Ländereien. Sie stiftete 1980 der Stadtpfarrei St. Felizitas eine Pietà und spendete einen hohen Geldbetrag für die Renovierung des Kirchturms der Stadtpfarrkirche. Anna Grotz verstarb am 17. Oktober 1982 im Alter von 86 Jahren.
In Bobingen wurde durch den Beschluss des Stadtrats im Jahr 1991 die Mittlere Mühle samt Singoldinsel von der Stadt erworben. In den Folgejahren wurde ein Sanierungskonzept erarbeitet, das mit der Gründung des Fördervereins Mittlere Mühle im Jahr 1997 das historische Gebäude nach und nach zum Leben erweckte. Am 5. Juni 2006 wurde die sanierte Mittlere Mühle, jetzt ein Technisches Denkmal, als Kulturzentrum feierlich eingeweiht.

Neben der tatkräftigen Unterstützung des Heimatvereins „D´Hochsträßler“ arbeitete damals auch eine „Rentnerband“, eine ehrenamtliche Seniorentruppe, mit über 11.000 Arbeitsstunden und weitere freiwillige Helfer in einem Agenda 21-Projekt bis 2005 an der Renovierung des Gebäudes. Zudem unterstützten viele örtliche Firmen den Umbau mit Material- und Sachspenden. Von den veranschlagten Kosten für die Renovierung in Höhe von 1,4 Millionen D-Mark konnte die Hälfte durch diesen vorbildlichen Einsatz der Bürger eingespart werden.
Heute ist das Technische Denkmal „Mittlere Mühle“ ein belebtes Kulturzentrum im Herzen der Stadt, ein Kommunikations- und Bildungsort. Hier treffen sich Menschen aller Generationen und vieler Nationen. Vereine, Institutionen und Kulturamt bieten regelmäßig kulturelle Veranstaltungen in der Mittleren Mühle an. Musik, Literatur, Puppentheater, Vorträge und vieles mehr kommen hier zu Gehör und füllen zu allen Jahreszeiten den Kulturkalender.
Seit 2008 wurde zudem eine kulinarische Seite der Mühle neu belebt. Das motivierte Backteam des Fördervereins Mittlere Mühle betreibt seither den Steinbackofen auf der Nordseite des Mühlengrundstücks und bereichert so manchen Anlass mit ofenfrischen Broten und anderen gebackenen Köstlichkeiten. Besondere Publikumsmagnete sind beim Förderverein das alljährliche Weinfest und der nostalgische „Mühlenadvent“, der alle zwei Jahre stattfindet.
„Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, diese alte Mühlenweisheit gilt heute auch für alle Interessierten, welche die Räumlichkeiten der Mühle anmieten möchten. Mit rund 300 Einzelbelegungen pro Jahr ist die Mittlere Mühle heute ein lebendiges Kultur- und Bürgerhaus geworden. Seit einem Stadtratsbeschluss von 2012 ist die Anmietung nur noch den Bobinger Bürgern gestattet. Dieser Beschluss war nötig geworden, weil die Nachfrage nach den Mühlenräumen so groß wurde, dass die Bobinger Bürger aufgrund der zahlreichen Anmietungen aus der Region fast nicht mehr zum Zug kamen. Die Bobinger Bürger schätzen die Mittlere Mühle ganzjährig als Ort der Begegnung, die Verwaltung empfiehlt daher allen Interessierten ihren Wunschtermin für die Mittlere Mühle ein Jahr im Voraus anzufragen, dann klappt es in der Regel mit der geplanten Veranstaltung im heimeligen Ambiente der Mittleren Mühle an der Römerstraße. Nähere Auskünfte zur Anmietung und zu Veranstaltungen in der Mühle gibt es im städtischen Kulturamt und unter www.stadt-bobingen.de.

Text: E. Morhard, Quellennachweis: Stadtarchiv Bobingen, Stadtchronik Bobingen, Bild: Kulturamt Bobingen
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