Zum Jubeln gibt es keinen Grund: Bobinger Siedlung feiert 80-jähriges Bestehen

Quartiersmanager Bernd Beigl braucht eine Auszeit. Foto: Stöbich
Bobingen : Bobingen | Beim Neujahrsempfang in der Bobinger Siedlung gab es keine guten Nachrichten fürs neue Jahr: Quartiermanager Bernd Beigl nimmt sich ab sofort eine mehrmonatige Auszeit und überläßt sein Büro am Wertachplatz einer Vertretung. Damit fehlt ein wichtiger Ansprechpartner für die Bürger in der Siedlung, die heuer ihr 80-jähriges Bestehen feiert.
Das Jubiläum bietet keinen Anlass zum Jubeln, denn im Stadtteil gibt es keinen Hausarzt, keine Sparkassen-Filiale und keinen Supermarkt mehr; für letzteren laufen zwar Verhandlungen, deren Ergebnis aber völlig offen ist. Als "Kümmerer" für die Siedler hatte Beigl vergangenes Jahr versucht, mit Bastel- und Elterntreffen sowie anderen Veranstaltungen für eine Belebung zu sorgen. Das sogenannte Quartiersmanagement bildet einen wichtigen Baustein in einem integrierten Handungskonzept, mit dem die Stadtverwaltung die Siedlung fit für die Zukunft machen will.
Psychisch wieder fit werden will Beigl bei einer 11.500 Kilometer langen Radtour durch Afrika. Nach einigen beruflichen und privaten Problemen im Vorjahr fühlt sich der 49-jährige so ausgebrannt, dass er sich jetzt eine Auszeit nimmt und von Kairo aus zur Tour d’Afrique startet. „Für mich ist das ein Stück weit Therapie", sagt er, "ich will nicht den Kopf in den Sand stecken und Trübsal blasen, sondern Kraft tanken, damit ich wieder inspiriert ans Werk gehen kann.“
"Ich sehe die Betreuung laufender Projekte auch während Beigls Auszeit gewährleistet", sagt Müller auf Anfrage unserer Zeitung. Die Vertretung bis Mitte Mai werde Frau Hemming-Haas übernehmen; sie hat bereits während ihres Studiums im Rahmen von Praktika beim Quartiersmanager gearbeitet. "Die Stadt Bobingen hat keinen Vertrag mit Beigl persönlich, sondern mit der gemeinnützigen Augsburger Kulturküche", erläutert der Bürgermeister.
Gemäß dieses Vertrages habe die Kulturküche als Träger des Quartiermanagements auch für eine geeignete Vertretung zu sorgen. Über das Vermögen der Kulturküche, deren Geschäftsführer Bernd Beigl war, hatte das Amtsgericht Augsburg vergangenen Herbst das Insolvenzverfahren eröffnet.
Doch nicht nur Beigl kehrt Bobingen vorübergehend den Rücken: Auch Friedrich Kraus, Vorsitzender des Siedlervereins, ist ab 12. Januar nicht mehr erreichbar: Mit seinem Motorrad will er eine vierwöchige Tour durch Neuseeland unternehmen und sich überlegen, ob er bei den Neuwahlen Ende März noch einmal antreten soll. Im Gegensatz zum Festakt bei der 75-Jahrfeier schmiedet der Siedlerverein für heuer keine grossen Pläne, sondern will lediglich das Brunnenfest auf zwei Tage ausweiten. "Am 8. und 9. Juli soll es einen Gottesdienst und ein gemütliches Beisammensein mit Musik geben", kündigt Kraus an.
Bei der Jubiläumsfeier vor fünf Jahren war noch Aufbruchsstimmung spürbar gewesen, die mittlerweile verflogen ist. Ein Planungsbüro hatte im Auftrag der Stadt ein integriertes Handlungskonzept erstellt mit dem Ziel, die Siedlung aufzuwerten, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und junge Leute am Ort zu halten. Doch die Schließung von Sparkasse und Supermarkt bedeutete bei diesem Bemühen einen herben Rückschlag.
Konkret geplant ist derzeit ein soziales Wohnbauprojekt, das mithilfe von Fördermitteln auf einem städtischen Grundstück beim Brunnenplatz verwirklicht werden könnte. Stadtbaumeister Rainer Thierbach hat einen wenig genutzten Teil des Schulgrundstücks ins Auge gefasst; dieser liegt direkt neben dem Brunnenplatz, den man im Zuge der Stadtsanierung neu gestalten will.
Gedacht ist zunächst an rund 15 barrierefreie Zweizimmerwohnungen; im Erdgeschoß kann sich Thierbach eine Arztpraxis sowie eine öffentliche Nutzung durch ein Bewohner-Café, einen Dorfladen oder Ähnliches vorstellen. So könnten Senioren aus der Siedlung auch im Alter in ihrer gewohnten Umgebung bleiben; das Ganze solle aber kein Projekt des betreuten Wohnens oder ein Pflegeheim werden, so Bürgermeister Bernd Müller.Geschichtlich und rechtlich ist die Siedlung am Fuß des Leitenbergs zwar kein eigener Stadtteil, sie ist aber durch die Wertachau räumlich vom alten Ortszentrum getrennt. Der ehemalige Werksleiter der IG-Farben, „Siedlervater“ Adolph Kämpf, schreibt in seinen Lebenserinnerungen: „Neben dem Technischen wurde mir in Bobingen eine schöne soziale Aufgabe übertragen. Ich durfte jenseits der Wertach, beim Dörflein Straßberg, 1937 eine Arbeiter- und Angestelltensiedlung bauen.“ Der erste Spatenstich für die Siedlerhäuser fand im Juni 1937 statt, im Mai des folgenden Jahres konnten die ersten zehn Häuser bezogen werden.
Rasch wuchs die Siedlung, sodass 54 Siedler einziehen konnten und sogar noch drei Wohnblocks mit Werkswohnungen der IG-Farben bis 1941 fertiggestellt waren. Nach dem Krieg entwickelte sich die Siedlung weiter, die Gemeinde Bobingen und die Kunstseidefabrik förderten den Ausbau massiv. 1952 wurde die Siedlung nach Bobingen eingemeindet, damit übertrug sich auch das dynamische Wachstum des Fabrikstandortes auf ihre weitere Entwicklung. Die Siedlung bekam eine eigene Infrastruktur – 1954 mit dem Bau einer Schule, Sportanlage und Turnhalle, ab 1956 mit dem Kirchenbau „Zur Heiligen Familie“, der Errichtung zweier Kindergärten sowie eines Geschäftszentrums.
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